Erdogan und Öcalan haben viele Ähnlichkeiten

28. März 2013

In Zukunft, so verkündete der inhaftierte PKK-Chef Abdullah Öcalan zum kurdischen Neujahr, sollte in der Türkei eine neue Ära beginnen, in der „nicht die Waffen, sondern die demokratische Politik“ im Vordergrund stehen. Die türkische Regierung reagierte positiv auf den angekündigten Waffenstillstand. Die Chancen auf eine echte Friedenslösung sind damit besser denn je. biber sprach mit dem in Wien lebenden Soziologen Kenan Güngör über die politischen Hintergründe.

 

biber: Kenan, du bist Kurde. Kannst Du bei diesem Thema überhaupt objektiv sein?
Kenan Güngör: Als Wissenschaftler oder Soziologe lebst du nicht außerhalb der Gesellschaft, sondern bist ein Teil von ihr. Die Frage ist, ob du trotz persönlicher Betroffenheit die notwenige Distanz in der Analyse wahren kannst. Gerade bei existenziellen Fragen ist es nicht einfach, aber diesen Anspruch erhebe ich.

Warst Du selbst in diesem Konflikt involviert?

Es gibt kaum eine kurdische Familie, die nicht menschliche oder materielle Verluste zu beklagen hat. In den kurdischen Gebieten wurden die Menschen aus etwa 4.000 Dörfern vertrieben. Etwa eine Million musste flüchten. Mein Dorf Dizik in Dersim gibt es nicht mehr. Ich war zudem für eine kurze Zeit ohne Schuldgrund inhaftiert und weiß, wie sich Einschüchterungen und Misshandlungen anfühlen.

Du bist doch in Deutschland aufgewachsen, wie hast Du in der Türkei im Gefängnis sein können?
Ich bin mit einer Menschenrechts-Delegation aus der EU in die Türkei gefahren. Wir sind damals in der Nähe von Silvan festgenommen worden. Wahrscheinlich verdanke ich es der deutschen Staatsbürgerschaft, warum ich damals lebend wieder raus gekommen bin. Das waren Zeiten, in denen man Leichen mit einem Sack über den Kopf im Straßengraben gefunden hat.

Du warst aber nicht in der PKK?

Ich war nicht in der PKK und habe den bewaffneten Kampf nie für richtig gehalten. Wer aber verstehen will, warum so viele Menschen zur PKK gingen, der muss die nackte Entrechtung und Demütigungen sehen, die erlitten wurden. Viele Kurden sagten sich, ok – was mache ich jetzt dagegen? Entweder ich mache überhaupt nichts und lebe weiterhin entrechtet und werde gedemütigt. oder aber ich sage: „So nicht!“ und dann gab es kaum mehr eine Option, außer die PKK. Denn für einen Zwischenweg gab es leider wenig Raum.

Die PKK ist laut EU eine Terrororganisation.

Ich finde, das würde das Bild der PKK nicht hinreichend erfassen. Hinter der PKK steht das größte Volk der Erde, das keine staatliche Souveränität hat und dessen Sprache und kulturelle Identität bis vor kurzem verleugnet wurde. Die Verleugnung hat endlich aufgehört, doch die Assimilierungspolitik geht weiter. Dass sich da bewaffneter Widerstand aufbaut, kann nicht mit dem Phänomen Terrorismus erklärt werden. Ich würde sagen, die PKK ist eine Aufstandsbewegung eines Volkes, die auch terroristische Elemente hat. Sie hatte auch terroristische Züge, sie aber nur als eine Terrororganisation zu bezeichnen, wäre eine reduzierende Verunglimpfung. Was wäre dann der türkische Staat gewesen?

Wie sollen Türken verstehen, dass ihre eigene Regierung plötzlich mit Öcalan, einem zum Tode verurteilten Schwerverbrecher, über Frieden spricht? Emotional ist das sicher für viele nur schwer verständlich. Aber die Türkei ändert sich radikal. Politiker nehmen dort risiken auf sich und versuchen radikal neue Wege einzuschlagen. Die AKP versucht das mit allen Instrumenten. Zudem gibt es unter vielen türkischen Meinungsführern, Journalisten und Medienleuten ein Umdenken. Erstmals sagen Türken, dass den Kurden Unrecht angetan wurde. Das hat alles eine neue Qualität und es gibt keinen Weg zurück.

