„Ich habe erlebt, wie herablassend manche auf Krankenschwestern herunterschauen.“

20. September 2023

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Ophelia Cortez (ehemalige philippinische Krankenschwester). ©Chelsea Amada

Vor mehr als 40 Jahren warb Österreich gezielt über ein Abkommen mit den Philippinen um Gastarbeiterinnen in der Pflege. Tausende, exzellent ausgebildete junge Frauen migrierten um diese Zeit nach Österreich und nach ganz Europa, und manchmal noch weiter bis in die USA. Die Künstlerin Chelsea Amada, selbst Tochter einer philippinischen Krankenschwester, beschäftigt sich in ihrer Praxis schon lange mit der Erinnerungskultur der philippinischen Gastarbeiterinnen. Im Rahmen der Wienwoche zeigt sie die Ausstellung „Sulyap“, in der Film, Installation und Diskussion um die Erfahrungen der Krankenschwestern und deren Nachkommen in der Diaspora kreisen. Ein Gespräch mit der Künstlerin Chelsea Amada.

Biber: Die „philippinische Krankenschwester“ ist wohl bei vielen Menschen nicht das erste, was einem beim Stichwort „Gastarbeiter“ in den Sinn kommt. Wie ist dein Bezug zu diesem Stereotyp?

Chelsea Amada: Als Kind fand ich es lange Zeit normal, dass viele meiner philippinischen „Tanten“ – also Freunde und Bekannte meiner Mutter, oder auch die Mütter und Tanten meiner philippinischen Freunde – ebenfalls Krankenschwestern waren. Die Community ist in Wien vor allem durch die Kirche sehr stark vernetzt. Es kennt förmlich jeder jeden, und der Stereotyp der philippinischen Krankenschwester war auch in meiner Schule bei den Lehrern verbreitet.

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Ausstellungsansicht "Sulyap" ©Chelsea Amada

Gibt es unterschiedliche Stellenwerte in der Wahrnehmung des Berufs der Krankenschwester in den Philippinen und Österreich?

In der philippinischen Community ist der Beruf der Krankenschwester sehr hoch angesehen. Hier in Österreich, oder generell außerhalb der Philippinen, herrscht aber oft ein vollkommen anderes Bild. Ich habe selbst erlebt, wie herablassend manche Menschen auf Krankenschwestern herunterschauen. Ich hatte in der Schule zum Beispiel eine rebellische Phase, wo ich mit anderen philippinischen Kids den Unterricht geschwänzt habe. Wir bekamen damals die Drohung von der Direktorin, dass wir doch nicht „den Beruf unserer Mütter erlernen wollen“. Erst dann habe ich gemerkt, wie viele Menschen uns wohl sahen.

Wie begann deine künstlerische Arbeit zu diesem Thema?

Während meines Studiums an der Akademie der Bildenden Künste bin ich früh draufgekommen, dass ich die Geschichte der philippinischen Krankenschwestern beleuchten kann, weil es ja auch irgendwo meine Geschichte ist. Anfang der 70er Jahre gab es verschiedene Reiseagenturen, die Plätze für Absolventinnen der Pflegeakademien vermittelten. Meine Mutter kam im Jahr 1981 in Köln an, und zog dann kurze Zeit später nach Wien. Viele Kolleginnen berichten darüber, dass sie komplett ins kalte Wasser gestoßen wurden – viele hatten keine Deutschkenntnisse und kamen mit falscher Kleidung nach Europa. Sie kamen ohne Mantel und in Flipflops hierher – wie typische Inselbewohnerinnen eben – und hatten großes Heimweh.

Gibt es Geschichten, die dir besonders in Erinnerung geblieben sind?

Ich habe die Erinnerungen von Krankenschwestern in Österreich, Deutschland und den Niederlanden gesammelt – eine lustige Sache hatten sie gemeinsam: Es wurden bei ihrer Ankunft in Österreich Willkommensessen serviert. Auf den Philippinen ist Gastfreundschaft sehr wichtig, bei uns gibt es immer warme, und vor allem viele Speisen. Stattdessen gab es hier kalte Brote mit Aufschnitt, eher Jause halt. Eine Tante hatte zuvor noch nie Schwarzbrot gesehen und sie hatte das Brot so lange in ihrem Zimmer, bis es hart geworden war.

Welche emotionalen Aspekte verbinden dich mit deiner Arbeit über die Krankenschwestern?

Viele meiner philippinischen Freundinnen und Freunde kommen aus sehr strengen Familien und erleben einen großen Druck, erfolgreich zu sein. Warum sind unsere Eltern so? Warum fühlt man sich so? Warum gehen Freundschaftsgruppen in die Brüche, durch die Traumata? Diese Fragen stehen bei mir im Fokus. Auch die stark matriarchal und indigen geprägte Kultur der Philippinen, setzt sich in der Diaspora fort. Auch das sind Aspekte der Ausstellung „Sulyap“. Ich bekam dafür schon viele positive und sehr emotionale Reaktionen aus der Community. Menschen haben sich bedankt, dass ich diese Geschichten hervorhebe und damit auch Wertschätzung für diese vielen Frauen zeige. EYEOFBRC, eine Künstlerin, hat mir bei der Visualisierung des Projekts geholfen. Sie ist nicht nur die Artdirektorin, sondern war auch selbst als Fotografin auf der Ausstellung vertreten. Weitere Fotografen, die einen Beitrag geleistet haben, waren Ryan Noel, Cesar Amada mein Papa, und ich. In der Ausstellung befindet sich auch ein iPad, auf dem ein Video abgespielt wird, das während der Wienwoche-Ausstellung im Jahr 2021 auf einem Röhrenfernseher gezeigt wurde. 

 

„Sulyap“ ist noch bis 22. September im Gebäude des ÖGB zu sehen. Hier gibt es alle Informationen.

 

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