"Sexuelle Bildung ist ein Menschenrecht”

31. März 2021

Eine Muslima, die offen über Sex spricht? Davon gibt es im deutschsprachigen Raum viel zu wenige, findet Menerva Hammad. Deshalb tut sie es. Menerva ist Autorin, Journalistin und angehende Sexualpädagogin. Sie räumt mit Mythen rund um Sex und den weiblichen Körper auf. Außer- aber auch vor allem innerhalb der muslimischen Community. Sie bestärkt junge Frauen in ihrer Sexualität und ihrem Körperbild, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. 

Interview: Aleksandra Tulej

foto: Privat
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BIBER: Menerva, wer richtet sich hauptsächlich an dich?

Menerva Hammad: Meist Musliminnen aus dem deutschsprachigen Raum. Ob verheiratet oder unverheiratet. Sie finden einfach keine Anlaufstelle, wenn es um Fragen zu ihrer Sexualität geht. Angenommen, ich bin vegan und suche eine Ernährungsberaterin. Dann wende ich mich an eine Ernährungsberaterin, die auf vegane Ernährung spezialisiert ist. Denn da geht es ja auch nicht nur darum, keine tierischen Produkte zu essen, sondern um die Lebenseinstellung. Und da gehe nicht zu jemandem, der mich verurteilt, oder sich nicht auskennt. Du willst nicht hingehen und dich erstmal zwei Stunden erklären. Das was ich mache, machen viele. Aber eben als  deutschsprachige Muslima jemanden, der dich versteht und in diesem Rahmen mit dir spricht, zu finden… das gibt's nicht. Oder es wird nicht darüber gesprochen, wenn dann nur wissenschaftlich und trocken. Und genau deshalb bin ich da (lacht). Es wenden sich aber auch Frauen außerhalb der Community an mich.

BIBER: Warum glaubst du, dass die Arbeit, die du leistest, in der muslimischen Community so wichtig ist?

Menerva Hammad:Es ist islamisch gesehen nicht haram oder verboten, sich mit der eigenen Sexualität zu befassen. Dass man weiß, wie der eigene Körper ausschaut, dass man sich einmal klarmacht, wie eine Klitoris wirklich aussieht, oder wie sie richtig zu stimulieren ist. 80 Prozent der hetero Frauen kommen nicht nur durch Penetration zum Orgasmus. Da musst du schon bissi mehr machen. Und wenn das weder die Frau noch der Mann weiß, dann wirds schwierig. (lacht) Es geht aber nicht nur um Sex, sondern um den Zugang zum eigenen Körper. Einmal hat sich eine 17-Jährige an mich gewandt, die ein Vulva-Lippen-Lifting machen wollte, weil sie sich untenrum hässlich fand. Weil einfach nicht kommuniziert wird, dass es da kein schirch und kein schön gibt. Junge Frauen sind da oft verunsichert. Ich spreche auch über Themen wie Monatshygiene, Alternativen zu Binden und Tampons und alles, was den weiblichen Körper angeht.

Foto: Asma Aiad
Foto: Asma Aiad

Wie ist die Resonanz aus der Community? 

Alle Frauen feuern mich an - egal ob innerhalb oder außerhalb der Community. Bei Männern ist das gemischt, es gibt solche und solche. Aber einige Menschen sind aufgrund meines Kopftuchs verwirrt. Ich bekomme dann Kommentare wie “Du trägst den Hijab nicht richtig, weil man deinen Hals oder deinen Haaransatz sehen kann.” Dann heißt es, ich solle das Kopftuch doch ablegen, weil das nur halbe Sachen sind, die ich damit repräsentiere. Aber dann kommt wieder die Frage “Wie kannst du Sexualpädagogin sein und das mit deinem Kopftuch vereinbaren?” - Und dann denke ich mir “Na hallo, ich dachte mein Kopftuch zählt nicht?” Dann ist der Hijab aber plötzlich doch genug. 

BIBER: Du machst ja auch gerade die Ausbildung zur Sexualpädagogin. Was ist der Unterschied zwischen einer Sexualtherapeutin und einer Sexualpädagogin? Wieviel kostet dann so ein Gespräch mit dir?

Derweil nichts. Ich will einfach Frauen in ihrer Sexualität bestärken und ich werde erst dann Beratung anbieten, wenn ich mit der Ausbildung fertig bin. Ich beantworte die Fragen momentan per Mail oder wir machen uns ein Gespräch über Zoom aus. Der Unterschied zu einer Sexualtherapeutin ist, dass Sexualpädagogik die sexuelle Bildung als Auftrag hat. Eine Sexualtherapeutin macht etwas anderes, da werden PatientInnen therapiert, eben wie beim Psychotherapeuten. Mir geht es einfach darum, zu sagen, dass sexuelle Bildung ein Menschenrecht ist und mit den Mythen aufzuräumen und Fakten darzustellen.

