Ich will mich nicht schämen müssen, EU-Bürgerin zu sein.

20. April 2015

Flüchtlinge im Mittelmeer

Flüchtlinge im Mittelmeer
Opielok Offshore Carriers / EPA / picturedesk.com

1500. So hoch ist die Zahl der im Mittelmeer umgekommenen Flüchtlinge laut offiziellen UNHCR-Angaben seit Anfang des Jahres. In der Nacht von Samstag auf Sonntag sind etwa 700 gestorben, 400 vor einer Woche. So viele Menschen sind tot - dabei hätte die EU-Politik die Mittel und die Möglichkeiten, die Flüchtlinge zu retten. Ihr Tod wird einfach hingenommen. Wieso? Weil sich Europa vor Flüchtlingen mit toten Flüchtlingen schützt. Warum sonst hätte die lebensrettende Mission Mare Nostrum abgeschafft werden sollen?

Das Mittelmeer ist ein Massengrab

Okay, und wir reagieren wir EU-Bürger auf das Ganze? Schockiert, wütend, enttäuscht, erschüttert. Ja, wir alle sind entsetzt. Jeder von uns denkt heute, vielleicht auch noch morgen und übermorgen an die vielen Verstorbenen und wie qualvoll sie ertrunken sind. Jeder von uns denkt an die tragischen Familienereignisse, die ertränkten Hoffnungen auf ein besseres Leben und ärgert sich über die Untätigkeit der EU-Politiker. Jeder von uns ist wütend auf die EU und ihre Innenminister, schimpft, dass sie den Friedensnobelpreis nicht verdient hat und dass sie eine Schande für die Menschheit bzw. Menschlichkeit ist. Alles völlig nachvollziehbar. Gleichzeitig beschweren wir uns über Flüchtlinge, die eine Kirche besetzen. Gleichzeitig gibt es Politiker, die gegen diese Flüchtlinge wettern und uns vor ihnen „warnen“. Dabei geht die Flüchtlingsproblematik nicht nur Länder wie Italien, die unmittelbar davon betroffen sind, etwas an, sondern die gesamte EU. Das Mittelmeer ist zum Massengrab geworden und wir alle sehen dabei zu.

Aber trotz unserer gerechtfertigten Erschütterung ist eins viel wichtiger: Was muss getan werden, damit so ein Unglück nie wieder passiert? Ich habe ein Kommentar im Spiegel gelesen, der mir in dieser Masse an Berichten besonders in Erinnerung geblieben ist. In ihm wird nämlich genau das thematisiert. Denn das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) und Menschenrechtsorganisationen wie Pro Asyl oder Human Rights Watch haben längt aufgezeigt, was getan werde könnte.

Legale Wege schaffen

  • Der erste große Schritt ist es, jetzt und sofort legale Wege für Flüchtlinge nach Europa zu schaffen - jetzt sofort, ohne Widerrede.
     
  • Die Rettungsmission der italienischen Marine "Mare Nostrum“ muss wieder eingeführt werden. Gegen diesen Punkt gibt es nichts zu sagen, ich zitiere die Süddeutsche Zeitung: "Die Kosten für das Rettungsprogramm hätten denen entsprochen, die demnächst für den Gipfel der Staats-und Regierungschefs in Elmau aufgewendet werden müssen. Der dauert zwei Tage. Mit dem Geld könnte man 365 Tage Rettung organisieren." Dem ist nichts hinzuzufügen.
     
  • Die Frontex-Operation, die der Abwehr von Migranten dient, muss abgeschafft werden.
     
  • Für Bürger aus Krisengebieten wie Syrien sollten es keine Visumspflicht geben - zumindest vorerst. Das Dublin-Regime, das Flüchtlingen verbietet, nach der Ankunft in Europa in ein anderes Land weiterzureisen, muss aufgehoben werden. Stattdessen sollten anerkannte Flüchtlinge eine ähnliche Freizügigkeit wie EU-Bürger haben, was das Reisen angeht.
     
  • Menschen, die vor Armut fliehen, sollten ein Arbeitsvisum erhalten - so etwas wie die Greencard, nur für Einwanderer aus ärmeren Ländern.
     

Alle Toten werden bald wieder vergessen sein

Jeder von uns weiß, wie es jetzt weitergeht. Es wird etliche Krisensitzungen geben, unser Facebook-Newsfeed wird überladen sein mit unglaublich schockierten Menschen, prominente Stimmen werden sich zu Wort melden, an unsere Menschlichkeit appellieren und in die Welt hinausrufen, dass so etwas nie wieder passieren darf. Stille Gedenkfeiern werden abgehalten. Heute, morgen, vielleicht auch übermorgen. Dann sind all die Toten wieder vergessen. Darf ich ehrlich sein? Ich habe das alles so satt. Solange es keine sichere und legale Möglichkeit gibt, nach Europa zu reisen, haben die Flüchtlinge keine andere Wahl haben, als auf Schlepper zurückzugreifen und somit ihr Leben zu riskieren - alles in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Es wird Zeit, dass sich an dieser Tragödie etwas ändert. So kann es einfach nicht weitergehen.Ich will nicht dabei zu sehen müssen, wie wieder und wieder Hunderte von Menschen sterben, nur weil wir ihnen nicht Eintritt gewähren. Ich will mich nicht dafür schämen müssen, EU-Bürgerin zu sein.

