Die Qual der Wahl: Kuhmist-Duft versus Abgasgestank

„Und, wo ziehst du im Herbst hin?“ ist eine Frage, die Maturant*innen oft gestellt wird. Während viele sich über die Antwort den Kopf zerbrechen, kannte ich sie schon mit 6. Damals erlebte ich meinen ersten City-Trip und hatte spätestens dann die Nase voll von den großen Maisfeldern und stinkenden Kuhfladen meines oberösterreichischen Heimatdorfes.

Je älter ich wurde, desto schlimmer fand ich es auf dem Land. Freunde zu treffen ist dort mühsam, weil der Bus nur alle paar Stunden geht und dafür riesige Umwege fährt. Außerdem wurde mir das Freizeitangebot irgendwann zu wenig. Die immer gleichen Lokale langweilten mich und das Leben dort fühlte sich eintönig an. Außerdem nervten mich die Gerüchte und neugierigen Nachbarn. Jeder weiß dort immer sofort alles und von der Norm Abweichende werden vorschnell verurteilt. Mir fehlte die Offenheit für kontroverse Themen und der Enthusiasmus für neue Ideen. Um einen Schritt auf die Dorfgemeinschaft zu zu machen, probierte ich mich für eine Weile in diversen Musik- und Turnvereinen aus. Aber auch dort kam ich mir stets fehl am Platz vor. Deshalb war mir klar, dass ich nach der Matura in eine Stadt musste.

Der Traum vom Leben in der Stadt
Der Traum vom Leben in der Stadt

Also ging ich zum Studieren nach Graz und bereue die Entscheidung auch ein Jahr später kein bisschen. Ich merke, dass die städtische Szene die meine ist und genieße es, mit den Öffis überall schnell sein zu können. Eins der besten Dinge sind für mich die anonymen Stadtspaziergänge, bei denen ich nicht alle paar Minuten jemanden grüßen muss und einfach mal unter Leuten allein sein kann. Ich mag, dass es an beliebten Orten manchmal wuselt und Menschen aus der ganzen Welt nebeneinander wohnen. In der Stadt fühle ich mich lebendig. Natürlich gibt es auch hier Nachteile, aber die Vorteile überwiegen meist. Deshalb war die Zeit des Corona-Lockdowns anfangs eine sehr harte für mich. 

In Graz zu bleiben war nach kurzer Überlegung keine Option. In meinem kleinen Studentenheimzimmer wäre ich mir schnell eingesperrt vorgekommen und Graz ohne Leute wäre für mich nicht mehr Graz gewesen. Also fuhr ich mit dem erstbesten Zug und einem mulmigen Gefühl zu meiner Familie aufs Land und muss sagen, dass diese Zwangskonfrontation mit der Heimat meine Beziehung zu ihr gerettet hat. Mit der Zeit begann ich, Kleinigkeiten zu schätzen. Lange Waldspaziergänge. Den großen Garten. Viel Platz. Am Land kann man wunderbar runterkommen und das Weltgeschehen für eine Weile ausblenden. Das alles habe ich früher nicht geschätzt, machte mir die Corona-Zeit aber viel erträglicher. 

Leben am Land
Leben am Land

Vor allem anderen brauchte ich jedoch meine Familie in diesen schwierigen Wochen am meisten. Mir ist klar geworden, dass Heimat nicht unbedingt ein Ort sein muss. Es kann auch das Gefühl sein, zum richtigen Zeitpunkt bei den richtigen Menschen zu sein. Zwar habe ich nicht vor, irgendwann wieder aufs Land zu ziehen. Aber ohne die langen Monopoly-Abende, Papas Flachwitze und Mamas Marillenknödel wäre ich während des Lockdowns wahrscheinlich verzweifelt und allein deshalb bemühe ich mich jetzt, öfter zurückzukommen. Mit der nötigen Distanz und ein wenig Humor wird übrigens auch die Landluft irgendwann erträglich. 

Sarah ist 18 Jahre alt und studiert Journalismus in Graz.

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