Der türkische Alptraum: Wenn die Tochter auszieht

14. April 2021

Mit 19 zog Autorin Naz Kücüktekin von Zuhause aus. Was in Österreich für viele so normal ist, war für sie lange nur ein unrealistischer Traum, den sie sich hart erkämpfen musste. Und das, obwohl ihre Eltern zu der “liberaleren Sorte Türken” gehören.

Von Naz Kücüktekin, Illustrationen: Linda Steiner

Linda Steiner
Illustration: Linda Steiner

Irgendwann in der Oberstufe sollten wir in der Schule auf die Tafel schreiben, was wir uns von unserem späteren Leben wünschen. Die anderen schrieben Sachen wie eine glückliche Familie, eine erfolgreiche Karriere oder ein großes Haus hin. Ich schrieb Unabhängigkeit hin. Ich kann mich daran erinnern, als wäre es gestern gewesen. Auch daran, dass ich mich danach fragte, ob ich diese Unabhängigkeit wohl je erreichen würde. Als Kind ist es normal, dass Eltern für dich Entscheidungen treffen. Irgendwann sollte dann aber doch der Zeitpunkt kommen, wo ein erwachsener Mensch selbst bestimmen kann, wie er oder sie lebt. Nun ja, in meiner Familie wäre dieser Zeitpunkt aber nie gekommen.

„DANN BIST DU FÜR UNS GESTORBEN“

 Meine Eltern kommen aus einer kleinen Küstenstadt am Schwarzmeer. Für türkische Verhältnisse ist das wahrscheinlich eine der Regionen, die halbwegs liberal ist. Eine Region, wo man im Sommer im Bikini am Strand liegt und abends Raki zu seinem Fisch trinkt. Meine Eltern und Familie passen da ganz gut hin. Ich würde sie weder als besonders konservativ noch als sehr religiös bezeichnen. Ich durfte auf jede Klassenfahrt mitfahren, anziehen, was ich wollte, fortgehen, Alkohol trinken – alles kein Problem. Als ich meinen Eltern erzählte, dass ich mich als Atheistin sehe, war die Antwort nur: OK, aber erzähl es bitte nicht deiner Oma. Doch wenn es darum ging, dass ich bei Freunden schlafe, einen Freund habe oder ein Tampon benutze – da stießen meine Eltern aber doch sehr schnell an ihre Grenzen. In eine eigene Wohnung ziehen zu wollen, gehörte da auch dazu.

Das Elternhaus zu verlassen, vor allem als Frau, ist in der türkischen Kultur auch heutzutage Großteils noch ein Tabu. Die einzigen legitimen Umstände sind, wenn man heiratet oder fürs Studium oder Arbeit an einen anderen Ort ziehen muss. Dass man in derselben Stadt wie seine Eltern lebt, aber eine eigene Wohnung hat, wirft schnell mal die Frage auf: „Warum brauchst du eine eigene Wohnung?“ Wobei der eigentliche Subtext dieser Frage ist: „Warum brauchst du eine eigene Wohnung? Du hast doch bestimmt etwas Unsittliches vor!“ Studieren, bis 30 zu Hause zu leben und dann zu heiraten, wären auch meine auferlegten Aussichten gewesen.

Genau solche Ansichten machten neben der Tatsache, dass ich mir ein Zimmer mit meinem Bruder teilte und mich mit meinen Eltern nicht besonders gut verstand, meinen Wunsch nach den eigenen vier Wänden aber nur noch größer. Anfangs lächelten meine Eltern diesen Wunsch noch ab. „Jaja, mach nur“, sagten sie dann oft, überzeugt davon, dass ich es sowieso nicht schaffen werde. Zugegeben, es ist auch wirklich schwer, auszuziehen, wenn man null Unterstützung hat – weder finanziell noch sonst irgendwie. Ich suchte mir im ersten Jahr meines Studiums also einen Job und legte über Monate hinweg jeden Cent beiseite. Später lernte ich meine jetzige Mitbewohnerin kennen, und wir beschlossen, uns gemeinsam eine Wohnung zu suchen. Als wir dann auch begannen, zu Besichtigungen zu gehen, kippte die Stimmung meiner Eltern sehr schnell. „Wenn du ausziehst, ist es aus, dann bist du für uns gestorben“, drohte mir mein Vater. Meine Mutter sagte dann oft einfach gar nichts mehr. Insgeheim wusste ich immer, dass sie das eher sagen, um mich davon abzuhalten. Aber selbst wenn, wäre es mir egal gewesen. Im Sommer 2015 zog ich mit 19 Jahren aus. In eine winzige Wohnung. Und konnte kaum glücklicher sein.

