Wenn sich Teenager unters Messer legen!

03. Dezember 2020

Angefeuert durch InfluencerInnen legen junge Menschen großen Wert auf ihr Aussehen – und sich anschließend unter das Messer. Ist der Trend zu Schönheits-OPs Ausdruck der Selbstbestimmung oder des Selbstzweifels?

Text: Amar Rajković und Yasemin Uysal, Collagen: Zoe Opratko

Foto: Zoe Opratko
Foto: Zoe Opratko

Lauras Blick wandert durch einen Flur, vorbei an einem provisorisch, aber stylisch eingerichteten Wartezimmer. Die Tür zum Behandlungszimmer, in dem sie sich befindet steht offen. Alles sieht aus wie in einer ganz gewöhnlichen Zahnarztpraxis. Laura sitzt auf dem Behandlungsstuhl. „Wir sind fertig“, sagt ihr die Frau im weißen Kittel, die sich als Ärztin ausgegeben hat. Zwanzig Minuten hat die Behandlung gedauert. „Du darfst jetzt drei Stunden nicht rauchen und zehn Stunden niemanden küssen.“ Moment, was? Ein Blick in den Spiegel verrät, Laura hatte keinen Zahnarzttermin. Sie hat sich gerade ihre Lippen aufspritzen lassen. Bei einer Self-Made- Instagram-Chirurgin, in einer umfunktionierten Wohnung mitten in Wien. Zu diesem Zeitpunkt war Laura gerade mal 16 Jahre alt. Die heute 18-jährige Schülerin aus Salzburg ist nur eine von vielen Jugendlichen, die den eigenen Körper für ein Schönheitsideal verändern hat lassen. Der Trend dazu ist steigend. Laut einer kürzlichen Umfrage unter den HörerInnen von Radio Energy ziehen 14- bis 19-Jährige in Wien doppelt so häufig eine Schönheitskorrektur in Betracht als Personen zwischen 20 und 29 Jahren. Dr. Artur Worseg, einer der bekanntesten plastischen Chirurgen Österreichs, bestätigt den Trend. In seiner Privatklinik in Währing habe er im letzten Jahr rund 2000 PatienInnen behandelt, wie er uns am Telefon erzählt. „Davon hatten rund fünf Prozent das achtzehnte Lebensjahr noch nicht überschritten“, berichtet er. Bei nicht-chirurgischen Eingriffen, wie etwa „Aufspritzungen“ von Lippen und Wangen seien es sogar noch mehr. Häufig würden Mutter und Tochter zusammen kommen, um ein möglichst amorphes Aussehen zu erreichen, so Worseg.

