diese Dijaspora..

29. Januar 2011

Es gab bestimmt schon unzählige Beiträge zu diesem Thema, was mich aber nicht daran hindert, noch einen draufzusetzen, Vorurteile der Daheimgebliebenen gegenüber uns Migranten. Jedesmal, wenn ich runter fahre, bin ich richtig nervös, es fängt schon beim Kofferpacken an,akribisch überlege ich mir immer, was ich mitnehme, rotes Lacoste-Shirt, das ich günstig in Parndorf ergattert habe? Sicher nicht, ist ja uur angeberisch! Bling-Bling Ohrringe ausm H&M, für 2.90€? Nöö, schauen teuer aus.. und so geht das dann bei jedem Kleidungsstück und Accessoire weiter. Nicht etwa, weil ich Angst habe, dass sie mir in Bosnien gestohlen werden könnten, oh Gott, deswegen ganz bestimmt nicht, vielmehr, weil ich nicht selten schnippische Aussagen wie:"Uh,uh,uh euch gehts ja gut in Österreich, kommst ja immer mit den neuesten Sachen daher", nicht mehr hören kann! Ich meine, woow ich fahre einmal im Jahr runter, klar, dass ich von Jahr zu Jahr einiges an Garderobe wechsle und BITTE, die Mädls in Sarajevo sind alle solche Fashion-Victims, da brauch ich mir doch nichts dergleichen anhören!! Das ist aber noch harmlos, richtig unfair wirds, wenn ich vorgeworfen bekomme, dass ich mein Land verraten habe, indem ich geflüchtet bin und nicht wie sie, untengeblieben und mein Land unterstützt habe. Ehrlich jetzt, was hätte ich als Kind ändern könnten und vorallem, jeder der die Chance gehabt hat, ist geflüchtet, sie wären genauso gegangen, nur hatten sie eben leider kein Glück. Klar, den Krieg miterleben zu müssen ist grausam, mich haben schon die paar Monate, in denen ich im Krieg war, sehr geprägt, das heißt aber nicht, dass wir Flüchtliche uns im Ausland gleich in ein tolles, neues Leben gestürtzt haben. Ganz im Gegenteil, in einem Keller in irgendeiner Gemeindewohnung mit ganz vielen anderen Menschen zu Hausen, Kleidung von Caritas zu tragen, kein Wort zu verstehen, überfordert von den ganzen Geschehnissen zu sein, ist alles andere als einfach. Das war wir jetzt haben, mussten wir uns mit Mühe erkämpfen. Und das was wir jetzt haben, ist gar nicht so toll. Ich kann es mir zum Beispiel nicht leisten, so wie meine Cousinen in Bosnien, mich mehrmals am Tag mit Freunden in der Stadt auf einen Kaffee zu treffen, und jetzt kommt mir nicht mit, "der Kaffee in Bosnien ist halt so billig", die Leute verdienen ja auch weniger, also kommts aufs selbe raus, und außerdem ist Zeit ja bekanntlich Geld und wie gesagt, ich, mit Uni, Nebenjob, Babysitten und Nachhilfe geben, könnte mir das nicht erlauben. Die negative Stimmung gegenüber uns Dijaspora, wie sie uns unten "liebevoll" nennen, geht mir wahnsinnig auf die Nerven, geschweige denn, wie sehr sie mich verletzt. Von Jahr zu Jahr habe ich deswegen immer weniger Lust "Nach Hause" zu fahren. Fremdenfeindlichkeit in Österreich, Fremdenfeindlichkeit in Bosnien - wo gehöre ich hin? Meiner Meinung nach ist dieses Denken der Menschen unten, ein Grund dafür, dass wir Migranten so eine Identitätskrise erleben. Wo gehöre ich hin? Wo ist mein zu Hause?

Kommentare

 

Irgendein kluger Dichter hat mal irgendwann gesagt:

"Du bist dort zuhause wo du dich auch zuhause fühlst!" ;-)

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Sich zu verstellen ist simple Selbsttäuschung.

 

also ich tackle mich jedesmal auf. weil wenn nicht....puh...da glauben sie ich bin pleite und kann mir hier nix leisten! hhahaa

 

...auch als verräter? heftig.
bei mir ist es eher ein wenig anders. und, was kleidung betrifft, so werfen sie uns "emigrierten" vor, dass wir in österreich oder deutschland verlernt haben, uns gut zu kleiden auhauhauhauhuaahuahuhuah. finde ich interessant und (witzig??). sie sind der meinung, dass es uns emigranten besser geht, aber, dass wir in deutschland oder österreich keine g'scheiten fashion-läden haben. "die menschen bei euch haben kohle, kleiden sich aber hässlich", tja, leider interessiert dem italiener nur das gute aussehen....

 

für italien wundert mich das nicht, dass sie euch vorwerfen verlernt zu haben, euch gut zu kleiden :D

 

ich habe früher immer absichtlich weite, zerrissene baggy pants getragen.

1. sind die total cool und bequem (würde sie auch heute noch tragen... aber, leider erwartet sich die Gesellschaft von uns Frauen, dass wir uns in skinny jeans hineinquetschen.)

2. habe ich damit meinen Vater in Bosnien geärgert... der fand das nicht so toll, dass jeder meine "gace" sehen konnte. :))

 

god bless the gesellschaft ;)

 

:P

heast, drei Tage vorher sich nur von Brot & Wasser ernähren.

ok, ich übertreibe jetzt maßlos, aber trotzdem... quetsch du mal deinen Hintern in ne skinny jeans, tztz...

 

Fremdenfeindlichkeit ist vielleicht übertrieben, da nicht alle Leute so sind! In Österreich wird man jedoch nicht richtig (als Österreicher) akzeptiert, und in seinem Heimatland gilt man dann auch als Schwabo oder sonst was (das gleiche kenn ich von vielen Türken, nicht nur von Jugos)! -> Und du hast es richtig analysiert, dieses Denken der Menschen allgemein ist ein Grund dafür, dass wir Migranten so eine Identitätskrise erleben.

Leider kenn ich auch keine Lösung dafür ;) sorry :)

 

super beitrag melisa.
wiedererkennungswert +++++++

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