"Darf ich die Katze anzünden?"

20. Dezember 2021

Andere Länder, andere Sitten. Unser Autor Jad Turjman über seine ersten Weihnachtsfeiertage in Österreich, und wie er beinahe die besinnliche Stimmung bei seiner Nachbarin zerstörte.

Jad
Die Nachbarskatze anzünden? Das sorgt nicht unbedingt für festliche Stimmung. (Foto: privat)

Als ich nach Österreich kam, konnte ich mit der Weihnachtszeit nichts anfangen. Sie erinnerte mich an meinen Verlust, daran, dass ich nicht dazugehöre, dass ich fremd bin und keinen vertrauten Kreis habe, mit dem ich die Freude solcher Tage teilen kann. Dasselbe Gefühlschaos erlebte ich an den islamischen Feiertagen. Das erste Zuckerfest, das ich in Österreich über mich ergehen lassen musste, war erschütternd. Das Zuckerfest ist der wichtigste religiöser Feiertag für die Muslime und ist das Fest des Fastenbrechens und dauert unmittelbar nach dem Fastenmonat Ramadan drei Tage. Ich wachte damals im Flüchtlingsheim in Radstadt auf und wurde von eisiger Leere erschlagen. Nichts fühlte sich wie Zuhause an jenem Tag an, die Stimmung, die Vorfreude auf gutes Essen und Geschenke, die lachenden Gesichter, die jubelnde Zurufe von den Moscheen, die hinreißenden Düfte des Gebäcks meiner Mutter – alles das war weg. Es war ganz gewöhnlicher Tag. Mit meiner versammelten Familie in Damaskus zu telefonieren, ließ mich noch mehr abschalten und von der innerlichen Beteiligung an solchen Festen distanzieren. Und ich habe mir ziemlich schnell diese Rituale und Feierlichkeit abgewöhnt. Ich faste nicht mehr im Ramadan, seit ich in Österreich bin.

Jedoch wurde mir in den letzten Jahren klar, wie wichtig solche Feiertage für eine Gemeinschaft und für die eigene Zufriedenheit sind. Denn ich feiere mittlerweile Weihnachten und Silvester mit meinen autochthonen österreichischen Nachbarn in vollen Zügen. Offen gesagt, gewinne ich so langsam das Empfinden für die Stimmung zum Zuckerfest von Zuhause zurück. Weihnachten ist mir sowieso vertraut, denn in Damaskus haben viele Muslime diesen Tag mitgefeiert. Jesus und die heilige Maria haben ganz besondere Stellung im Koran. Im Endeffekt geht es bei allen religiösen Feierlichkeiten, um dieselbe Dynamik, dass Menschen Zusammenkommen, ihre Zuneigung mit Geschenken ausdrücken, ihre Kontroversen zur Seite legen und gemeinsam feiern. Der Scheich in der Moschee unserer Nachbarschaft betonte jedes Mal am Beginn des Zuckerfestes, dass Gott unsere Gebete, Hingabe und Feiern nicht annehmen würde, wenn man im Herzen einen Groll für irgendjemanden habe. Man müsse alle Menschen verzeihen und neues Kapitel bringen. Einen Groll auf mich hatte meine Nachbarin, Christine, für einen Augenblick bei dem ersten Weihnachten, das ich mit dieser Familie feierte. Ich stand vor dem Haus mit der dekorativen großen Kerze. Ich wollte sie als nette Geste anzünden, neben mir stand die Katze Schnür und blickte mich misstrauisch an. Mit meinem dürftigen Deutsch und vager Aussprache, verwechselte ich die Kerze mit der Katze und rief ganz laut durch das Haus: "Christine, darf ich die Katze anzünden?" Sie kam laufend mit blassem Gesicht auf mich zu. Bis sie den Ausspracheirrtum feststellte, stellte sie das ganze interkulturelle Zusammenleben in Frage.

Dem interkulturellen Zusammenleben zuliebe, entschied ich, das Zuckerfest künftig zu feiern und meine österreichischen Freund:innen dazu einzuladen. So meinte meine Uni-Professorin unlängst in einer Videokonferenz, dass wir unsere Noten kurz vor Weihnachten bekämen und sie als virtuelles Päckchen unter dem Weihnachtsbaum betrachten können. Ich sagte: „In meinem Fall, werde ich das Päckchen fürs Zuckerfest aufheben, ich lade sie dann zum Mitfeiern und Geschenke auspacken ein.“ Sie lachte ehrlich und bejahend!

In diesem Sinne: Frohe Weihnachten!

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