"Wir sind überrascht, wie die Polen uns aufgenommen haben."

08. Juli 2022

Polen hat mit Abstand die meisten Menschen aus dem benachbarten ukrainischen Kriegsgebiet aufgenommen. Biber-Stipendiatin Justyna Pikusa nutzte ihren Heimatbesuch, um sich ein Bild vom Zusammenleben zwischen ukrainischen Vertriebenen und Einheimischen in der Provinz zu machen. Eine Recherche zwischen Solidarität, Zukunftsängsten und Verschwörungstheorien.


Von Justyna Pikusa, Fotos : Agnieszka Hołda-Myśliwiec

 

Polen, Ukraine, Flüchtilnge,

"Wir dachten, zu uns kommt der Krieg nicht. Dann sah ich aber die erste Rakete vor unserem Fenster und wusste: Die Lage ist ernst. Ich habe an erster Stelle an meinen Sohn gedacht. Wenn ich geblieben wäre, hätten wir nicht überlebt.“ Tanja sitzt mit acht anderen Geflüchteten in der Feuerwehrwache des Dorfes Lisia Góra in Südpolen. Sie spricht mit mir eine Mischung aus Ukrainisch und Russisch, was für ländliche Regionen typisch ist.

Die Feuerwache ist ein zweistöckiges Gebäude mit einem Balkon. Auf dem Balkon spielen die Jungs Tischtennis. Unten sitzen die Feuerwehrmänner, oben schlafen die Geflüchteten in einem Saal, in dem nun Matratzen liegen. Im Vorraum steht eine große Couch und an die Wand ist ein Fernsehgerät montiert, in dem gerade ein Film auf Russisch läuft. Ich verstehe alles und kann mit ihnen reden, ich habe ostslawische Sprachen am Institut für Slawistik in Wien abgeschlossen.

In Lisia Góra leben rund 3200 EinwohnerInnen. Das 90 Kilometer östlich von Krakau gelegene Dorf hat sich in den letzten Monaten verändert. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine wohnen 100 Geflüchtete in dem Dorf. Ein Teil ist in Hotels und Pensionen untergebracht, der andere in Privathäusern. Sogar eine Ukrainisch sprechende Kassakraft soll es beim örtlichen Greissler geben, munkelt man unter den Einheimischen. Sie haben die Vertriebenen größtenteils mit offenen Armen empfangen.

Bei aller Dankbarkeit: Es ist unangenehm auf Kosten von anderen leben zu müssen. Wir fühlen uns manchmal wie eine Last.“

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„Wir waren überrascht, wie die Polen uns aufgenommen haben. Sie haben uns sogar eine Waschmaschine gekauft.“ In der Ukraine war Tanja Kindergärtnerin, hier in Polen kann sie ihrem Beruf weiterhin nachgehen. Die Kinder der geflüchteten Frauen gehen hier zur Schule: „Die polnischen Kinder gehen sehr gut mit unseren Kindern um, und sind sehr freundlich zu ihnen. Ich habe deshalb sogar geweint. Ich habe nicht einmal geglaubt, dass sowas möglich ist, dass uns fremde Leute einfach so aufnehmen. Bei aller Dankbarkeit: Es ist unangenehm auf Kosten von anderen leben zu müssen. Wir fühlen uns manchmal wie eine Last.“

Ihre Flucht aus der Heimat beschäftigt Tanja bis heute. Sie erzählt mir, dass der Evakuierungszug auf der Strecke zwischen Donezk und Lozova von den Russen beschossen wurde und eine Schaffnerin gestorben ist. Trotzdem fuhr der Zug weiter. „Wir wussten auch nicht, wie lange die Fahrt dauern würde. Als wir in Lviv (Ukraine) am Bahnhof ankamen, war die Schlange zu den Zügen nach Polen lang. Ein Bekannter von uns, der Volontär ist, hat uns geholfen, einen Platz im Zug zu bekommen. Wir haben nur fünf Stunden am Bahnhof in Lviv verbracht. Es war März, die Nächte waren kalt, wahrscheinlich wurde ich vorgelassen, damit mein Sohn nicht friert“, erinnert sich Tanja.

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Luxusleben im polnischen Dorf?

Wierzchosławice liegt rund 30 km von Lisia Góra entfernt und ist ein Dorf mit ähnlicher Einwohnerzahl. Hier leben derzeit 30 Flüchtlinge in einem Kulturzentrum, welches von der Landgemeinde zur Verfügung gestellt wurde. Das Gebäude verfügt über Zimmer, welche im Normalbetrieb für ca. 30 bis 80 Euro pro Nacht vermietet wurden. Das Gelände verfügt über einen Park und Sportanlagen „Es ist schön hier. Ich würde gerne bleiben. Aber hier gibt es keine Arbeit für mich“, sagt mir Anja aus Donezk. „Ist es hier nicht langweilig?“, frage ich. „Überhaupt nicht. Es ist ruhig. Das ist das wichtigste. Wir sind sehr dankbar, dass wir hier leben dürfen.“ Anja plant nach Krakau zu ziehen. Sie ist 27 und hat eine Ausbildung als Bauingenieurin in der Ukraine abgeschlossen, deshalb wird es für sie kein Problem sein, Arbeit zu finden.

