Als Single in Quarantäne

30. April 2020

 

Wenn man sich selbst als introvertierten Menschen bezeichnet, dürfte es wohl nicht so schwer sein sich in Quarantäne zu begeben. Möchte man meinen. Denn es ist eine Sache, wenn man sich freiwillig dazu entschließt sich zu verbarrikadieren (so wie ich, normalerweise), oder aber es einem vorgegeben wird. „Nun denn, so arg kann das ja gar nicht sein, sowas bin ich gewohnt“, dachte ich mir. Hier eine kleine Zusammenfassung über meine Quarantänezeit als Single:

Woche 0-2

In Anbetracht der ganzen aufblühenden Aktivitäten auf den zahlreichen Social-Media-Plattformen dürften alle ziemlich aufgeregt über die ganze Corona-Quarantäne sein. Nahezu motiviert. Sowas hat es noch nie gegeben – wie spannend! Was machen wir nun?!

Sollte ich mich wohl auch an so einer Challenge-Sache beteiligen? Jeder fordert jeden heraus, postet Videos auf Instagram, was sie alles Wunderbares machen zu Hause  – Teller wie Zirkus-Artisten auf Stäben balancieren, mit WC-Papierrollen jonglieren, siebenstöckige Torten backen… Okay, aber was kann ich? Ich muss mir eingestehen, dass ich irgendwie in nichts so richtig herausrage. Ist das schlimm? Ein wenig beschämt bin ich schon. Es ist mir peinlich, dass ich schon seit einem Jahr versuche den Yoga-Unterarm-Stand hinzukriegen, und es noch immer nicht schaffe. Keine Ahnung, warum alle irgendetwas Supertolles können.

Nach dem achten, unangekündigten Videoanruf fängt es schon an mir egal zu sein wie meine Haare aussehen und was ich anhabe. Mich kann niemand mehr aus der Ruhe bringen oder überraschen. Ich bin die Coolheit in Person - just call me! Warum habe ich eigentlich früher nie mit meinen Freundinnen videotelefoniert? Und wieso bekomme ich auf einmal so viele eigenartige Freundschaftsanfragen auf facebook von Männern, die ich nicht kenne? Exfreunde melden sich plötzlich. „Eh klar“, denke ich mir. Corona ist wie Alkohol: Plötzlich merkst du, dass du jemanden vermisst!

Woche 2-4

Ich mache brav meine Sporteinheiten zu Hause. Den Insta-Fitnessdamen sei Dank weiß ich jetzt auch, wozu man Esstisch und Sessel, Besenstil, Schal, Wasserflaschen und Sofa sonst noch benutzen kann. (Ich weiß nicht, woran ihr denkt, aber ich bin noch immer allein!).

Ich traue mich auch rauszugehen um zu joggen. Aber eher im Zickzack. Oder ich halte die Luft an, wenn ich an jemandem vorbeilaufe. Seitenstechen. Während dem Laufen treten Gefühlslawinen in meinem gesamten Körper los. Ich bekomme Tränen in den Augen und mir schnürt es die Kehle zu. Ich vermisse Menschen. Ich vermisse alle. Jeden. Ich will allen sagen, wie sehr ich sie liebe. Familie, Kollegen, toxische Exfreunde, Freundinnen. Verdammt, warum muss ich ausgerechnet jetzt Single sein?! Ich habe das starke Bedürfnis, zu wildfremden Leuten hinzugehen und sie fest zu umarmen. Vielleicht merken sie es nicht, wenn ich mich von hinten anschleiche. Hunde?! Hunde sind eine gute Alternative. Ich könnte die Besitzer fragen, ob ich kurz mit ihrem Vierbeiner kuscheln darf. Aber dann merke ich, dass das wahrscheinlich etwas komisch rüberkommt. Ich sollte mir selbst einen Hund zulegen! Das scheint mir wohl die klügste Lösung zu sein.

Immer wieder erinnere ich mich an einen Artikel, den ich gelesen habe, dass eine Umarmung, die länger als 20 Sekunden dauert, heilende Kräfte auf die menschliche Psyche hat.

Es ist Samstagabend. Ich sitze auf meiner Couch, meinen Laptop im Schoß, Netflix, Popcorn und Wein, und fühle mich unendlich einsam. Normalerweise würde mir das nicht viel ausmachen – normalerweise entscheide ich mich manchmal freiwillig für solche Samstagabende. Ich weine.

Alles was ich möchte, ist nur eine Umarmung.

Woche 4-6

Noch niemals in meinem gesamten Leben, habe ich (m)einen Balkon als so großen Segen empfunden wie jetzt. Jedes Mal, wenn ich hinaussteige, schaue ich kurz zum Himmel und sage „Danke“.

