„Wir sprechen nicht mit Journalisten. Außer mit biber.“

14. Dezember 2023

Ob untergetauchte Asylwerber, kriminelle Jugendgangs, tschetschenische Sittenwächter oder ein polnisch-kurdischer Zufall in einem belarussischen Grenzgebiet, der unsere Reportage gerettet hat: Wie habt ihr das bitte schon wieder aufgetrieben? Wie kommt ihr immer an die Leute?, wurden wir oft nach unseren Recherchen gefragt. Wir wiederum stellten uns immer die Frage: Wie sehen die Lebenswelten hinter den Schlagzeilen wirklich aus? Wie schafft man es, mit quasi null Ressourcen lebensnahe Reportagen zu bringen, die sonst keiner erzählen kann? Ein letzter Blick behind the scenes.

Von Aleksandra Tulej

 

Mein Freund hat mir erzählt, dass man mit dir gut reden kann. Können wir uns treffen? Aber bitte ohne Polizei und ohne Erwachsene.Im April 2019 erreicht mich auf Instagram eine Nachricht des damals 15-jährigen Omar*, der, wie sich herausstellt, Mitglied einer kriminellen Jugendgang ist. Besagten Freund hatte ich in seiner Klasse kennengelernt, in der wir im Rahmen unseres biber-Newcomer-Projekts unterwegs waren. Etwas erstaunt über das Vertrauen, das der damals Fremde zu mir zu haben scheint, sage ich einem Treffen zu. Nach und nach weiht Omar mich in seine Kreise ein und prompt entsteht daraus die Reportage Jung, brutal, kriminell Inside Wiener Jugendgangs. Der Artikel schlägt hohe Wellen, es tritt das ein, was nach großen biber-Reportagen immer passiert: Plötzlich rieseln die Anfragen größerer Medien ein, man möge doch bitte die Kontakte weitergeben, man sei doch unter Kolleg:innen, man wolle doch dasselbe. Naja. Mit einem kleinen aber nicht unwesentlichen Unterschied.

Biber konnte das, was andere nicht konnten: Das Vertrauen der Menschen hinter den Schlagzeilen für sich gewinnen. Weil wir nicht über sie gesprochen haben, sondern mit ihnen. Wir hatten den Zugang, den sonst keiner hatte.

"Wir regeln das unter uns“ – 2021 beleuchteten wir den „Straßenkonflikt“ zwischen afghanischen und tschetschenischen Jugendlichen von innen. Dafür gab es den Östereichischen Jugendpreis 2022 des BKA.
"Wir regeln das unter uns“ – 2021 beleuchteten wir den „Straßenkonflikt“ zwischen afghanischen und tschetschenischen Jugendlichen von innen. Dafür gab es den Östereichischen Jugendpreis 2022 des BKA. Illustration: calimaat

 

Wir sprechen nicht mit Journalisten. Aber mit biber sprechen wir, ihr seid anders.

 

Wir sprechen eigentlich nicht mit Journalisten. Aber mit biber sprechen wir, ihr seid anders.Es ist dieser Satz, der uns wieder und wieder zu den besten Reportagen gebracht hat. Ob das etwas ist, womit man angeben kann, wird sich der ein oder andere jetzt fragen. Durchaus waren unsere Protagonisten ja oft problematisch, um es gelinde auszudrücken. Dabei ist es ganz einfach: Ich war nie Fan davon, Konflikte schönzureden, oder nur Positivbeispiele gelungener Integration“ aufzuzeigen das fand ich erstens irgendwie infantilisierend den Protagonisten gegenüber und zweitens ehrlich gesagt auch schlicht langweilig. In den Migra-Communities in Wien gibt es durchaus große Probleme, die angesprochen gehören. Aber der springende Punkt hierbei ist: Es geht darum, wer sie anspricht und vor allem wie man sie anspricht.

