"Du bist eh nur ein Tschusch"

12. September 2022

Wir sollen uns integrieren - aber dann bitte nicht zu viel.  Wir leisten das Doppelte, aber dürfen trotzdem nicht am Tisch mitsitzen, sondern sollen am Boden bleiben. Warum wir Migranten immer auf der Strecke bleiben werden.


Mit dem Rücktritt von Laura Sachslehner müssen wir uns nun hoffentlich nicht mehr das endlose Geschwafel von der “Staatsbürgerschaft am Ende eines gelungenen Integrationsprozesses” geben. Mit Bedacht sage ich hoffentlich. Ihre Amtszeit hat aber doch eines bewiesen: Migranten werden laut rechter Politik niemals dazugehören können. Es wird immer eine Schicht zwischen “uns” und “ihnen” geben.

Uns wird von klein auf indoktriniert, dass wir uns ja gut integrieren müssen. Ich soll mich Verhalten wie ein Österreicher, reden wie ein Österreicher und so “gut” sein wie ein Österreicher. Was auch immer das heißen soll.

Aber wenn es ums Aussehen geht, kommen wir schnell zu einem Problem. Unterm Strich differenziert uns dann doch etwas. Die Haare sind etwas dünkler. Die Haut gebräunter. Vielleicht rolle ich das “r” stärker. Es fällt auf. Egal wie gut ich mich “integriere”. Und das führt zu Problemen.

Ich bin “eh” Österreicher

Im Kindergarten habe ich kein Deutsch gesprochen. Dementsprechend hatte ich auch eher weniger Freunde und lief mit einer Mobbing-Zielscheibe auf dem Rücken rum. Klar. Wer will nicht den kleinen Bosnier fertigmachen? Er kann sich doch eh nicht verteidigen.

Um das ganze etwas schlimmer zu machen, bin ich, sobald ich das genügende Vokabular dafür beherrschte, rumgerannt und habe erhobenen Hauptes erzählt, dass ich aus Bosnien komme. Ich habe die goldene Lilie, die als Symbol Bosniens gilt, mit Stolz auf der linken Brust getragen.

Eines werde ich aber nie vergessen. Mein bester Freund hatte mir immer eingeredet, dass ich Österreicher sei. Ich solle ja leise sein und ihm das Reden überlassen. Habe ich auch. Damit wollte er mir alle Nachteile, die mit dem “Ausländer” sein kommen, ersparen. Spoiler: Es hat nicht geholfen.

Mit diesem Tag hat für mich unwissentlich die ganz eigene Identitätskrise angefangen. Es sollte fast zwei Jahrzehnte dauern, bis ich draufkomme: ich stecke ganz tief drinnen und so leicht komme ich da nicht wieder raus.

„Du bist eh nur ein Tschusch“

Ich bin zu schnell zu erwachsen geworden und musste zu schnell der Realität ins Auge blicken. Der grausamen Realität, dass wir in einer ekelhaften Welt leben. Bis heute wird mir signalisiert das ich nicht dazugehören soll.

Ein kurzes „du bist eh nur ein Tschusch“ als Hinterherruf von der betrunkenen Stammmannschaft vor dem lokalen Restaurant oder überraschte Blicke, wenn sie hören, dass ich lieber lese als mich am Praterstern zu boxen, gehören zu dieser Realität. 

Selbst in den USA habe ich davor nicht fliehen können. Während meinem Auslandsjahr mit 16 Jahren hielt es die Gastfamilie nicht aus, einen Moslem im Haus zu haben. Kurzerhand wurde ich dann vor die Tür gesetzt. Es sei „inakzeptabel“ und sie wären „enttäuscht“ hat man mir gesagt.

Wenn uns Alma Zadić eines gezeigt hat, dann genau das.

Gelungene Integration führt zu mehr Konflikten. Wir müssen uns gut integrieren, aber nicht zu sehr. Wir sollen in die Schule gehen, aber dann doch nicht an die Uni. Wir sollen brav und fleißig arbeiten, die Karriereleiter aber nicht zu hoch besteigen. Wenn uns Alma Zadić eines gezeigt hat, dann genau das. Sie ist als Justizministerin an der Spitze angekommen. Und genau deshalb wird sie angefeindet und mit Morddrohungen überhäuft.

Erkenntnis ist bekanntlich der erste Weg zur Besserung. Und eines kann ich sagen: Zu erkennen, dass man alles tun kann, nur um am Schluss ohnehin von der Gesellschaft nicht anerkannt zu werden, gleicht einem saftigen rechten Haken. Und ich denke, dass je schneller wir uns dessen bewusstwerden, wir umso leichter einen Weg finden, hier in Österreich klarzukommen.

Kein Platz für schlechte Leistung

“Sieh dir deine Kollegen an. Du musst mindestens das Doppelte leisten, um die gleiche Anerkennung wie sie zu kriegen”, hat mein Onkel meinem Cousin und ehemaligen Profi-Fußballspieler eingeredet. Ich stand daneben und wusste noch nicht, welchen Einschlag diese Wörter einige Jahre später bei mir finden werden.

Und das gibt es wirklich. Im ersten Job umgeben von österreichischen Kollegen habe ich schnell gemerkt: Er hatte recht. Und wie er recht hatte. Während der regulären Arbeit, die natürlich fehlerfrei sein muss, soll ich Kaffee kochen, Kuchen backen und das Mittagessen abholen. Währenddessen sitzt mein österreichischer Kollege neben mir, schlürft den Kaffee den ich gemacht habe und hält keine einzige Deadline ein. Am Ende des Tages werde aber natürlich ich vom Chef kritisiert. Der Kaffee war zu kalt.

Diese Linie zieht sich durch mein gesamtes Leben durch. Vom Kindergarten bis zum Job war und bin ich die „zweite“ Klasse neben meinen österreichischen Kollegen. Die Häufigkeit und Konstanz der Diskriminierungen und Anfeindungen häufen sich mittlerweile und nehmen langsam ein unerträgliches Maß an. Es ist erdrückend, darf aber nicht normal sein. 

Österreichs Politik und Gesellschaft muss einen guten Blick in den Spiegel werfen und sich fragen, wo das Ganze hinführen soll. Solange mit Migranten und Asylpolitik politisches Kleingeld gemacht wird, kann diese Situation für die Hunderten Tausenden von Menschen mit Migrationshintergrund einfach nicht besser werden. Das ist ganz sicher nicht der Weg nach vorne.

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