Auf Tinder und Co gibt es kaum Matches, und wenn, dann schreibt mir niemand (zurück). Was ist los? So schlecht sehe ich nun auch nicht aus. Oder like ich nur überdurchschnittlich gutaussehende Männer, und die haben es nicht nötig, weil sie alle eh (schon) ein Quarantäne-G'spusi haben? Oh mein Gott, bin ich etwa übriggeblieben??!! Ich will ja niemanden in Persona treffen - ich will nur ein wenig virtuelle Brieffreundschaft.  Ich hoffe einfach mal, dass es an der Angst der Männer vor Corona liegt. (Aber sicherheitshalber überprüfe ich täglich mein Profil, ob sich darin etwas befindet was die Herren abschrecken könnte.)

Ich merke, wie ich anfange, Small-Talk anzuzetteln – was ich früher nie im Leben gemacht hätte. Einfach damit ich mit jemandem von Angesicht zu Angesicht sprechen kann – weil sich zwei dieser echten, greifbaren Minuten viel besser anfühlen als eine halbe Stunde per Telefon. Ich plaudere freundlich drauf los, mit Postbote, Kassadame, meinem Vorgesetzten… Es ist jedes Mal wie ein kleines Geschenk. Am meisten vermisse ich ganz normale Gesellschaft. Mit einer Freundin in einem Café zu sitzen.

Woche 6-8

Offenbar fühlen sich jetzt viel mehr Leute einsam als vor einigen Wochen. Online-Dating wird für mich ertragreicher. Oder sind die Männer mittlerweile schon so verzweifelt, dass sie mich liken?

Außerhalb der eigenen vier Wände ist es wie auf einem riesengroßen Maskenball auf dem wir alle Gäste sind. Einerseits ist es spannend: „Hm, ist der Typ der bei der Obstabteilung steht, wohl immer noch süß, wenn er seine Maske abnimmt?“ Aufregend. Nach einer halben Stunde nicht mehr. Leichte Atemnot. Die Maske rutscht, die Nase juckt. Immerhin habe ich mir jetzt viele Augenfarben von diversen Leuten gemerkt.

Ich habe ein Picknick-Date. Das heißt: Wir sitzen in entsprechendem Abstand zueinander auf einer großen Picknickdecke auf einer Wiese, und plaudern. Der Funke springt nicht ganz über. Ob es wohl daran liegt, dass man sich so ganz und gar nicht nahe sein kann?

Dann eben ein Video-Date. Verdammt. Auch nix. Hätte er mir wohl in Natura, hätte ich ihn neben mir erlebt, besser gefallen?

Es ist frustrierend. Vermutlich sollte ich mich einfach nur auf mich konzentrieren. Nicht mehr verkrampft suchen. Meine Bücher lesen. Aber ich fühle mich so einsam, dass ich mich teilweise auf nichts richtig konzentrieren kann. Antriebslosigkeit und mangelnde Disziplin schleichen sich langsam ein.

Ich lege mich auf die Donauinsel und genieße - alleine - die Sonne. Plötzlich fühle ich eine warme Schnauze an meinem Ohr. Ein junger Hund schleckt mir die Wange ab. Er reibt seinen Kopf an meinen Oberarm und schmiegt sich fest daran, während er sich neben mich fallen lässt. Die Besitzerin kommt angelaufen und entschuldigt sich. Ich bitte sie darum, ihn mir noch ein wenig zu lassen und sage ihr ganz offen und ehrlich, dass ich seit Wochen alleine bin und seine Nähe gerade eines der schönsten Dinge ist, die mir passiert. Sie lacht und wartet.

Am Abend gehe ich mit strahlendem Gesicht nach Hause.

Und nun?

Was ich weiß: Ich habe mein soziales Wesen deutlich unterschätzt. Ich empfinde irgendwie Mitleid für Menschen in Einzelhaft. Für Haustiere nun sowieso. Ich schätze meine Kollegen umso mehr – jeden verbalen Austausch, und geht es nur ums Mittagessen. Ich weiß nun, welch immensen, seelischen Wert eine Umarmung hat, eine kurze Berührung an der Schulter – und welchen Effekt.

Was ich nicht weiß: Wann ich wieder ein normales Date haben werde. Direkt neben jemandem sitzend, miteinander lachend, sodass ich die Energie des Mannes spüre und sagen kann, ob sie mit meiner übereinstimmt oder nicht.

P.S.: Den Yoga-Unterarmstand kann ich noch immer nicht.

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