“WAS, DAS MÄDCHEN IST AUSGEZOGEN? ALLEINE?“

 Meine Entscheidung ist in meiner Familie heute noch umstritten. Meine Eltern machten ihre Drohung, wie erwartet, nicht wahr und halfen mir sogar bei meinem Auszug. Dennoch wurde mir immer wieder vorgeworfen, ich hätte meine Familie „im Stich gelassen“ und mich von ihnen abgewandt. Sie werden wahrscheinlich nie verstehen, dass ich mich lediglich für mich entschieden habe. Nicht gegen sie. Von meinem Bruder erfuhr ich Jahre später, dass sie davon ausgingen, ich würde es alleine eh nicht schaffen und wieder zurückkommen. Irgendwann akzeptierten sie es aber wohl, oder zumindest die Tatsache, dass sie nichts daran ändern konnten. Dass ich nicht mit ihnen wohne, ist mittlerweile kein Thema mehr und unser Verhältnis nicht großartig anders als zuvor – eher oberflächlich. Für mehr sind wir, glaube ich, einfach zu verschieden. Auszug hin oder her.

Eine andere Tante erzählte mir, dass es ihrer Schwester, also meiner anderen Tante, auch oft unangenehm sei, wenn Bekannte oder andere Verwandte nach mir fragen und sie dann das Thema wechselt. „Was, das Mädchen ist ausgezogen. Alleine?“

Linda Steiner
Illustration: Linda Steiner

Andere in meiner Familie aber bewunderten mich für meine „Stärke“. Manche beneiden mich sogar. Die Frau meines Onkels erzählte mir kurz nach meinem Auszug, dass sie auch am liebsten schon Anfang 20 ihr Elternhaus verlassen hätte. Ihre Worte dazu hallen bis heute noch in meinen Ohren: „Bei uns bist du einfach nie ein Individuum. Entweder du heiratest und wirst die Frau von jemanden, oder du bleibst halt die Tochter oder die Schwester. Nicht mal einen eigenen Haushalt kriegt man.“ Ich glaube, treffender hätte man es nicht formulieren können.

Wenn ich zurückblicke, habe ich auch das Gefühl, dass mein Leben erst so richtig mit meinem Auszug vor sechs Jahren losging. Ich war niemanden mehr Rechenschaft schuldig, wie lange ich wegbleibe, wo ich hingehe. Ich musste nicht mehr aufpassen, was ich erzähle. Ich lernte meinen Freund kennen und konnte meine Beziehung so führen, wie ich es wollte. Für all diese Freiheiten musste ich aber viel auf mich nehmen, mein Leben komplett selbst auf die Reihe kriegen. Während die meisten meiner studierenden Freundinnen und Freunde monatlich Geld von Papa und Mama aufs Konto überwiesen bekamen, arbeitete ich teilweise in drei Jobs gleichzeitig, um meine Miete bezahlen zu können. Den Anker „Eltern“ hatte ich ab dem Zeitpunkt meines Umzugs nicht mehr.

Meine Entscheidung auszuziehen habe ich trotzdem keinen einzigen Moment bereut oder je zurückgeblickt. Vor allem, weil ich auch weiß, dass ich viel Glück habe. Ich weiß, dass es viele Frauen gibt, die nicht einfach so ausziehen können, die von ihren Familien verfolgt werden würden. Ich weiß, dass Selbstbestimmung für viele Frauen, auch in Österreich, nur ein Traum bleibt. ●

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