„Männer können Frauen nicht helfen“

25. Februar 2021

Sie war ein Medienstar mit Chauffeur, berichtete über die Taliban, bis sie vor ihnen fliehen musste. In Österreich war Tanya Kayhan plötzlich nur mehr die Afghanin und Muslima. In ihrer Community fürchtete sie ein schlechtes Image, weil sie als Frau allein war. Im biber-Interview erzählt sie, warum sie den persischen TV-Sender OXUS gegründet hat, wie afghanische Männer bewusst Analphabetinnen ausnutzen und warum sich die Integrationspolitik mehr auf afghanische Obfrauen konzentrieren sollte. 

Interview: Delna Antia-Tatić

Foto: Maria Noisternig
Foto: Maria Noisternig

BIBER: Führen afghanische Frauen in Österreich ein selbstbestimmtes Leben? 

TANYA KAYHAN: Sie können in Österreich an Selbstbestimmung dazugewinnen, das ja. Erstens, weil die Regierung ihnen hilft. Zweitens, weil die österreichischen Gesetze den Frauen mehr Rechte geben und die Gesellschaft sehr offen ist. Und drittens, weil sie hier in Österreich ausgebildet werden – im Gegensatz zu ihrer Heimat Afghanistan. Meistens haben sie hier die Chance in die Schule oder an die Universität zu gehen, oder eine Ausbildung zu machen. 

Du zählst natürlich zu den gebildeten Frauen aus Afghanistan. Du hast in Kabul als Journalistin gearbeitet. Wie war das? 

Ja, ich war eine bekannte Journalistin in Afghanistan – ein bekanntes Gesicht in der Medienwelt. Trotzdem hatte ich nicht genug Freiheit. Damals, kurz nach dem Talibansturz 2005, war die Gesellschaft nicht bereit für uns Frauen in den Medien. Bei unserer Arbeit wurden wir diskriminiert, was eine Karriere sehr schwierig machte. Obwohl Frauen die Chance haben, in den afghanischen Arbeitsmarkt einzutreten, nach oben schaffen sie es selten. 

Du schon. 

Ja. Weil ich viel gearbeitet habe und vor allem viel gekämpft habe. Ich war sehr stark. Deswegen habe ich es geschafft, vor die Kamera zu kommen. Aber es war nicht einfach zu meiner Zeit. 

Warum bist du geflüchtet?

Ich hatte zwei Probleme. Einerseits konnte ich nicht mehr auf die Straße gehen, als ich bekannt geworden war. Die Leute auf der Straße haben mich belästigt und es kam vor, dass sie auch auf bekannte Frauen einprügelten oder sie als Geisel nahmen. Das andere Problem waren die Taliban. Sie haben damals mit Journalistenmorden gedroht. So wie auch jetzt. Allein in den letzten zwei Monaten wurden viele Journalisten, darunter auch Frauen, getötet. In Kabul habe ich zunächst als Moderatorin für das Staatsfernsehen 1TV gearbeitet. Dort habe ich Kopftuch getragen. Doch zuletzt, von 2010-2011, habe ich für den TV-Sender Voice of America gearbeitet. Dort trug ich kein Kopftuch mehr. Ich war eine Reporterin, die über die Taliban, über Opium und Korruption berichtete. Das wurde schwierig für mich. Deshalb musste ich 2011 flüchten. 

Wie alt warst du da? 

25 Jahre. 

Als junge, afghanische Frau allein in Wien - wie ist es dir ergangen?

Es war schwierig. Gerade die ersten Jahre. Vor allem wegen der Sprache. Das zweite Problem war, dass der Arbeitsmarkt in Österreich Journalistinnen und Journalisten nicht hilft. Das AMS hat keine Ausbildung für sie und findet keine Arbeit für sie in der Medienbranche. Und das dritte Problem war der Name meines Herkunftslands. Wenn ich gesagt habe, dass ich aus Afghanistan komme, haben alle von mir Abstand genommen. Doch trotz aller Schwierigkeiten habe ich auch Hilfe gehabt. 

Hattest du in Österreich Kontakt zu anderen Afghaninnen oder Afghanen? 

Nein. Ich wollte nicht nochmal hier als Journalistin in der afghanischen Community bekannt werden. Ich hatte einfach zu viele Probleme in Afghanistan gehabt, deshalb wollte ich in Wien Abstand von meinen Leuten haben. Denn es ist auch problematisch für eine afghanische Frau allein herzukommen. Dann wird falsch über dich gedacht. Wenn du keine Familie, keinen Bruder, keine Schwester hier hast... vielleicht bist du dann keine gute Frau?! 

Hattest du Angst? 

Ja, viel. Denn mein Leben warf zu viele Fragen auf: Warum ich allein bin, was ich für eine Familie haben muss, die mir erlaubt, als Flüchtling allein zu kommen... Deswegen habe ich die ersten fünf Jahre Abstand zu meiner Community genommen – bis ich 2015 zu biber in die Akademie kam. 

