Der Ruf der Familie

25. Februar 2021

Was sollen die anderen denken? Dieser Satz ist Teil ihrer DNA. Yasmin Maatouk ist Österreicherin und Feministin, für ihre ägyptischen Eltern ist sie vor allem „Ehrenfrau“. Warum sie sich an strenge Regeln halten muss, da sie sonst nicht nur Schande über ihre Familie, sondern auch die von anderen bringen könnte, erzählt sie hier.

© Ūla Šveikauskaitė
© Ūla Šveikauskaitė

Ich, als gebürtige Österreicherin und Tochter ägyptischstämmiger Eltern, habe die Unterschiede der zwei Kulturen früh erkannt. Der für mich signifikanteste Unterschied liegt im Stellenwert der Familie. Innerhalb meiner arabischen vier Wände, die mich von den österreichischen Werten abgrenzen, wurde mir bereits in meine Windeln gelegt, was Familie bedeutet: alles. Und ich, das Mädchen, die Frau, die Tochter, kann mich mit meinen Lebensvorstellungen hinten anstellen. Falls Schlange stehen überhaupt etwas bringt. Individuelle Wünsche? So was gibt es bei uns nicht, so was kennen nur Österreicher.

Zunächst geht das Tochtersein natürlich mit Verpflichtungen einher. Auch wenn ich nicht die älteste Tochter bin, bleibt in Sachen Haushalt, Küche und Wäsche, genügend für mich übrig. Bin ich damit fertig, wartet schon die familiäre „Paper-Work“ auf mich. Ich kümmere mich um die E-Mails meiner Mutter, die als Altenpflegerin in Österreich zwar seit 13 Jahren schuftet, deren Deutsch für das Magistratskauderwelsch aber leider nicht ausreicht. Und natürlich bin es auch ich, die das Home-Schooling meines neunjährigen Bruders begleitet. Diese Familienarbeit ist zwar energieraubend und hält mich nicht selten von meinem Studium ab, aber darüber beklage ich mich nicht, denn sie gehört gemacht und ist notwendig. Was mich stört, ist etwas anderes. Etwas, das mit meinem österreichischen Blick auf die Welt nicht existenziell ist: ägyptische Family Affairs.

 

ÄGYPTISCHE FAMILY AFFAIRS

Warum muss ich überall dabei sein? Warum muss ich dreimal die Woche zu Community-Veranstaltungen, warum muss ich mein Outfit für diese Veranstaltungen wie ein kleines Kind von meiner Mutter absegnen lassen? Und warum muss ich bei der Bewirtung meiner Verwandten jedes einzelne Mal den Kaffee servieren? Obwohl ich eigentlich eigene Termine hätte, an der Uni zum Beispiel. Doch da zuckt meine Mutter nur mit den Schultern: Absagen ist ihre Divise, die Familie geht vor.

Für sie ist das nämlich so: Eine Tochter zu haben, die nicht an allen Familienaktivitäten teilnimmt, wirft ein schlechtes Licht auf die gesamte Familie. Es wäre ein Anstoß für die misstrauische Frage: „Was kann für deine Tochter denn wichtiger sein als die Familie?“ Damit solche Fragen gar nicht erst entstehen, die Ehre der Tochter nicht hinterfragt wird und womöglich die Ehre unserer Familie leidet, heißt es: Yasmin, anwesend sein! Meine eigenen „Wünsche“ fallen nicht ins Gewicht und ich rede hier nicht von Spaziergängen mit Freundinnen, sondern meinen Arztterminen oder sogar Prüfungen. Wenn ich meinen autochthonen Freund*innen diese Sorgen schildere, kommt immer dieselbe Aussage: „Mach es doch einfach nicht!“ Wenn es nur so einfach wäre. Die Verpflichtungen, mit denen ich in meinem Alltag konfrontiert werde, sind anders als auf arabischen Märkten, nicht verhandelbar. Und auch wenn mir persönlich der Familienruf seit Kindesalter unwichtig ist, bin ich mir bewusst, wie wichtig er meiner Familie ist. Der „Ruf der Familie“ wurde mir angeboren, als ich in meine Familie hineingeboren wurde.

