Ilija Trojanow: "Der Balkan ist nur ein Konstrukt"

07. Juli 2010




Ilija Trojanow ist der Mann der vielen Welten. Mit biber sprach er über einen Balkan, den es gar nicht gibt, und einen Kommunismus, der noch lebt.

Von Marina Delcheva (Text) und Magdalena Wallner (Foto)

Im Wiener Kaffeehaus nippt er an seinem Darjeeling-Tee, „indisch natürlich“, und bestellt einen Mohnkuchen. Seine Gelassenheit verrät nichts von der bewegten Vergangenheit, die der Bestsellerautor in sich trägt. Als Flüchtling verließ der damals Sechsjährige Bulgarien und lebte unter anderem in Italien, Deutschland, Kenia, Indien und Südafrika. In Wien kommt der Weltenbummler und Schriftsteller zwischendurch zur Ruhe.

 








biber: Wenn Sie den Balkan mit einem Wort beschreiben müssten, welches wäre das?

Ilija Trojanow: Etwas, das es nicht gibt, kann man nicht mit einem Wort beschreiben. Der Balkan ist grundsätzlich eine Konstruktion. Es gibt ein Gebirge, das „Balkan“ genannt wird, auf Bulgarisch „Stara Planina“. Das ist die geografische Bezeichnung. Ansonsten ist der Balkan ein Begriff, der eine Konstruktion meint, die im Laufe der Jahrhunderte entstanden ist, weil ganz bestimmte Vorurteile und Wahrnehmungen diesem vermeintlich wilden Teil Europas zugeschrieben wurden.

Der Balkan ist ein Gebiet, das gar nicht existiert?

Staaten wie Bulgarien, Rumänien und Serbien galten schon früher als rückständig, weil sie sich sehr spät vom Osmanischen Reich befreit haben. Die Berichte über den Balkan ähneln den Berichten über Afrika. Man merkt nichts von der lokalen Vielfalt und dem kulturellen Reichtum der Region; gezeichnet wird ein sehr düsteres und rückständiges Bild dieser Ecke des Kontinents. Der Hintergrund ist, dass die westlichen Mächte und Russland über dieses Gebiet beliebig verfügen wollten – und es auch taten. Das ist der Balkan: Ein Instrument der politischen und kulturellen Kontrolle über einen relativ machtlosen Teil Europas.

Aber mittlerweile gibt es zwei EU-Staaten, Bulgarien und Rumänien, in diesem „machtlosen“ Teil Europas…

Sowohl Rumänien, als auch Bulgarien haben eine triste Geschichte der Diktatur hinter sich. Zuerst Faschisten, dann Kommunisten. Die Länder wurden siebzig Jahre lang unterdrückt und geprügelt, und jetzt sollen sie locker leicht demokratisch-westlich orientiert sein? Schauen wir uns mal Österreich an: Hier hat man noch immer bestimmte faschistoide oder reaktionäre  Denkweisen und Strukturen nicht überwunden. Solche Prozesse des Umbruchs dauern lange.

Fehlt dem Osten eine Aufarbeitung seiner kommunistischen Vergangenheit?

Die Aufarbeitung eines persönlichen Traumas ist die Grundlage dafür, dass man sein Leben überhaupt normal leben kann. Bei Gesellschaften ist das noch viel schlimmer als beim Einzelnen. Die Verwicklungen von Schuld und Sühne, von Täter und Opfer sitzen noch sehr tief. Wenn man die Geschichte danach öffentlich aufarbeitet, erfolgt zumindest eine symbolische Heilung für die Gesellschaft. In Osteuropa gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen Demokratisierung, sozialer Gerechtigkeit, Einfluss der Mafia und der Vergangenheitsbewältigung.

Sie sagten einmal: „In manchen Staaten ist die Mafia Teil des Staates, in Bulgarien ist der Staat Teil der Mafia.“ Wie viel Kommunismus steckt denn noch in Osteuropa?

Die kommunistische Elite, die „Nomenklatura“, hat sich transformiert. Das ist fast im ganzen Osten gleich. Sie ist jetzt Teil der neuen Oligarchie, die mit einem Fuß im Legalen, mit dem anderen im Illegalen steckt. Im Westen ist das schwer zu begreifen, hier bist du entweder drinnen oder draußen. Wie viele Prozesse wegen Korruption hat es denn gegen hochrangige Geschäftsleute oder Politiker gegeben seit 1989? Die Prozesse, die stattgefunden haben, wurden gegen kleine Fische geführt, und es gab höchstens ein paar Pro-Forma-Prozesse, die frühzeitig eingestellt wurden.

Zur Person:

Ilija Trojanow wurde 1965 in Sofia geboren. Nach zahlreichen Auslandreisen und -aufenthalten lebt er derzeit als freier Schriftsteller in Wien. Sein Roman „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“ wurde erfolgreich verfilmt, sein Werk „Der Weltensammler“ wurde ein Bestseller. In seinem aktuellen Werk „Angriff auf die Freiheit“ thematisiert er gemeinsam mit der Schriftstellerin Juli Zeh die Problematik des Datenschutzes und der staatlichen Kontrolle über das Private.

 

 

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