Wer trägt die Aussöhnung mit den Kurden?

Politisch sind es die muslimische AKP von Ministerpräsident Erdoğan und die Kurdenpartei BDP. Die AKP hat so eine große Machtfülle, dass sie das tun kann. Jeder andere wäre längst unter die Räder gekommen.

Warum will Premier Erdoğan den Kurswechsel?

Es gibt verschiedene Gründe, warum sich das die AKP antut. Erdoğan war ja auch im Gefängnis. Er kennt sozusagen die Fratze eines autoritären Staates. Viele religiöse Gruppen und Strömungen haben – wenn auch nicht so stark wie die Kurden – selbst Erfahrung in Sachen Unterdrückung und haben dadurch ein höheres Verständnis für die Situation. Zweitens, für die AKP als islamische Gemeinschaft steht die Religion über der ethnischen Herkunft. Es gilt der Leitsatz der „Umma“, in der alle muslimische Brüder sind. Und drittens: Die Türkei hat einen neuen globalen Machtanspruch keine Brückenfunktion zwischen dem Orient und Okzident. Jetzt sagen die Denker der AKP: Die Türkei ist keine Brücke mehr. Sie ist ein neues Kraftzentrum. Und für sie kann der Kurdenkonflikt hinderlich sein um diese große politische Rolle auszufüllen.

Was können sich die Kurden erhoffen?

Ich wünsche mir, dass die kurdischen Kinder in der Türkei beide Sprachen können. Ich hoffe auch, dass die nationalistische Zwangsbeglückung, die Abwertung und die Assimilationspolitik aufhört. Dder um es auf Türkisch zu sagen. Es muss nicht jeder ein „Türk“ (Türke) sein, sondern es reicht, wenn alle sich als „Türkiyeli“ (zur Türkei gehörend) empfinden. Zudem sollte es mehr regionale Autonomie in den Kurdengebieten geben. Früher wollte man den eigenen Staat, heutzutage will man unter Beibehaltung der gegenwärtigen Territorialstaaten eine höhere Autonomie und intensive nachbarschaftliche Beziehungen zu Kurden aus dem Nordirak, Syrien und dem Iran.

Wie passen Erdoğan und Öcalan zusammen?

Ich glaube, dass Öcalan und Erdoğan sich in bestimmten Punkten sehr ähnlich sind. Beide sind unangefochtene Leader, beide gehen ziemlich viele Risiken ein. Beide stammen aus unglaublich antiliberalen und antidemokratischen Bewegungen. Erdoğan war ein radikaler Fundamentalist, Öcalan ein Stalinist, mit einem unbedingten Autoritätsanspruch. Und obwohl sie beide aus solchen totalitären und autoritären Richtungen kommen, entwickelten sich beide zu Demokraten und wollen einen radikalen Wandel für eine gemeinsame Zukunft. Somit haben beide aber neben ihren starken demokratiebezogenen Vorstellungen immer wieder eine antidemokratische Schlagseite.

Die Kurden werden darauf drängen, dass Öcalan frei kommt. Wird das passieren?
Es sollte um 20 Millionen unterdrückte Menschen und deren Rechte gehen. Nicht primär um Öcalan.

Wie wichtig ist Öcalan für den Friedensprozess?

Bis vor kurzem hat man sehr stark diskutiert, ob Öcalan überhaupt noch eine Rolle spielt. Jetzt ist er im Zentrum der neuen Entwicklungen gewor den. Er wird von der Zuschreibung „Mörder“, die er bekommen hat, zur friedenstiftenden Kraft der PKK. Eine Art Vermittlerrolle. Je mehr Öcalan ins Zentrum kommt und friedensstiftend wirkt, desto mehr wird es seine Akzeptanz in der Gesellschaft erhöhen.

 

 

von Simon Kravagna und Momcilo Nikolic

 

Fotos: Epa Photo/Hurriyet/picturedesk.com, Szilard Voros/ Rex Features/oicturedesk.com, Marko Mestrovic

 

 

 

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