"Plötzlich bist du in einem Raum mit Tausenden anderen. Das führt zwangsläufig zu Konflikten."

„Flüchtlinge leben auch in Einfamilienhäusern. Zur Zeit der größten Welle waren es um die 170-180 Menschen“, erklärt mir der Bürgermeister von Wierzchosławice, Andrzej Mróz. „Manche sind für eine Nacht gekommen und sind dann weitergezogen. Einige von ihnen wollten das Hotel sogar selbst bezahlen“, so Mróz. Er habe nicht damit gerechnet, dass eine Journalistin in Wien über „sein“ Dorf berichtet. Im Kulturzentrum in Wierzchosławice bekämen die Flüchtlinge drei Mal täglich eine Mahlzeit. Mróz ist froh, dass es nicht nötig war, in Polen größere Lager einzurichten: „Flüchtlingslager sind eine reine Katastrophe. Plötzlich bist du in einem Raum mit Tausenden anderen. Das führt zwangsläufig zu Konflikten. Außerdem herrschen in Lagern meist strenge Regeln. Hier können die Flüchtlinge halbwegs frei und selbstbestimmt leben.“

Kein Job in der Provinz

Zurück in der Feuerwache in Lisia Góra. Julia ist 37 und mit ihrem Sohn aus Ugledar geflüchtet. Die Stadt liegt zwischen Donezk und Mariupol und wurde weitgehend zerstört. Julia sah als einzigen Ausweg die Flucht aus ihrer Heimat. Jetzt lebt sie mit ihrem Sohn und ihren Eltern in der Feuerwache Lisia Góras. Sie ist glücklich, dass sie hier sicher sind. Die ungewisse Jobsituation macht ihr aber zunehmend zu schaffen. Julia ist auf die Hilfe des Staates angewiesen. Ab und zu erledigt sie einen Gelegenheitsjob als Putzkraft, die ihr die Gemeinde organisiert. Wenn sie zu Bewerbungsgesprächen eingeladen wird, muss sie oft ihre letzten Münzen zusammenkratzen, um sich das Busticket leisten zu können. Das Gleiche gilt für Ausflüge mit ihrem Sohn in die nächstgelegene Stadt Tarnów. Sie wünscht sich, sie würde auf ihren eigenen Beinen stehen können.  Das Problem mit der Arbeitssuche haben auch polnische BewohnerInnen: Es gibt im Dorf kaum Arbeitsplätze.

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Der drastische Bevölkerungszuwachs aufgrund des Krieges im Nachbarland, stellt den polnischen Arbeitsmarkt vor eine neue Herausforderung. Der  Bürgermeister von Wierzchosławice Mróz dazu: „In der Stadt Rzeszów ist die Bevölkerung um 50% gestiegen.“ Das sei eine besondere Herausforderung für den Arbeitsmarkt, da dieser wenige Arbeitsplätze für Frauen bietet. Es gebe einen Arbeitskraftmangel, aber nur in den typischen Männerberufen wie z.B. Bauarbeiter. Viele ukrainische Männer, die auf polnischen Baustellen gearbeitet haben, sind wieder zurückgegangen, um für ihr Land zu kämpfen. Neue Männer kämen kaum über die Grenze, so Mróz.

Mein allgemeiner Eindruck von der Hilfsbereitschaft der polnischen Bevölkerung ist sehr positiv, ich treffe aber auch auf Ausnahmen, wie z.B. Herrn Janusz, der neben einer Flüchtlingsunterkunft wohnt und meint: „Der Krieg ist nur in Donezk und im Donbass. Der Rest, das sind alles ukrainische Inszenierungen und ukrainische Kriegspropaganda. Die Flüchtlinge, die hier leben, sind keine echten Flüchtlinge. Sie nutzen die Chance, um nach Europa zu kommen und auf unsere Kosten zu leben“, echauffiert sich der kahlköpfige Mann um die 40. Trotz der Nähe hat er sich noch nie mit ihnen persönlich unterhalten. Polnische Politiker wie Korwin Mikke von der rechtspopulistischen „KORWIN“ greifen russische Propaganda auf und nutzen sie für ihre politischen Zwecke.

Endstation Krakau?