 

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Kommentare

 

Servus!

Ich will mit diesem Kommentar eigentlich nur eines Ausdrücken, weil sich beim Durchlesen Deines Blogs der Wunsch gebildet hat folgenden Satz aussprechen: Dein Blog ist scheinheilig!

Du beschreibst in deinem Blog das Du es so satt hast die vielen Toten mit zu zählen und die zahllosen nicht eingelösten Lippenbekenntnisse unserer Politiker zu hören. An diesem Punkt bin ich bei Dir und kann Dir versichern, das es mir genau so geht. Ich glaube viele Menschen in Österreich (und auch europaweit), denen es gesellschaftlich besser geht, drückt die Scham auf der Seele wenn wieder neue Zahlen von Ertrunkenen in den News erscheinen. Da bin ich keine Ausnahme!

Doch die Forderungen die die UNHCR, Pro Asyl und HRW und nun auch von Dir weiter gegeben werden sind völlig illusorisch!

Nur um die einige Punkte aus deinem Blog zusammenzufassen:
- Legale Wege für die Einreise
- Greencard
- keine Visumpflicht

Wäre die Welt viel größer und ohne Sorgen würde ich Dir da jetzt voll zustimmen, aber das ist sie nicht. Nur um Dir die Dimension deiner Forderungen etwas vor Augen zu führen, was es für unsere Gesellschaft bedeuten würde:

Sobald es legale Wege gäbe einzureisen, würden wir nicht einige tausend Menschen aufnehmen, sondern einige hunderttausend. Zwar hätten wir den Schleppern ein Schnippchen geschlagen, doch die Nachricht über die freizügige Reisemöglichkeiten würden sehr bald sehr viele einreisewillige Immigranten erreichen. Der Effekt wäre sie mit einem Sog eines Staubsaugers zu vergleichen, denn Du glaubst nicht etwa ernsthaft, da es in Afrika, im Orient, und Asien nur einige paar Millionen Menschen gibt ? Um Europa herum, und ich wage zu behaupten das Europa auch einen großen Teil der Schuld für die jahrzehntelange Entwicklung dieser Misere mit trägt, brennt es. Zig Millionen Menschen sind verzweifelt und bereit alles an Mühe auf sich zu nehmen um hier ein "besseres" Leben zu beginnen.

Was würde das für uns (nur mal österreichweit betrachtet) bedeuten ?

Platz: Wo sollen alle diese Millionen Menschen hin ? Wenn wir nicht einige Zeltstädte mit zigtausend Menschen haben wollen, die vor sich dahin vegetieren, brauchen sie ein menschenwürdiges Zuhause.
Du weisst aber schon das es in Wien und anderen Städten eine akute Wohnungsnot gibt ? Viele Menschen können sich gerade noch so die Miete leisten, wieso sollte dann der Staat den hilfsbedürftigen Flüchtlingen zig tausende Wohneinheiten quasi gratis zur Verfügung stellen ? Ich nehme jetzt mal nicht an, das die Flüchtlinge groß mit Eigenmittel zu uns kommen werden ? Die Wohnungspreise würden so schnell explodieren! Wie soll das die Regierung ihren eigenen Mitbürgern erklären ?

Wie sollen alle diese Menschen versorgt werden ?
Unter anderem:
Lebensmittel.. haben wir genug, aber wir müssen es uns auch teuer bezahlen.
Wasserversorgung.. wir haben das Beste Wasser der Welt. Doch nur weil es aus dem Wasserhahn kommt, heisst es noch lange nicht das es gratis ist.
Sanitäre Mittel.. schließlich brauchen auch Flüchtlinge die Möglichkeit sich zu Waschen, aufs Klo zu gehen und ihre Wäsche sauber zu halten. Hast du mal deinen monatlichen Ausgaben vom BIPA zusammen gerechnet ?
Heizung: Du weisst schon das es über 100.000 alleine in Österreich Haushalte gibt, die sich die Heizung nicht leisen können ?
medizinische Hilfe: Das wir eine 1. + 2. (und inoffiziell auch eine 3. + 4.) Klassensystem haben, sollte Dir als Journalistin nicht entgangen sein. Besonders hier wird an allen Ecken und Enden gesparrt, soweit das sich im Notfallzentrum die Leute in langen Schlagen bilden. Was glaubst du wie es aussehen wird, wenn noch ein paar hunderttausend Menschen schlagartig zum System hinzu kommen ?
Zuletzt auch die Frage wie man die Leute unterhält: Schließlich gilt z.B die Schulpflicht als Gesetz. Und Gesetze sind einzuhalten, da wir Dir jeder Beamte damit kommen. Zur Zeit platzen viele Klassen aus allen Nähten (ausser am Land) das sogar noch Schulgebäude dazu gebaut werden müssen. Da ich davon ausgehe, das nicht nur gut ausgebildete berufsreife 20-30 jährige fertige Immigranten in das Land wandern werden, sondern auch viele tausende Kinder, erlaube ich mir einfach mal zu behaupten, das sich die Situation dann etwas "anspannen" könnte ;-)