Wo hast du vor der biber-Journalismus-Akademie gearbeitet?

Am Flughafen.

Wie war das für dich? Immerhin warst du in deinem Leben davor ein Star mit Chauffeur. 

Psychisch war ich damals nicht gut beieinander. Ich war in Afghanistan „Jemand“. Ich war eine sehr bekannte Frau, die aus einer bekannten Familie kommt und auf einmal bin ich hier ein Flüchtling, eine Afghanin, eine Muslima. Das war sehr schwierig für mich. Und auch wenn meine Arbeit am Flughafen okay war, es war nicht meine Branche. Also habe ich den Wiedereinstieg in meinen Beruf gewagt – und bei der Fairversity-Messe bin ich auf die biber- Akademie gestoßen. 

Du hast auch begonnen, dich in deiner Community zu engagieren. Warum?

In den fünf Jahren Abstand von meiner Community war ich meistens in der österreichischen Gesellschaft unterwegs. Da habe ich gemerkt: Alle haben mich respektiert, bis sie sie erfahren haben, dass ich aus Afghanistan komme. Dann sind sie auf Distanz gegangen. Damals habe ich mich gefragt, warum die Leute so denken. Durch biber habe ich mehr erfahren und auch mehr Nachrichten gehört. Ich habe plötzlich realisiert, welch negatives Image die Afghanen in Österreich haben. Also habe ich begonnen, etwas zu machen, um die Integration der afghanischen Leute zu beschleunigen und das negative Image zu bekämpfen. 

Foto: Maria Noisternig
Foto: Maria Noisternig

Was machst du genau bei deinem Medienprojekt OXUS?

Ich mache die positiven Beispiele sichtbar. In der afghanischen Community haben wir genügend Jugendliche, die etwas geschafft haben. Sie haben eine Ausbildung, eine Arbeit... 30-40 Prozent arbeiten in sehr guten Bereichen und bringen gute Leistungen. Aber niemand berichtet darüber. Nur wenn einer etwas Schlimmes gemacht hat, dann explodiert das wie eine Bombe und betrifft alle Afghanen. Das ist schade. Deswegen habe ich OXUS gegründet, das erste persische Fernsehen für geflüchtete Menschen aus Afghanistan in Österreich. Einmal um zu informieren, was in Österreich im Bereich Asyl, Integration und Co passiert. Das zweite Ziel: Wir wollen afghanische Jugendliche und Frauen motivieren.

Wobei motivieren?

Afghanische Frauen sind in einer nicht-offenen Gesellschaft aufgewachsen. Sie wurden in Afghanistan stets unterdrückt. Ob im Bildungsbereich, in der Arbeit und in der Gesellschaft – Frauen werden diskriminiert. Wenn sie nun hierherkommen, dann wollen sie meist schnell heiraten. Die Heirat steht im Mittelpunkt für afghanische Frauen. Das ist Tradition. Sie haben Angst, zu alt zu werden und dass sie dann keiner mehr will. Deswegen ist es auch für Familien sehr wichtig, dass sie ihre Töchter schnell verheiraten. 

Auch in Österreich? 

Ja, auch für die meisten afghanischen Frauen in Österreich. Karriere ist keine wichtige Sache. Deswegen machen wir bei OXUS Portraits und Reportagen über starke Frauen, die zum Beispiel trotz oder mit Mann und Kindern Karriere gemacht haben und sich in der Community engagieren. Wir erreichen damit wirklich gute Aufrufzahlen: Zuletzt hat eine Reportage eine halbe Million Aufrufe und 1.800 Shares gehabt. Und auch für Wirbel in der Community gesorgt. 

Worum ging es da? 

Es war eine Reportage über eine Frau, die in Wien eine erfolgreiche Unternehmerin ist. Aber das Problem für unsere Community war, dass sie einen arabischen Mann geheiratet hat. Denn Heiraten mit anderen Kulturen sind ein Tabu für afghanische Frauen. Obwohl ihr Ehemann Muslim war. Es ging um seine Nationalität, er stammt aus dem Irak. So wie für Österreicher Menschen aus Afghanistan keine gute „Bewertung“ genießen, so ist das auch bei uns in Afghanistan mit Ländern wie dem Irak. 

Sehen die Frauen das auch so – oder würden sie gerne einen Nicht-Muslim oder Nicht-Afghanen heiraten? 

Ich glaube, die afghanischen Frauen sind offener als die Männer. Für eine gebildete afghanische Frau ist es kein Problem einen Mann aus einem anderen Land, einer anderen Religion oder Kultur zu heiraten. Aber trotzdem ist es schwer. Weil sie damit ein anderes Bild in der Gemeinschaft bekommen wird – ein negatives. 

In deinen zahlreichen Projekten gehst du auch die Problematik der Analphabetinnen an. Wie kann denn eine analphabetische Frau, die nach Österreich kommt, ein selbstbestimmtes Leben führen? 

