Die neu strukturierte Nacht: Nicht legal, aber geduldet?

02. Juni 2021

Die neu strukturierte Nacht: Nicht legal, aber geduldet.

Weil Clubs geschlossen sind, aber die Stimmung wieder lockerer ist, zieht es feiernde Massen auf die Donauinsel, den Karlsplatz und den Kanal. Was verändert sich im Nachtleben? Was ist noch okay und was gefährlich?

Musik, Tanzen, Rausch und Ausbruch aus dem Alltagsgrau? Clubs und Bars haben nachts trotz Öffnungsschritte noch geschlossen. Aber ist der Duft der süßen Freiheit einmal erschnuppert, will man nicht um elf Uhr sein letztes Bier trinken und den Abend ausklingen lassen. Weil offiziell nichts geht, entsteht gerade eine ganz neu strukturierte Nacht. Im Halbdunkel, nicht legal, aber geduldet. Eine Szene, die es schon ewig gibt, blüht auf: Der Rave. Wie verändert sich das Nachtleben in Wien, was macht das mit Infektionsgefahr, Sicherheit und Offenheit der Feierkultur? Dem will ich auf den Grund gehen und befrage einen Modedesigner, der seit Jahren Raves organisiert.

Ausweichen auf öffentliche Plätze

Die Bilder von Donaukanal und Karlsplatz sind absurd. Tausende waren unterwegs. Geschrei, Getöse, eine wilde, große Party, heftiger als man es vor Corona kannte. Unter den ZIB-Instagram Posts ist in den Kommentare von „Schämt euch“ bis „Fuck yes.“ alles dabei. Letzten Freitag räumte die Polizei in Vollmontur den Karlsplatz, es kam zu Aussschreitungen. Aber was haben eigentlich die Feiernden zu sagen?

Illegal, aber nicht strafbar: Unangemeldete Raves

Rave
Foto: Simon Boxus

Menschen haben sich schon immer nach Feiern gesehnt, gerade geht das am besten draußen. Ein DJ, Boxen und schon kommen Tanzende aus allen Richtungen. Illegale Raves finden öfter und größer statt. Der dreißigjährige Modedesigner Karl Michael treibt sich seit fünfzehn Jahren in der Technoszene rum. Seit einer Weile jetzt mit einem Kollektiv. Zusammen mit Rosi Scuttio war er Mitbegründer von ROSACOWBOYKARL. Ich wollte von ihm wissen: Was unterscheidet seine Events von offiziellen Partys mit Eintrittskarte, Gästeliste und Bar?

„Zuerst einmal, dass es keine Events sind“, berichtigt er mich: „Wir melden nichts an. Wer etwas trinken will, bringt das selbst mit, es kostet nichts, es gibt keine Gästepolitik. Jeder ist willkommen. Unsere Raves sind illegal, aber nicht strafbar.“ Wenn Karl etwas macht, dann wissen das dreißig, vierzig Leute in einer Telegram-Gruppe und zwei Stunden, bevor es losgeht, schickt er den Standort rein. Meistens abgelegene Orte in der Natur, damit keine Ruhestörung vorliegt. Am Ende können trotzdem Hunderte erscheinen: „Das liegt dann nicht in meiner Verantwortung.“ Wenn die Polizei kommt, sagt sie meistens nur Hallo und Tschüss. Weil sich keine Anrainer beschweren und es keinen Veranstalter gibt, liegt kein Vergehen vor. So funktionieren Raves. Und wie steht es um Hygienekonzept oder Verhaltensregeln? Drogenkonsum? Sicherheit des Einzelnen?

„Wir üben Demokratie aus“

„Natürlich gibt es Regeln, so wie überall auch,“, sagt Karl: „aber wir sind um einiges inklusiver und offener.“ So können auch Menschen mitfeiern, die sonst aufgrund ihres Aussehens, Auftretens oder finanziellen Budgets nicht an der Tür vorbeikämen: „Ich selbst habe in Clubs Diskriminierung erlebt, bin ja auch queer und ging Türstehern oft gegen den Strich.“ Was Abstandsregeln oder Personenlimit angeht ist jeder für sich selbst verantwortlich, weil niemand offiziell verantwortlich ist: „Solange es draußen stattfindet, ist es mir aber tausendmal lieber als dreißig Leute eng auf eng in einer privaten Wohnung. Die Infektionsgefahr ist an der frischen Luft gleich Null.“, sagt Karl.

Wer kann einem verbieten zu feiern? „Wir tun nichts anderes als den Raum unserer Stadt für uns zu beanspruchen. Wir leben Demokratie aus.“, sagt Karl: „Was Drogenkonsum angeht, habe ich beobachtet, dass es in unserer Community und draußen sicherer zugeht als in irgendwelchen Clubs, wo die Leute sich hinter verschlossenen Toilettentüren ganz viele Lines auf einmal ballern.“ Er beschwört das Gefühl der Gemeinsamkeit und des gegenseitigen Vertrauens auf. Aber was wenn so viele Leute kommen, dass es da nicht mehr gibt?

Plätze des Vertrauens finden

Eskalative Ausschreitungen, wie die ZIB sie nach dem Wochenende am Kanal und Karlsplatz zeigte, beobachtet der Modedesigner in seiner Community nicht, sieht auch keine Gefahr, dass es durch die Pandemie dazu kommen wird. „Wir würden aber auch nicht am Karlsplatz oder in der Innenstadt Musik ganz laut anmachen.“, gesteht er ein: „Ich bin selbst selbstständig und finde, wenn Leute am Morgen arbeiten müssen, dann sollte man die Nachtruhe respektieren und Anrainer nicht stören.“

Die Verlagerung des Nachtlebens in öffentliche Plätze hat nicht zwingend einen Kontrollverlust zur Folge. Tatsächlich ist der Außenbereich inklusiver gegenüber Minderheiten und sicherer, was die Infektionsgefahr angeht. Das aber nur, wenn man weiß, mit wem man feiert und sich auf Vertrauensbasis gehen lassen kann. Ob das am Kanal so leicht geht, ist eine andere Frage. Die Entscheidung liegt beim Einzelnen. Wer jetzt schon wieder Party machen will, dem bieten sich bei einem Freitagabendspaziergang durch die Stadt sicher ein paar Gelegenheiten. Abzuwiegen, wo man sich wohlfühlt und was sicher ist, liegt, wie so vieles in diesen Zeiten, in der Eigenverantwortung.

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