Bussi-Bussi mit Entscheidungsträgern in Politik und Medien hat biber nie interessiert. Was uns umso mehr interessiert hat, sind die Menschen hinter den Schlagzeilen. Was daraus entstand, ist ein riesiges Netzwerk an Personen, an die man sonst nicht rankommt, wie wir oft von anderen Journo-Kolleg:innen zu hören bekommen. Wir hatten nie die Ressourcen oder die finanziellen Möglichkeiten, die große Medien haben was wir hatten, waren die Menschen dahinter. Jene Menschen, die uns dann von einer Reportage auf das nächste Thema gebracht haben: Ob ehemalige IS-Sympathisanten, Straßenkonflikte zwischen afghanischen und tschetschenischen Jugendlichen in Wien, Graue Wölfe, illegale Tuning-Autorennen am Kahlenberg und und und. Die Liste wurde mit jedem Jahr länger. Dabei stellten sich uns auch immer wieder moralische Fragen, vor allem da wir oft mit Jugendlichen zu tun hatten, die gerne einmal zu viel und zu ungefiltert erzählen mehr als ihnen guttut: Wie macht man eine Geschichte über minderjährige Drogenabhängige im Stadtpark, ohne sie selbst in Gefahr zu bringen? Wie redet man mit Frauen aus Communities, bei denen die Familien nicht erfahren dürfen, wer da mit biber gesprochen hat? Das Credo: Indem man mit ihnen auf Augenhöhe spricht. Was auch oft bedeutet hat, mit Leib und Seele über Wochen in Milieus einzutauchen, mit denen man sonst nicht in Berührung kommen würde.

 

Das kannst du nicht schreiben.

Das kannst du nicht schreiben. Alles, nur nicht das. Misch dich da nicht ein, wurde mir im Sommer 2020 von allen Seiten geraten. Damals war das Thema der tschetschenischen Sittenwächter, die ihre Landsfrauen verfolgt und bedroht hatten, wieder einmal in aller Munde. Die Politik hat sich darüber aufgeregt, die üblichen Twitter-Experten haben ihre Elfenbeinturm-Meinungen dazu abgegeben, die Schlagzeilen haben sich gehäuft. „Warum, zur Hölle, spricht aber niemand mit den Frauen selbst? Mit denen, um die es bei dieser ganzen Debatte eigentlich geht?, die Frage ging mir damals nicht aus dem Kopf. Also hat biber es getan. Weil biber, wie so oft, den Zugang hatte. Mit den Frauen aus der Reportage habe ich bis heute Kontakt und sie liefern mir immer wieder Einblicke in eine Community, die sehr verschlossen lebt.

Dabei sind es ja oft Themen, die von Politik und Boulevard nur so zerrissen werden immer wieder sprach man in Österreich von untergetauchten Asylwerbern, die hier ohne Aufenthalt leben. Aber: Wer sind diese U-Boote, von denen die Politik so gerne redet? Was sind ihre Beweggründe und wie kann man in Österreich untergetaucht leben? Ich wollte es aus erster Hand erfahren. Etliche Streifzüge durch Wien bleiben ohne Erfolg. Ich telefonierte damals innerhalb von zwei Tagen über 200 Kontakte durch, bis ich endlich eine Spur hatte. Es ist Juni 2023, kurz vor Redaktionsschluss: Du bist doch fix eine Zivilpolizistin!, begrüßt mich mein neuer afghanischer Kontakt, der illegal in Österreich lebt, bei unserem Treffen am Praterstern. Als ich ihm meinen Presseausweis zeige, vertraut er mir immer noch nicht. Nein, zeig dein Insta, erst dann glaub ich dir.Gesagt, getan, Vertrauen gewonnen, weitere Kontakte bekommen, Reportage geschrieben. Und dann die nächste Frage.

In „Das Leben mit den Sittenwächtern“ lieferten tschetschenische Frauen 2020 Einblicke in ihre streng verschlossene Community.
In „Das Leben mit den Sittenwächtern“ lieferten tschetschenische Frauen 2020 Einblicke in ihre streng verschlossene Community. Foto: Zoe Opratko

 

Wo kriegen wir heute noch einen afghanischen Pass her?

Wie bebildert man Reportagen, auf denen die Protagonist:innen nicht erkennbar sein dürfen? Biber-Geschichten waren immer bildstark. Fade Stockfotos und Symbolbilder waren nie unser Ding. Unsere Fotochefin Zoe Opratko grübelte immer von Sekunde eins mit uns, wie wir die Bildebene am besten gestalten. Bei dieser Reportage war sofort klar: Ein afghanischer, syrischer und irakischer Pass müssen her. Aber wo treibt man so etwas auf, ohne offizielle Kontakte? Wir hielten die Requisiten innerhalb weniger Stunden in der Hand wie immer. Immer hatte jemand einen Cousin, dessen Schwager, dessen Ex-Freundin jemanden kennt undach, ihr wisst schon, biber halt. Übrigens: Wie oft wir für unsere Shootings den Inhalt unserer Kühl- und Kleiderschränke, unsere Wohnungen, Geschwister, Partner oder eigene Körperteile hergeborgt haben – darüber schreibt Delna Antia-Tatić noch ausführlicher auf Seite 28. Die Faust, die unser Cover Jung, brutal, kriminell“ im April 2019 zierte, gehörte einem der Protagonisten beim Shooting haben wir die Ursprungs-Idee gemeinsam mit unseren jämmerlichen Fake-Schlagringen beiseite gelegt und einfach das, was wir vor Augen hatten, abgelichtet. Und das ging dann auf. Beim Ausräumen unserer Redaktionsräumlichkeiten stieß ich letztens auf unsere Requisiten-Lade: Wenn jemand einen positiven Schwangerschaftstest, eine zerschnittene Türkei-Flagge oder einen aufblasbaren Globus braucht, gebt gern Bescheid. Gebetsteppiche, Kruzifixe und Talare hätten wir da auch im Angebot.