Welche Mythen sind das dann zum Beispiel?

Ich bin sehr wohl in der Lage, zu sagen: was ist Kultur, was ist Tradition, was ist Religion. Und ich bin davon überzeugt, dass manches einfach falsch übernommen wurde. Das erste Wort im Koran ist “lies”- also “bilde dich weiter.” Und ich finde, damit sollte man sofort anfangen. Vor allem beim eigenen Körper und bei der eigenen Sexualität. Was die Mythen angeht: Vor allem die rund um das Jungfernhäutchen. Im Koran steht nirgendwo, dass du in der Hochzeitsnacht zu bluten hast, und diese ganze Geschichte mit dem Bettlaken auch nicht. 50 Prozent aller Frauen bluten nicht beim ersten Mal. Das sind Flausen, die wir in den Kopf gesetzt bekommen. Ein Tampon kann dich nicht entjungfern, genauso wenig wie irgendein Sport. Du bist keine Jungfrau mehr, sobald du Sex hattest. Punkt, aus, Ende. Alles andere sind irgendwelche Erfindungen.

Aber genau das scheint ja viele junge Frauen zu beschäftigen. Und da kommst du ins Spiel. 

 Es sind sehr oft Fragen, die kulturell - und hier sage ich bewusst nicht islamisch - verankert sind. Aber auch Fragen wie: "Ich habe nach der Geburt meines Kindes keine Lust mehr auf Sex, was mache ich jetzt?” Aber ganz oft kommt die Frage “Ich bin keine Jungfrau mehr, aber werde bald heiraten. Was soll ich tun? Soll ich das Jungfernhäutchen rekonstruieren lassen oder es ihm sagen?” Wenn sich eine junge Frau an mich wendet, die sich verliebt hat, dem Mann vertraut hat und mit Aussicht auf Heirat mit ihm geschlafen hat. Und dann war er weg. Die Frau ist dann fix und fertig und hat das Gefühl, dass sie mit niemandem darüber sprechen kann, weil sie sonst verurteilt wird.

Und was antwortest du dann so einer Frau?

Das Erste, was ich ihr dann klar mache, ist, dass Sex außerhalb der Ehe für Mann und Frau verboten ist. Das gilt für beide gleichermaßen. Das ist keine Sache, für die sie sich jetzt schämen muss. Das ist islamisch gesehen eben ein Fehler den sie gemacht hat und jetzt geht das Leben weiter. So auf: Vergiss diesen Fuckboy und gut is’ (lacht). Du bist deswegen jetzt nicht weniger wert oder hast weniger Ehre. Ich rate so einer Frau dann, ehrlich zu ihrem Nächsten zu sein. Wenn er ein richtiger Ehrenmann (lacht) ist, nimmt er dich für das, was du bist, und nicht für das, was vorher war. Wenn die Frau das will, kann ich auch gerne mit ihren Eltern sprechen. Natürlich ist das schwierig, denn viele Eltern denken anders, die Gesellschaft denkt anders, die Community denkt anders. Das Problem ist nämlich, dass viele die Religion nicht gelesen haben, sondern durch Hörensagen weitervererbt bekommen haben. Vor allem in der Generation unserer Eltern. Unsere Generation liest und recherchiert nach. Ich bleibe natürlich im islamischen Rahmen, aber ich bin der Meinung, dass man nicht alles einfach so hinnehmen sollte, sondern sich auch mal fragen kann, ob einige Dinge nicht falsch interpretiert wurden. 

foto: Asma Aiad
foto: Asma Aiad
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Menerva hat ab Mai auf SALAM FM, dem ersten deutsch-muslimischen Radiosender, eine eigene Sendung zu weiblicher Sexualität. Unbedingt reinhören!
 
braumüller
braumüller
Menervas Buch "Wir treffen uns in der Mitte der Welt: Von fehlender Akzeptanz in der Gesellschaft und starken Frauen" findet ihr hier. Menerva hat Frauen auf der ganzen Welt über ihr Leben interviewt und erzählt deren Geschichten. So schreibt sie über eine Genitalverstümmlerin, die später zur Sexualberaterin wird, von einer jungen Frau, die aus einer Zwangsehe entkommen konnte, und von unzähligen anderen spannenden Lebensgeschichten. Braumüller Verlag, 22 €.
 
 

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