Das Rattenmädchen hat mich heimgesucht.

29. März 2021

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Foto von Ketut Subiyanto von Pexels

Es gibt ganz kleine, flüchtige Momente, in denen eine tief ins Gedächtnis eingegrabene Kindheitserinnerung plötzlich nach langer Zeit wieder auftaucht. Quasi ähnlich wie ein herkömmliches Déjà-Vu, nur noch viel tiefgründiger. Genau so eine Erinnerung hat sich in meinem Kopf freigesetzt, als ich in Wien Plakate zur Ausstellung der australischen Künstlerin Patricia Piccinini in der Kunsthalle Krems sah. Es mag verrückt klingen, aber ich musste mich plötzlich an jene Geschichte vom „Rattenmädchen“ erinnern.

Es war eine Urban Legend, die ich hörte, als ich etwa neun oder zehn Jahre alt war. Demnach soll ein Mädchen den Koran zerrissen haben, woraufhin sie von Allah in eine scheußliche Ratte verwandelt wurde. In anderen Versionen der Legende soll sie den Koran getreten, oder ihn im Klo hinuntergespült haben. Auch die Bezeichnungen „Affen-„ oder „Mäusemädchen“ waren geläufig. Das Schlimmste an der Sache: Es kursierte zusätzlich ein wirklich grauenhaftes Bild eines Mutanten, der irgendwas zwischen Mensch und Ratte war. Das sei den Erzählungen nach, aus dem Mädchen geworden, nachdem es das Heilige Buch entehrt habe. Eltern meiner muslimischen MitschülerInnen haben auch mit Videos ihren Kindern Angst eingejagt. Zugegeben haben die mangelnden editing skills solche Videos um ein vielfaches unheimlicher gemacht, als sie hätten sein müssen. Wer sich traut, kann ja einen Blick darauf werfen:

Als ich klein war, hat man uns gesagt, dass man einen Koran unter sein Kopfkissen legen soll, um keine Albträume zu kriegen. Eine Schulfreundin von mir hatte gleich fünf Exemplare unter ihrem Kissen, so traumatisiert war sie von diesem Foto.

Erst viele Jahre später erfuhr ich, dass es sich bei dem Foto des „Rattenmädchens“ in Wahrheit um eine Skulptur von Patricia Piccinini handelte. Das Foto ihrer Arbeit wurde ohne ihre Erlaubnis zweckentfremdet und verbreitete sich rasant.  Die Sache ging sogar so weit, dass die Künstlerin selber ein Statement veröffentlichen musste, in dem sie die Geschichte vom „verfluchten Mädchen“ als falsch abstempelte. Hach ja, was für tolle Erziehungsmaßnahmen sich so in ein Gedächtnis einbrennen können.

 

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