Feminismus, der sich gewaschen hat?

17. März 2022

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Nach zwei Stunden im Schrank wühlen, hab ich es doch noch gefunden. Foto: Privat

„Girlpower“, „Girls Supporting Girls“. Solche Sprüche sehe ich tagtäglich in Schaufenstern von großen Marken. Es geht um Empowerment, das Stürzen des Patriarchats und die Emanzipation der Frau, oder etwa nicht?

2016 hatte ich gerade meine Matura hinter mir und den „Holy Grail“ schlechthin für mich entdeckt: Feminismus. Ich fing an alles zu sammeln, von Plakaten bis hin zu Stickern. Auf einer Onlineshopping-Seite entdeckte ich dann ein T-Shirt mit der Aufschrift „Girls Supporting Girls“. Ich war im siebten Himmel. Nachdem ich mich etwas mehr mit Feminismus beschäftigt hatte, merkte ich aber schnell, wie falsch und ausbeuterisch die Produktion und Vermarktung einer solchen Bewegung sein kann. Die Ironie, dass doch vor allem Frauen in den Nähereien großer Textilkonzerne unter schlechten Bedingungen T-Shirts mit so einer Message herstellten, war mir auf Anhieb nicht bewusst. Das Shirt liegt nun bei mir im Schrank, vermutlich sogar noch mit dem Etikett dran.

Was gestern das Green-Washing war, ist heute das Feminist-Washing. So nennt sich nämlich die Nutzung des Feminismus zu kommerziellen Zwecken und der Image-Aufbesserung. Marken und Firmen verfolgen Trends und gebrauchen diese zu ihrem Vorteil. Den Konsumenten wird dabei eine aktive und positive Stellung zum Feminismus vorgegaukelt. Dies ist für die Bewegung allerdings von Nachteil, da sie durch die Nutzung von dubiosen Marken ihren Wert verlieren kann. Fast Fashion Brands wie Fashion Nova und SHEIN bieten uns zwar eine riesige Auswahl an T-Shirts, Sweatshirts und Co mit feministischem Aufdruck, aber dass Feminismus und Empowerment für Gleichberechtigung und Gerechtigkeit stehen, haben die nicht so ganz kapiert.  Laut einer Studie von Femnet.de berichten rund 76% der Arbeiter:Innen von geschlechterspezifischer Gewalt und sexueller Belästigung am Arbeitsplatz. Die Produktion dieser billigen Marken steht also in einem gewaltigen Widerspruch zum Feminismus.

Pseudo-Empowerment durch High-End-Marken

Man kann sich nun dazu denken „Ja passt, dann gebe ich halt bissl mehr Geld aus. Gucci und Louis Vuitton kommen bei den Straßenumfragen von Youtubern zum Thema `Wie viel ist dein Outfit wert?` eh besser an.“ So einfach ist das aber nicht. Teuer bedeutet nicht gleich fair. 2014 liefen auf einer Modeschau von Karl Lagerfeld Models mit Schildern, die mit feministischen Sprüchen beschrieben sind, über den Laufsteg. Er inszenierte eine Art feministischen Protest auf dem Catwalk. Der Mann, der sich seit den 2010ern nicht scheute, Frauenkörper zu kommentieren und sexistische Sprüche fallen zu lassen, wollte damit ein Statement setzen? Fix nicht. Lagerfeld bediente sich der weiblichen Empowerment-Bewegung, da diese einfach nur gerade im Trend war und sie sein Image aufbessern könnte. Die Nutzung des Feminismus im Zusammenhang mit Models, die ausschließlich dem (westlichen) Schönheitsideal entsprachen, vernichtet zudem die feministische Vision von Diversity. Diese steht nämlich für eine Vielfalt von Menschen unabhängig von Hautfarbe, Nationalität, Gewicht oder Makel. Vorstellungen, wie die von Lagerfeld, setzten den Feminismus mit den Schönheitsidealen in Verbindung, gegen die sie ursprünglich kämpften.

Auf was muss man jetzt achten?

Meiner Meinung nach ist es sehr problematisch, wenn Marken Feminist-Washing betreiben. Es löscht die Ernsthaftigkeit der Bewegung und transformiert sie zu einem trendigen Mainstream-Lifestyle. Die Wahrheit ist allerdings nicht so rosig, wie sie dargestellt wird. Es geht um wichtige und große Themen. Gleichberechtigung, Gewalt, Bildung und das Aufbrechen von Geschlechterrollen sind nur einige davon. Der scheinbar überall erhältliche „Feel-Good-Feminismus“, der nur leichte Themen anspricht, entspricht nicht der Realität. Da muss ich die SHEIN-Haul-Influencer enttäuschen. Wer also seriöse Betriebe unterstützen möchte achtet nicht auf den Preis, sondern auf die Produktionsstätten sowie Arbeitsumstände, und die wahre Ideologie, die vertreten wird. Das Verkaufen eines 14,99€ T-Shirts mit Aufdruck reicht dabei nicht aus, um ein Statement zu setzen. Das bedeutet nicht, dass ihr jetzt alle eure SHEIN T-Shirts verbrennen müsst. Vielmehr geht es darum, sich zu informieren und zu erkennen, welche Betriebe man nicht supporten sollte, um nicht selbst das Ziel des Empowerments unbewusst in die Ferne zu treiben.

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