Glücklich in der Schubhaft

27. März 2013

Biber bekommt Leserbriefe. Die Einen schreiben aus Favoriten, die Anderen sogar aus Frankfurt. Mit Post aus der Schubhaft haben wir aber nicht gerechnet.

Ein gewöhnlicher Nachmittag im biber-Büro. Wir halten die erste Redaktionssitzung nach der gerade erschienenen März-Ausgabe. Wie so oft moniert der Herausgeber, dass es noch zu wenige knackige Geschichten fürs nächste Heft gibt. „Wir haben ja noch genug Zeit“, versuchen wir ihn zu beruhigen, die Kaffeemaschine ist nonstop im Einsatz, das Telefon ebenso. Alles gewöhnlich, alles wie gehabt, bis wir plötzlich einen Mann, Anfang 30, an der Türschwelle entdecken. „Ich habe einen Brief für Amar“, verkündet der Unbekannte mit schmächtiger Statur und Kappe auf dem Kopf. „Er stammt von Benedikt Nguyen, der in Schubhaft sitzt und deswegen zur Sitzung der freien Redakteure nicht erscheinen kann.“ 

„Benedikt wer?“ Ich bin verwirrt. Der Name sagt mir nichts und die Verbindung zum Gefängnis löst ein komisches Gefühl in mir aus. Ich nehme trotzdem den Brief in die Hand. Der mysteriöse Mann stellt sich als Rechtsberater des noch mysteriöseren Benedikts heraus. Er verabschiedet sich und lässt seine Kontaktdaten bei uns.

 

Kein U-Boot mehr

Für kurze Zeit herrscht Stille. Ich öffne den Brief und fange an zu lesen. Der Absender entschuldigt sich höflich, er hätte gerne an der Sitzung teilgenommen, aber ja, da ist etwas dazwischengekommen. Da leuchtet es mir ein! Benedikt war vor geraumer Zeit spontaner Gast in der Redaktion.Ich hatte Kaffee mit ihm getrunken und mir seine ersten Textversuche angesehen. Als ich ihn nach fünfzehn Minuten verabschiedete, schenkte er mir eine kräftige Umarmung und bedankte sich mehrere Male. Es wirkte so, als ob ich der erste Mensch wäre, der ihm zugehört hat. Jetzt sitzt er in der Schubhaft. Dort sitze er, weil er sich illegal in Österreich aufhält. Als „U-Boot“ getarnt, habe er sogar eine Wohnung in Wien und bis Ende Februar auch einen Job gehabt. „U-Boot“, diese niedliche Bezeichnung bedeutet im Klartext: Benedikt Nguyen lebt illegal, ihm droht die Abschiebung. Mein Kopf ist noch immer voller Fragezeichen. Warum schickt er MIR diesen Brief? Und warum stellt er sich freiwillig der Polizei, wenn er weiß, welches Schicksal ihm droht? Ich sehe auf der Visitenkarte des Rechtshelfers noch eine mit Hand geschriebene Adresse, Breitenfeldergasse 21, 1080 Wien. Die Besuchszeiten sind auf zwei Mal die Woche limitiert. Am nächsten Sonntag stehe ich in der Gasse vor der noch verschlossenen Tür des Polizeianhaltezentrums. Autos flitzen am nahegelegenen Gürtel sekündlich vorbei,während die ersten Angehörigen sich mit mir in die Warteschlange einreihen. Eine junge afrikanische Frau mit Kopfhörern steht seelenruhig und wartet, ebenso eine österreicherin, die ihren türkischen Ehemann besucht. Sie redet von rassistischen Beamten und unfairer Behandlung ihres Mannes. Ich merke, wie sich mein Kehlkopf zusammenschnürt. Die Tür geht auf.

Good Fellas und Green Mile

Meine Vorstellung vom Gefängnis basiert auf Hollywood-Filmen und Besuchen von mittlerweile geschlossenen Anstalten wie Alcatraz bei San Francisco. Da wären die „Good Fellas“, die hinter Gittern köstlich Parmaschinken und Pasta speisen, oder der sanftmütige Riese von „Green Mile“, zu dem der Gefängniswärter Tom Hanks ein inniges Verhältnis aufbaut. Hier im achten Bezirk sieht alles unspektakulär aus. Am Eingang überreicht man entweder Geld, Kleidung oder persönliche Gegenstände, die an den Häftling gerichtet sind. Dazu gibt’s eine Ausweiskontrolle. „Ja, das ist der einzige Vietnamese, den wir haben“, versichert mir der Beamte und sagt: „Nr. 4, bitte.“ Ich gehe durch eine fette Sicherheitstür und sitze nun da. Vor mir ein weißer Hörer und eine Glaswand. Ich sehe einen zierlichen Asiaten auf der anderen Seite näherkommen. Es ist Benedikt! Er setzt sich mir gegenüber.

Schubhaft-Genuss

Nach kurzem Smalltalk (Was fragt man auch einen Menschen, dem die Freiheit genommen wurde?) fängt er an zu er- zählen. Benedikt habe sich gestellt, weil er dem Druck der illegalität nicht mehr standhalten konnte. Er wollte sich nicht mehr verstecken, verstellen, als jemand anderes ausgeben. Deswegen genieße er tatsächlich, wie im Brief erwähnt, die Zeit in der Schubhaft. Kein scharfer Zynismus, sondern pure Erleichterung für den 24-jährigen, endlich er selbst zu sein und als Hilfsarbeiter im Gefängnis mit seinem tatsächlichen Namen angesprochen zu werden. Dort sorgt er dafür, dass sich die anderen Insassen an Hygienevorschriften halten. So wie er sich strikt in den letzten vier jahren an die Regeln gehalten hat, weder seinen Namen, seine Herkunft noch seine Familienverhältnisse zu verraten. Das erzählt er mir alles in fließendem, akzentfreien Deutsch. Über seine Flucht nach Österreich vor acht jahren schweigt er, genauso über seine Aussichten, in Österreich zu bleiben.

Unsere Zeit ist abgelaufen. Benedikts Bruder ist extra aus London angereist, um mit ihm zu reden. Ich verlasse den Raum und lege als Verabschiedung meine Faust aufs Glas. Ich verspreche, ihn wieder zu besuchen. Benedikt lacht. Ich gebe ihm ein Versprechen mit auf den Weg. Sollte er da herauskommen und die Möglichkeit haben, in Österreich zu bleiben, werden wir ihn beim biber mit offenen Armen empfangen und dann kann er uns selbst seine Geschichte erzählen. Alles Gute, Benedikt. Bleib Stark!

 

Von Amar Rajković und Marko Mestrović (Foto)

 

 

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