Wir konnten jedenfalls aus nichts viel machen. Auch das war biber. Unsere Sprachenvielfalt in der Redaktion nutzten wir zum Vorteil: Nach dem verheerenden Erdbeben in der Türkei und in Syrien im Februar 2023 waren wir das erste Medium, das Kontakte vor Ort hatte die Familien unserer Redakteur:innen. Wir haben gemeinsam auf Anrufe gewartet, getrauert, gehofft und darüber berichtet. Im April sind wir dann nach Hatay geflogen, um die Trümmer des Hauses der Familie unserer Kolumnistin Özben Önal zu dokumentieren. Das waren Reportagen, die nicht nur trockene Berichterstattung von außen waren, sondern Bestandsaufnahmen von Ereignissen, von denen unsere Redakteur:innen selbst betroffen waren was alles doppelt schwierig machte, gleichzeitig aber auch doppelt sinnvoll. Wir hatten keine Fixer, keine Fahrer, keine Dolmetscher. Das waren alles wir selbst, unsere Familien und Bekannte vor Ort was journalistisch ein Vorteil war, war auf der persönlichen Ebene dann aber doch schwierig. Umso stärker war dann das Endergebnis.

Was nach außen oft nicht sichtbar war: Wir waren eine Handvoll Menschen, die immer 110 % gegeben haben, wenns sein musste, auch mal rund um die Uhr. Die Engelsgeduld unserer Verlagsleiterin Aida Durić bei etlichen Social-Media-Shitstorms, die aus unterschiedlichsten Communities daherkamen, gehört hier auch einmal erwähnt. Ich hätte an ihrer Stelle längst einfach das Internet gelöscht. Aber trotz aller Morddrohungen und Einschüchterungsversuche haben wir immer weiter gemacht. Wir haben oft improvisiert, uns jeden Tag etwas selbst beigebracht, manchmal sind wir an Recherchen gescheitert, viel öfter wurden andere Geschichten daraus kein Strich war umsonst, wie ich jetzt weiß. Das Credo unseres ersten Chefredakteurs und letzten Herausgebers Simon Kravagna lautete übrigens immer: Mach, wie du glaubst. Und wenns nicht geht, bin ich da.” Für diese Herangehensweise werde ich ihm immer dankbar sein nur so hat biber-Journalismus funktioniert.

„Das ist nicht unser Jihad“ – Drei ehemalige IS Sympathisanten haben uns 2020 über ihren Ausstieg erzählt.
„Das ist nicht unser Jihad“ – Drei ehemalige IS Sympathisanten haben uns 2020 über ihren Ausstieg erzählt.

Die biberschen Zufälle

Oft waren es aber auch Zufälle, die nur in unserer Redaktion möglich waren, wie im Sommer 2021. Ich werde nie vergessen, als unser Politik-Ressortleiter Amar Rajković und ich auf der berühmten Grübel-Couch der Redaktion saßen und uns den Kopf darüber zerbrochen haben, wo wir denn jetzt Protagonisten für eine Geschichte über Afghanen in Wien, die mit den Taliban sympathisieren, herbekommen. Plötzlich platzt, mir nichts, dir nichts, ein junger Afghane in unsere Redaktion die Hochsicherheitseingangstür stand nicht nur sprichwörtlich immer offen und will uns ein Theaterstück eines afghanischen Filmemachers vorstellen. Die Szene war tatsächlich filmreif: Wir wechseln ein paar Blicke und Worte und es wird klar: Theaterstück uninteressant, seine Erzählungen umso spannender. Wir haben unseren Protagonisten. Unsere Geschichte ist uns wortwörtlich in den Schoß gefallen oder in die Redaktion hereinspaziert. Manchmal spazierten die Geschichten auch auf Dächern:

Du, ich komme heute etwas später. Du wirst nicht glauben, was mir heute Nacht passiert ist. Meine Katze ist weggelaufen, wir haben sie die ganze Nacht gesucht. Aber weißt du, wem das Dach von meinem Haus gehört?Diese kryptische Nachricht unserer Kulturressortleiterin Nada Chekh an mich brachte uns zu einer Geschichte über ultraorthodoxes Judentum in Wien. Einer, die man sonst noch nie so gelesen hat, wie wir als Feedback bekamen.