GAP ZWISCHEN REALITÄT UND INSTA-FILTER

Hässlich fand sich die damals 16-Jährige Laura nie. Das erzählt sie uns im persönlichen Gespräch, das kurz vor dem Lockdown stattgefunden hat. Die junge Frau ist eloquent, schlagfertig und hätte sogar kein Problem, Fotos von sich in diesem Artikel zu sehen. Sie sei schon immer der „Tussi-Typ“ gewesen, sagt sie uns augenzwinkernd. Und als sich die Gelegenheit bot, packte sie sie am Schopf. Über eine Freundin erfuhr sie von einer Frau, die sich selbst Heilpraktikerin nannte. Laura spricht über sie als „Lippentante“. „Die ist wirklich gut“, beteuert die Mode-Schülerin. Für das Lippenaufspritzen braucht es „nur“ eine Lokalanästhesie, anders als bei einer Brustvergrößerung oder Nasenkorrektur, bei der eine Vollnarkose nötig ist. „Meine Freundin wollte unbedingt aufgespritzte Lippen. Sie war schon 18, also hat sie es bei dieser Frau machen lassen.“ Via Instagram kam ihre Freundin auf die deutsche „Heilpraktikerin“. Ihre Praxis war in einer gewöhnlichen Wohnung mitten in Wien untergebracht. „Meiner Freundin ging es nicht um irgendwelche Arzttitel, sondern um gute Ausbildungen“, erzählt Laura, „auch wenn das Gewerbe nicht angemeldet war.“ Die „Lippentante“ erlaubte es Laura sogar während der gesamten Behandlung ihrer Freundin dabei zu sein. „Sie fragte mich beiläufig, ob ich auch Interesse hätte und ich sagte ja“, erinnert sich die damals 16-Jährige. Laura vereinbarte daraufhin über Instagram einen Termin und ließ sich kurze Zeit später um 200 Euro die Lippen vergrößern. Nach ihrem Alter wurde sie von der Heilpraktikerin nicht gefragt. „Sie ist davon ausgegangen, dass ich auch über 18 bin“, vermutet die Schülerin. Laura war damals selbst etwas verblüfft. Sie tat es trotzdem. Der Wunsch nach dem „perfekten“ Aussehen kommt nicht zufällig. Die Generation Instagram, TikTok & Co bildet sich ihr Idealbild a lá Kardashian-Clan und anderen Influencer*innen. Bei Bildern und Videos auf diesen Social-Media-Plattformen wird nicht an Photoshop-Tricks und Filtern gespart. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, zu dessen Imperium auch Instagram gehört, ließ die Schönheits-OP-Filter wie „Fix Me“ oder „Plastica“ letztes Jahr verbieten. Allerdings kann man sich mit anderen Filtern Puppenaugen, schmale Nase und aufgespritzte Lippen zaubern lassen. „Wenn da ein Gap zwischen Wirklichkeit und Insta-Filter-Wirklichkeit entsteht, löst das was aus bei jungen Menschen“, erklärt Worseg: den Wunsch nach Veränderung. Ein Blick auf einschlägige Insta-Pages reicht, um zu verstehen, was der Wiener Schönheitschirurg damit meint: die Traumwelt, in der sich die InfluencerInnen in Schale werfen, mit Produkten posieren und ihren scheinbar makellosen Körper präsentieren. Zara_Secret zählt mit über 101 Tausend Followern auf Instagram zu jenen, deren Aussehen mehr an eine Kunstfigur als an eine gewöhnliche Frau Mitte 20 erinnert. Lange Wimpern, hohe Wangenknochen, volle Lippen, auffälliges Dekolleté, schmale Taille und der Hintern möglichst prall. Sehr prall. Welche Stellen an ihrem Körper noch keinen Beauty-Doc gesehen haben, ist unklar. Genauso wie die Frage, ob sich die Frankfurterin bewusst ist, welche Zeichen sie an ihre vorwiegend minderjährige Gefolgschaft aussendet. Zu einem Interview war die ehemalige Psychologiestudentin nicht bereit.

NICHT „OBSESSED“

„Beeinflusst davon, glaub ich, ist jeder von uns, aber es kommt drauf an, in welchem Maß. Ich kenne genug Leute, die völlig obsessed von Instagram sind.“ Veronika* ist Medizinstudentin aus Graz. Sie ging einen Schritt weiter als Laura und unterzog sich einer Brustvergrößerungs-OP. „Als ich mich für eine OP entschieden habe, war ich 19. Das Bedürfnis, meine Brüste operieren zu lassen, äußerte sich schon sehr früh mit 13.“ Dass Veronika sich schon in frühem Alter unwohl in ihrem Körper gefühlt hat, sei nicht an ihrer Social-Media-Besessenheit gelegen, wie sie uns versichert: „Mir fehlte was an meinem Körper, sowohl physisch als auch psychisch.“ Bereits in der Zeit zwischen Unter- und Oberstufe wurde sie immer wieder auf die Größe ihrer Brüste angesprochen. Nicht selten wurden Witze über sie gemacht. „Das meiste war zwar als Scherz gemeint, aber das hinterlässt Spuren“, erinnert sie sich. Nachdem Veronika in der Pubertät an Gewicht verloren hatte, häuften sich die dummen Sprüche. Kommentare wie „Wo sind denn deine Brüste hin?“ oder „Jetzt hast du ja gar nichts mehr!“ ließen den damaligen Teenager immer mehr in Selbstzweifel versinken. Das Schlimmste für sie war, dass die Sprüche sowohl von Jungs als auch von Mädchen kamen. Dabei habe sie sich gerade von ihren Geschlechtsgenossinnen mehr Solidarität gewünscht. „Sogar von meiner damaligen besten Freundin musste ich mir Sprüche anhören. Das hat am meisten wehgetan“, gibt sie mit gesenktem Blick zu. Heute ist sie mit ihrem Aussehen zufrieden und froh, den Schritt einer OP gewagt zu haben. Dennoch wissen nur ihre engsten Freunde und die Familie Bescheid. „Es gibt interessantere Dinge an mir als meine Brust-OP. Ich will nicht, dass Leute ihren Fokus auf meinen Eingriff legen und alles andere an mir vergessen“, erklärt sie ihre Diskretion. Worseg bestätigt, dass Hänseleien über die Nase oder Brüste zu großen psychischen Belastungen für junge Menschen werden können. In seiner Privatklinik ließ sich Veronika ihre neuen Brüste und sogleich ein positives Körpergefühl verpassen.