Um einen besseren Einblick in die jetzige Situation im Transitort Krakau zu bekommen, melde ich mich als Volontärin am Krakauer Hauptbahnhof an und komme ins Gespräch mit der Ukrainerin Iryna. Sie lebt seit acht Jahren in Polen und hilft ihren Landsleuten am Bahnhof, da sie weiß, wie schwierig Anfänge in einem fremden Land sind. Sie freut sich, dass die Menschen, die jetzt nach Polen kommen, nicht mehr mit so vielen bürokratischen Hürden zu kämpfen haben, wie sie damals: „Die Solidarität der polnischen Bevölkerung nach den Ereignissen vom 24.02. war immens. Keiner von uns hat das erwartet. Polnische Mütter haben Kinderwägen vor den Bahnhof gestellt für ukrainische Mütter, die ihre Kinderwägen nicht hatten mitnehmen können. Leute haben Hotel- oder AirBnB-Zimmer bezahlt, damit Menschen einen Platz zum Übernachten hatten“, schwärmt Iryna.

Vor dem Ticketschalter stehen die Leute in der Schlange und ich komme mit einer älteren Dame ins Gespräch, die ein Ticket in die ukrainische Stadt Dnipro kaufen möchte: „Ich will zurück. Ich halte diese Unsicherheit nicht mehr aus. Jetzt ist alles gut, ich kann gratis leben, aber was passiert, wenn die Hilfe irgendwann aufhört?“, fragt sie mich. Kurz vor der Kasse macht sie jedoch einen Rückzieher. Sie erinnert sich plötzlich an die Bomben, während sie mir ihre Fluchtgeschichte erzählt. „Meine ganze Welt ist zusammengebrochen. Es gibt keinen Ort mehr für mich in dieser Welt. Auch wenn der Krieg jetzt aufhört, weiß keiner wie lange es dauern wird, bis sich die Wirtschaft erholt hat.“ Ältere Personen tun sich mit der plötzlichen Umgebungsänderung sehr schwer und wollen oft zurück. Jedoch fangen viele langsam an, das Ausmaß und die weitreichenden Folgen dieser humanitären Katastrophe zu realisieren. „Viele Produkte sind bei uns in Dnipro nicht mehr erhältlich, wie z.B. Salz, welches in der Donezk-Region produziert wird. Die Preise steigen drastisch. In Charkiw, wo meine Verwandten leben, müssen die Menschen wieder Strom, Wasser und Miete zahlen. Wofür zahlen, wenn ihre Häuser zerstört wurden?“, fragt sie.

An allen Orten, die ich besucht habe, herrscht dieselbe Grundstimmung: die Angst vor dem „Danach“. „Irgendwann wird sich der polnische Staat die Hilfe nicht mehr leisten können, und die Bevölkerung wird auch von uns genug haben“, befürchtet die ältere Dame, die anonym bleiben möchte. „Andere EU-Staaten sollten nicht nur Flüchtlinge aufnehmen, sondern Polen finanziell mehr unterstützen. Ich will nicht nach Deutschland oder Frankreich ziehen müssen, wenn es hier finanziell zu schwierig wird. Die Sprache ist hier in Polen ähnlich zur Ukrainischen“, so die ältere Dame. Sowohl aufgrund der geographischen – als auch der kulturellen Nähe bevorzugt sie es, in Polen zu leben. „Hier bin ich wenigstens näher an meinem Heimatland.“ ●

 

 

Wie wird ukrainischen Geflüchteten  geholfen?
Der polnische Staat fördert Familien, welche Geflüchtete beherbergen, mit ca. 9 Euro (Anm. 40zł) pro Tag. Außerdem bekommt jeder Geflüchtet einmalig ca. 65 Euro (300zł). Zusätzlich bekommen die ukrainische Geflüchtete dieselbe finanzielle Unterstützung wie polnische Staatsbürger, das bedeutet z.B. ca. 108 Euro (Anm. 500zł) Familienbeihilfe* pro Monat und ein einmaliges Schulgeld zu Schulbeginn.
Die UNICEF hat in Polen Schutzorte sog. „Blue Dots“ eingerichtet, um Frauen und Kinder auf der Flucht vor Missbrauch und Menschenhandel zu schützen. Diese Stellen kooperieren mit den jeweiligen Stadtgemeinden, sowie Vereinen vor Ort, und bieten neben psychologischer und juristischer Beratung, auch Hilfe bei der Suche einer Unterkunft an.
Private Initativen wie z.B. „Zwierzaki z Dworca“ (Deutsch: Die Haustiere vom Bahnhof) stellen ukrainischen Haustierbesitzern Transportboxen, Zubehör und Futter zur Verfügung. Außerdem organisieren sich viele HelferInnen in Social Media Gruppen wie z.B. der Facebookgruppe „Pomoc dla Ukrainy“ (Deutsch: Hilfe für die Ukraine), welche aktuell aus 591 636 Mitgliedern besteht. In dieser Gruppe werden u.a. kostenlose Unterkünfte vermittelt.

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