Bis heute kann ich übrigens nicht glauben, dass diese klassisch bibereske Situation wirklich so passiert ist: November 2021, wir stehen frierend vor einem Krankenhaus in Bielsk-Podlaski, einer kleinen Ortschaft in Polen direkt an der Grenze zu Belarus, der damaligen Sperrzone, die Polen eingerichtet hatte. Wir, das sind unsere Kamerafrau Soza Jan und ich und unzählige andere internationale Journalist:innen und Kamera-Teams: CNN, Reuters, die ganz Großen eben. Keiner von uns dürfte offiziell hier sein, aber wir nutzen das Chaos. Alle tummeln sich hier, um ein Interview mit dem Oberarzt des Spitals, Dr. Arsalan Azzadin, zu bekommen. Der gebürtige Kurde behandelt hier Flüchtlinge, die durch Push-Backs aus Belarus wieder nach Polen gebracht werden: unterkühlt, ausgehungert, und dann auch noch mitten in der Pandemie. Ich habe wirklich keine Zeit für Interviews, Sie müssen verstehen, das geht einfach niWarte! Warte! Bist du Kurdin? Ich glaube, ich kenne deine Familie!, fragt der Oberarzt unsere Kamerafrau Soza und pickt sie aus der Menge raus. Tatsächlich sie tauschen einige Worte auf Kurmanji aus und es stellt sich heraus, dass der Oberarzt des Krankenhauses in einem kleinen polnischen Dorf die Familie unserer Kamerafrau in Syrien kennt. Bei Gott, das ist Schicksal, das kann kein Zufall sein! Ihr kommt rein, aber nur ihr!Wir bekommen als einziges Medium ein Interview mit ihm, das Gespräch wird ein wesentlicher und exklusiver Bestandteil unserer Reportage über die Sperrzone im polnisch-belarussischen Grenzgebiet, wo wir übrigens als einziges österreichisches Medium waren. Ach ja: Die Grenzsoldaten haben wir dort undercover über Tinder ausfindig gemacht, aber das ist eine ganz eigene Geschichte. Ressourcen hatten wir nie, dafür haben wir gelernt, kreativ über alle Tellerränder zu blicken.

Diese besonderen Zufälle oder eher Schicksale wie diese Szenen passieren nur bei biber. Die Redaktion wird jetzt ihre Türen schließen, aber was bleibt, sind die Menschen, die daran mitgewirkt haben. Wir werden alles dafür tun, unsere Geschichten, unsere Berichterstattung und vor allem unsere Ideen mitzunehmen und sie in möglichst vielen Redaktionen des Landes zu streuen ihr kommt sowieso nicht um uns herum, wir sind mittlerweile zu viele. ●

 

Zur Autorin: Aleksandra Tulej war die letzte Chefredakteurin von biber.

In „Asylstatus: Untergetaucht“ (2023) erzählten Asylwerber ohne Aufenthaltsstatus von ihrem Leben im Versteck.
In „Asylstatus: Untergetaucht“ (2023) erzählten Asylwerber ohne Aufenthaltsstatus von ihrem Leben im Versteck.

 

 

EIN CREDIT MIT SCHARF.

Biber-Journalismus hat zu einem großen Teil nur funktioniert, weil unzählige Menschen mir und uns immer und immer wieder bedingungslos geholfen und vertraut haben. Menschen, die nie für biber gearbeitet haben, aber einen großen Part geleistet haben, damit die Reportagen entstehen konnten. Mein größter Dank gebührt Fabian Reicher, der mir bei so vielen Geschichten zur Seite gestanden ist und Rückendeckung geliefert hat. Genauso bedanke ich mich bei Rami Ali, Julian Pehm, Derai Al Nuaimi, Obada Karzoon, Even Assad, Ahmad Mitaev, Mansour, Cheda, Hawa, Amina, Omar, Ahmet und all den anderen, die nicht namentlich erwähnt werden wollen oder können ihr wisst, wer ihr seid. Ohne euch wären die meisten dieser Geschichten niemals entstanden. Ihr werdet für mich im Herzen immer mit scharfbleiben.

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