WEG VOM NEGATIVEN SELBSTBILD

Dass bei Veronika bereits mit 13 Jahren der Wunsch nach einer Schönheitsoperation aufkam, ist für Psychotherapeutin Romana Wiesinger nicht überraschend. Im Alter von 12 bis 14 Jahre würden wir uns in einer Phase befinden, in der wir und unser Körper uns gerade noch entwickelten. „Wenn wir vom Kind zur jungen Frau oder zum jungen Mann wer- den, dann ist das eine sehr instabile Zeit. Der Selbstwert braucht eine gewisse Zeit, bis er wirklich stabil und ausgebildet ist“, erklärt Wiesinger. Der Großteil ihrer KlientInnen ist zwischen 15 und 25 Jahre jung. An ihnen bemerkt die Psychotherapeutin, wie Social-Media-Plattformen zunehmend unser Leben beeinflussen. „Die Abbildungen, die da gezeigt werden, das ist ja alles in Wirklichkeit ungesund. Jedes Foto ist bearbeitet“, so Wiesinger. Das führe auch dazu, dass Menschen heutzutage dazu tendierten, unzufrieden mit sich selbst zu sein. Und die Unzufriedenheit komme immer früher. „Die User sozialer Netzwerke werden immer jünger. Sie tauchen in eine irreale Welt ein. Wenn hier nicht reflektiert wird, dann wird’s gefährlich“, warnt Wiesinger ausdrücklich. Die Schönheit, die Optik, werde so relevant, dass wir gar nicht mehr darauf achten würden, was uns als Mensch eigentlich ausmacht. „In der Psychotherapie geht es darum, den Blick weg vom „angeblich“ Negativen und hin zu einem positiven Gesamtbild des Körpers, des Menschen zu lenken“, betont Wiesinger. Andreas Prenn ist Leiter von SUPRO, einem Kompetenzzentrum für Gesundheitsförderung und Prävention in Vorarlberg. Auch er sieht eine klare Verbindung zwischen Social-Media und einem gestörten Selbstwert speziell unter den jüngeren Usern. „Die Social-Media- Welt sowie die Film- und Musikbranche suggerieren Jugendlichen „Vorbilder“, die die Unzufriedenheit mit dem eigenen Ich und dem Körper steigern“, so Prenn. Dieser Fakt mache Jugendliche zu einer besonderen Risikogruppe. Vor allem junge Frauen. Jedoch eifern männliche Jugendliche genauso Idealen nach, wie einem sexy Sixpack oder breiten Schultern. Vor allem junge Männer stemmen kiloweise Gewichte im Fitnessstudio, um ihrem Ideal möglichst nahe zu kommen. Unters Messer legen sie sich aber selten, wie Worseg bestätigt. Die ExpertInnen sind sich einig: Schönheitsideale belasten alle Jugendliche. Der Trend zur Schönheitsoperation ist aber weiblich dominiert.

