Wie ich ohne Universitätsabschluss Psychologin wurde

Als ich mit 18 einen Nebenjob als Callcenter-Telefonistin anfing, war ich mir sicher, dass ich meine Aufgaben reibungslos erfüllen würde. Ich würde meine Sprecherinnenstimme aufsetzen und in perfektem, akzentfreiem Deutsch, Fragen von einem Computer-Bildschirm ablesen. Wäre mir damals bewusst gewesen, dass ich Rassisten, Witwen und Single-Männer psychologisch betreuen würde, hätte ich mich wohl eher für einen Samstagsjob bei einer Feinkost beworben. Mein Traum von der einfachen Tätigkeit als Telefonistin platzte, als meine Chefin mich darum bat mir ein Pseudonym zuzulegen, weil ich durch meinen migrantischen Namen weniger Teilnehmerzahlen erzielen würde.
Mein österreichischer Fake-Name verhilft mir nicht nur zu Studienteilnehmer: innen, er verschafft mir eine neue Identität. Ich verkörpere einen emotionalen Mülleimer, bei dem man sich über seine lauten, Ramadan-feiernden Nachbarn auskotzen darf, über Balkanstaaten, die auf keinen Fall der EU beitreten dürfen und den man bei Bedarf auch schon mal anbaggern darf. Selbstverständlich ist es degradierend nicht zurückfeuern zu dürfen (es sei denn man hält dabei die Stummschalttaste gedrückt), und trotzdem rede ich mir ein mehr Macht als sie zu besitzen, weil sie Gedanken mit mir teilen, von denen ihre Arbeitgeber: innen und Lebenspartner: innen nichts erfahren dürfen.
Letztes Jahr gab es eine Meinungsbefragung zu der Förderung von Arbeitslosen in Österreich. Am Hörer hatte ich einen 45-Jahre jungen Mann, der mir berichtete, seit mittlerweile drei Jahren nicht mehr erwerbstätig gewesen zu sein. Er hatte eine abgeschlossene Lehre als Koch, doch durch den Konsum von Drogen erkrankte er an Hepatitis C, was es ihm laut seiner Aussage unmöglich für ihn machte auch nur ein Messer in der Hand zu halten, da ein Schnitt dazu führen könnte seine Kolleg: innen anzustecken und sie einem ewigen Lebenskampf auszusetzen. Ob das stimmt, kann ich nicht beurteilen, da ich keine Ärztin bin.
Keine fünf Minuten davor, waren laut seiner Aussage die undankbaren Tschuschen schuld an seinem Versagen am Arbeitsmarkt und nun erfahre ich, dass es Heroin ist. Im Laufe der Konversation stelle ich mir die Frage, was ich mit den Informationen anfangen soll. Ich könnte ihn mit dem Argument, dass sie von dem eigentlichen Zweck ablenken würden, unterbrechen, denn Ziel der Studie war es zu erfahren, ob er Jobangebote erhielt und das Arbeitslosengeld auch pünktlich ankam. Doch wie immer entscheide ich mich dazu es nicht zu tun. Es ist uns Telefonistinnen nicht gestattet allzu viele Emotionen zu zeigen oder persönliche Ratschläge zu erteilen, deshalb entschließen meine Kolleginnen und ich uns dazu ihnen einfach zuzuhören. „Frau Mayer!“, lallt der Herr. „Ich danke Ihnen vielmals fürs Zuhören.“ Ach, wir Callcenter-Telefonistinnen benötigen keinen Universitätsabschluss in Psychologie, am Ende ist doch die Praxis das was zählt.

Jelena Obradovic ist 19 Jahre alt und besucht die HLW 10.

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