 

„EHRENFRAU“ DATET NICHT

Dass ich eine Tochter, sprich Frau bin, spielt hier natürlich eine Schlüsselrolle. Bestimmte Restriktionen treffen mich gezielt, weil bestimmtes Verhalten in unserer Community nicht „Lady- Like“ ist. Wenn ich bei einer Freundin übernachten möchte, kriege ich zu hören: „Du bist kein Mann, dass du woanders nächtigen darfst.“ Obwohl ich nach österreichischem Gesetz mit meinen 19 Jahren eine mündige Erwachsene bin, bin ich nach arabischem Gesetz vor allem eines: „Ehrenfrau“. Und die darf nicht daten. Mit Mitte 20 erwartet man aber von mir, dass ich einen Ring am Finger habe. Die ungeklärte Frage: Wie bekomme ich meinen Ehemann? Es ist 2021 und eine Pandemie prägt unseren Alltag. Clubs und Bars sind eh nichts für Ehrenfrauen. Aber nicht einmal die Universität bietet Kennenlernmöglichkeit. Doch Gott bewahre, wenn eine ägyptische Frau eine Dating App wie zum Beispiel Tinder benützt. Man sollte meinen, dass sie nicht erwischt werden würde, weil ja auch alle männlichen Ägypter „Ehrenmänner“ sind und darauf verzichten. Ein Blick auf die App verrät jedoch, dass männliche Ägypter vom ungeschriebenen Tinder-Tabu ausgenommen sind. Freundinnen von mir nehmen sich trotzdem die Freiheit heraus, Tinder zu nutzen, aber das Credo lautet immer: „Bloß keinen aus der eigenen Community sehen oder irgendjemanden der möglicherweise in seinem Leben einen kennt.“ Wenn eine von uns ohne bevorstehende Hochzeit händchenhaltend mit einem Mann sehen würde, wäre das eine Katastrophe, eine Schande. Würde ich theoretisch eine Dating-App nutzen, würde das mit Sicherheit so ablaufen: Es würde sich in kürzester Zeit in der Community herumsprechen, Gerüchte würden entstehen und meiner Familien-Bewertung würde ein Stern abgezogen werden. Und das Schlimmste: Der Ruf meiner Familie wäre beschädigt, der meiner Schwester und der unserer Verwandten. Denn die Rechnung ist so einfach wie belastend: Prestige meinerseits heißt Prestige für meine Familie. Schande meinerseits heißt Schande für meine gesamte Familie. Und das ist der entscheidende Unterschied, der sich nicht leicht ins Deutsche übersetzen lässt. Wenn es um den Ruf der Familie geht, geht es um viel mehr als nur ein positives Auftreten und möglichst wenig kursierende Gerüchte. Es geht um das Aufrechterhalten von zwischenmenschlichen Beziehungen und den Respekt innerhalb der Community. Das, was ich mache, wird von gefühlt tausenden Augen meiner Community beobachtet und auf meine ganze Familie projiziert.

Ich glaube, das ist das Schlimmste an dem Versuch, eine moderne Frau in einer arabischen Community sein zu wollen: die lähmende Angst. Sei es beim Daten, beim Händchen halten oder bei einem anderen Community-Verstoß. Denn unabhängig wie überzeugt ich von meinen Werten bin, es geht immer um meine Verantwortung für den Ruf der Familie. ●

Dieser Artikel ist Teil des biber-Empowerment-Specials "Du bestimmst. Punkt."  Junge Frauen aus den Communities berichten im Rahmen des Projektes darüber, wie sie für Selbstbestimmung kämpfen. Das Projekt wird durch den Österreichischen Integrationsfonds finanziert. Die Redaktionelle Verantwortung liegt allein bei biber. 
Hier findet ihr die anderen Artikel, die im Rahmen des Projektes entstanden sind:

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