Foto: Zoe Opratko
Foto: Zoe Opratko

EINE NEUE NASE IN ISTANBUL

„Hässlich habe ich mich nie gefühlt. Im Gegenteil, ich war immer schon sehr selbstbewusst. Es hat mich einfach optisch was gestört.“ Leyla* ist heute 25, aber schon mit 16 wusste sie, ihre Nase muss korrigiert werden. „Mein Entschluss ist früh gefallen. Dann habe ich nur geschaut, dass ich das Geld zusammenbekomme, um es zu machen.“ Mit 21 und nach einigen Nebenjobs hatte die gutaussehende Jus-Studentin genug Geld für die langersehnte Schönheitsoperation gespart. Ihre Familie unterstützte zwar Leylas Wunsch auf emotionaler Ebene, Kohle hat es von Mama und Papa aber keine gegeben. Anders als Laura und Veronika entschied sich Leyla für eine Behandlung in der Türkei. Dort boomt das Geschäft mit der Schönheit. „Beauty-Tourism“ heißt es im Fachjargon, wenn Menschen ins Ausland fahren, um sich dort einem Schönheitseingriff zu unterziehen. Und auch für Veronika war Instagram das Trampolin für ihren Wunsch nach körperlicher Veränderung. Gerade weil die Studentin schon immer für ihr selbstbewusstes Auftreten bekannt war, stieß sie anfangs oft auf Unverständnis. „Das hast du gar nicht nötig!“ – Diesen Satz hörte Leyla ständig. „Ist eh nett, wenn dich die anderen schön genug finden. Irgendwann aber war’s nervig. Ab einem gewissen Punkt willst du Unterstützung bekommen“, so die angehende Anwältin. Via Instagram sei sie auf einen türkischen Arzt gestoßen. „Nach einer langen und intensiven Recherche habe ich den Arzt per WhatsApp angefragt“, erinnert sie sich. Ein Foto des Gesichts wird per WhatsApp geschickt und eine Assistentin des Arztes schickt einen Kostenvoranschlag und erklärt, wie lange die OP und der gesamte Aufenthalt in der Klinik dauern werde. Kurz darauf flog sie mit ihrem Freund nach Istanbul. Dort angekommen, musste es schnell gehen. „Es erinnerte mich stark an Fließbandarbeit. Ich musste mich noch am selben Tag entscheiden, damit ich am nächsten Tag operiert werden konnte“, erinnert sich die 25-Jährige an den Tag vor ihrer Operation. Mit dem Ergebnis ist sie auch heute noch sehr zufrieden. Den Eingriff im Ausland durchführen zu lassen, hatte für Leyla nur finanzielle Gründe. Während ihr Wunsch nach der „perfekten“ Nase in Wien 7000 Euro gekostet hätte, zahlte sie in der Türkei nicht einmal die Hälfte. Als sie am Tag nach der OP über den Bosporus spazieren ging, entdeckte sie unzählige weitere Frauen mit bandagierter Nase. Der „Beauty Tourism“ in der Türkei scheint Frauen aus ganz Europa nach Istanbul zu ziehen. Aber warum lassen junge Menschen den Beauty-Doc Hand anlegen, selbst wenn sie sich attraktiv finden? Romana Wiesinger hat dafür eine Erklärung: „Nur weil ich nach Außen mein Selbstbewusstsein ausstrahle, heißt das nicht, dass ich in mir wirklich diese Stabilität habe. Wenn ich gefestigt bin und meine Stärken kenne, dann kann ich letzt- endlich auch Makel an mir akzeptieren, wie etwa einen Höcker auf der Nase.“ Wächst das Kind in einem instabilen Familienverhältnis auf, so sei es anfälliger dafür, relativ früh selbstkritisch zu werden. Das Umfeld spiele hier eine wichtige Rolle, so Wiesinger.

PSYCHOLOGISCHES GUTACHTEN – EIN SCHUSS NACH HINTEN? 

Seit dem 1.1.2013 dürfen in Österreich gesetzlich keine ästhetischen Eingriffe an unter 16-Jährigen durchgeführt werden und an Jugendlichen zwischen 16 und 18 Jahren sind sie nur mit einem psychologischen Gutachten und dem schriftlichen Einverständnis eines Elternteils zulässig. Österreich gehört somit zu den Ländern mit den strengsten Auflagen für die plastische Chirurgie. „Dadurch“, so Worseg, „ist die Szene zu einem Teil in den Untergrund gewandert.“ Schönheitsdocs und angebliche HeilpraktikerInnen schlagen Profit aus diesem rechtlichen Graubereich. Instagram bietet ihnen eine perfekte Plattform, ihre Dienste anzuwerben. In ihren Biographien stehen nur die besten Ausbildungen. Ob diese Angaben immer stimmen und wie ernst sie zu nehmen sind, sei dahingestellt. Ihre Feeds sind voll mit „Vorher-Nachher- Fotos“ ihrer PatientInnen. Vertrauenserweckend sieht anders aus. Für Veronika wäre eine via Instagram angebahnte Behandlung niemals in Frage gekommen. Ihr Eingriff bei Dr. Worseg kostete sie stolze 4900 Euro. Der Papa machte das „Kleingeld“ locker. „Es gibt keinen Grund, die eigene Gesundheit aufs Spiel zu setzen, nur um Geld zu sparen“, sagt sie entschlossen. Diese Haltung muss man sich aber eben auch leisten können. Auch wenn die drei Frauen unter- schiedliche OP’s hinter sich haben – in einem Punkt sind sie sich einig: Sie sind mit ihrem aktuellen Körperbild zufrieden und bereuen ihre Entscheidung nicht. Eine Beauty-OP in der Zukunft können sie trotzdem nicht zu 100% ausschließen.

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