Schwierig. Die meisten verheirateten Frauen und älteren Frauen über 30 sind nicht ausgebildet, oft sogar eben analphabetisch. Daher können wir sie nicht über ein Magazin informieren, sondern der einzige Weg ist über das Hören und Sehen. Deswegen produzieren wir extra Reportagen für diese Frauen, die zuhause sind. 

Aus Recherchen weiß ich selbst, dass geflüchtete Frauen und Mädchen oft von Männern, also ihren Vätern oder Brüdern, abgeschottet werden. Sie werden von Integrationskursen abgeholt oder dürfen gar nicht erst hin. Da entsteht eine gefährliche Abhängigkeit und auch Sozialarbeiterinnen haben oft keine Chance auf Zugang. 

Ja solche Fälle gibt es. Oft „holen“ sich afghanische Männer aus Österreich extra eine ungebildete und sogar in manchen Fällen auch explizit eine analphabetische Frau aus Afghanistan und nutzen sie aus. Diese Männer verstehen in Österreich alles, die Sprache, Schrift, die Kultur. Die Frau ist hingegen ohne ihren Mann aufgeschmissen und akzeptiert, was er sagt. 

Kannst du diese Frauen erreichen? 

Ich erinnere mich an einen Mann, der eine Afghanin geheiratet und sie hergebracht hat. Dieser Mann wollte seine Frau nicht zum Deutschkurs bringen. Sie durfte nicht einmal Kontakt mit ihrer afghanischen Community haben. Sie war damals 28 Jahre alt. Natürlich besaß sie kein Handy. Ich habe ihn angerufen: Kannst du bitte dein Handy deiner Frau geben, ich will mit ihr sprechen. Aber er hat nein gesagt. Ich habe es zwei, drei-mal probiert, aber er hat es nicht zugelassen. Dieser Mann wollte nicht, dass seine Frau durch Kontakt mit anderen Frauen auf ihre Rechte in Österreich aufmerksam wird. Solche Fälle sind wenige, aber es gibt sie. 

Welche Hilfe wünschst du dir für die Frauen?

Ich wünsche mir, dass die österreichische Regierung mehr die afghanischen Vereine unterstützt, die in diesem Bereich tätig sind. Aber nicht nur die Vereine, die einen Obmann haben, sondern solche, die Obfrauen haben. Ein Obmann, der unter der Taliban und Mujaheddin und in einer patriarchalischen Gesellschaft aufgewachsen ist, kann den Frauen nicht helfen. Wir müssen die Frauen aus der Community aktivieren, damit sie in der Zivilgesellschaft aktiv werden, damit sie Vereine gründen zum Beispiel. Denn die meisten Projekte werden von österreichischen Vereinen umgesetzt, aber die haben in der Community keine große Wirkung. Der ÖIF macht viele Projekte – aber da sind ÖsterreicherInnen im Mittelpunkt. Es wird von ÖsterreicherInnen implementiert, die die Probleme einer afghanischen Frau nicht kennen. Die Projektleitung sammelt zwar Meinungen von afghanischen Vereinen, aber das ist nicht genug. 

Bei der Redaktionssitzung zu diesem Empowerment-Special haben wir über Scham und Tabus in der Community gesprochen. Du hast erwähnt, dass Artikel über Tampons oder Jungfräulichkeit zwar interessant sind, aber nie im Social Media geshared würden. Obwohl wir sie extra auch auf Farsi übersetzt haben.

Ja, das stimmt. Die Frauen möchten es lesen, aber keine möchte es teilen. Sie schämen sich. Selbst ich als Journalistin, die sehr offen ist, könnte solche Artikel nicht teilen. 

Weil? 

Weil die Leute das schlecht kommentieren würden. Sie würden denken: Tanya ist nach Europa gegangen und ist eine schlechte Frau geworden. Und sie will die anderen Frauen auf falsche Wege leiten. 

Bedeutet falsche Wege „Sex mit Männern“?

Richtig. Weil Sexualität kommt in unserer Kultur nicht vor – außer mit dem Ehemann. 

Hättest du dir damals in Kabul gedacht, dass Sozialarbeit mal dein Leben bestimmen wird?

Nein. Aber ich habe gedacht, dass ich in die Politik eintreten würde – wie mein Vater. Das war ein Traum von mir.

Das kann ja noch kommen! Nach sechs Jahren kannst du ja Österreicherin werden, oder? 

Jetzt bin ich schon Österreicherin. Seit 2020.

Na dann! 

 

Dieser Artikel ist Teil des biber-Empowerment-Specials "Du bestimmst. Punkt."  Junge Frauen aus den Communities berichten im Rahmen des Projektes darüber, wie sie für Selbstbestimmung kämpfen. Das Projekt wird durch den Österreichischen Integrationsfonds finanziert. Die Redaktionelle Verantwortung liegt allein bei biber. 
Hier findet ihr die anderen Artikel, die im Rahmen des Projektes entstanden sind:

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