GreenCard:
Hmm.. nette Idee. Was aber wahrscheinlich die Herren von der UNO und Du dabei nicht mit bedacht haben ist, das in aller kürzester Zeit der Arbeitsmarkt mit sehr billigen Arbeitskräften überschwemmt werden wird. Du weisst schon das wir in Österreich (und europaweit) Rekordarbeitslosigkeit haben ? Die Wirtschaft stöhnt das ihr Steuereinnahmen fehlen, weil die Schwarzarbeit ungeahnte Dimensionen erreicht hat. Und du willst Greencards verteilen ? Ernsthaft ???

Und jetzt kommt die größte und wichtiste aller Fragen: Wer übernimmt dafür die Kosten ?
Selbst wenn für das alles die Regierung die Rechnung übernehmen sollte, warum soll dann die eigene Bevölkerung für sich selbst zahlen ?

Da über Kurz oder Lang gesehen keine Regierung dazu bereit sein wird, blieben nur wir, die schon im Land Lebenden, dafür aufzukommen.

Du kennst ja sicher schon den Satz der dann immer kommt wenn einmal darum gebeten wird sich solidarisch zu zeigen:
"Ich habe nichts dagegen das gespart wird, aber nicht bei mir!"

Es liegt in unserer menschlichen Natur, das behalten zu wollen, was man sich selbst zu Eigen gemacht hat. Niemand trennt sich gerne auch nur von kleinen Teilen davon, wenn es nicht einen Eigennutz befriedigt. Aber um die Dinge aus Deinem Blog umzusetzen würde bedeuten, das jeder Einzelne sogar große Teile seiner Errungenschaften (Platz, Arbeit, Kosten, persönliche Freiheiten,...) abgeben müsste, um ein friedliches Zusammenleben zu ermöglichen. Und da beginnt die Heuchelei, wo ich Dich ganz bewusst auch rein kategorisiere!

Willst du mir ernsthaft erzählen das Du bereit bist, deine Wohnverhältnisse zu verschlechtern, indem du weniger Platz akzeptierst, weil aus Mangel an Platz die Wohnungspreise explodieren oder weil du aus humaner Sicht eine Familie bei dir aufnimmst ?
Bist du wirklich bereit, höhere Preise für was auch immer (wirtschaftlicher Effekt) zu bezahlen, auch dann wenn der Staat unsere "neuen" Mitbürger subventioniert ?
Kannst du mir wirklich einreden, da du bereit bist das Risiko einzugehen, deinen Job (oder deiner Verwandten) zu verlieren, weil die Arbeitgeber plötzlich massenhaft auf viel billigere und LEGALE Arbeitskräfte mit Greencards zurück greifen können, statt auf unsere einheimischen teuren Arbeitskräfte ? Viele Menschen können mit dem Mindestlohn nicht mal über die Runden kommen, die neuen Immigranten würden aber selbst solche Jobs annehmen. Würde das Deiner Meinung nach das unser Zusammenleben entspannen oder eher anspannen ?

Oder ist es nicht einfacher das eigene Geld für schicke Taschen und Schuhe bei Humanic und Deichmann, den nächsten Wohnzimmerschrank bei IKEA, das nächste leckere Eis beim Zanoni, und einen Busch im Bauhaus für den Balkon auszugeben ?
Menschliches Engagement ist toll, aber glaubst Du ernsthaft das es viele Bürger in Österreich gibt, die auch nur 1% ihres Jahregehaltes für wohltätige Zwecke ausgegeben haben ? Gehörst DU darunter ???
Wenn die Leute nicht bereit sind auch nur auf 1% zu verzichten, wieso denkst du sie wären bereit auf die eben oben genannten Dinge zu verzichten ?

Nur mit dem Verlangen die Punkte in deinem Blog endlich durchzuführen und auf die Hoffnung zu setzen das dann alles Gut wird, grenzt an unglaubliche Naivität. Bis Du mir hier durch einen Blog beweisst das Du eine Dir komplett unbekannte afganische, syrische oder nigerianische Familie in deiner Wohnung aufgenommen hast (für länger als nur paar Wochen), sie durchfütterst und auch unterhälst, brauchst Du mir nicht mit Forderungen nach gravierenden Änderungen an unseren Einwanderungs Systemen zu kommen.
Das sind Schutzsysteme um Europa abzuschotten, da Europa innerhalb seiner Grenzen sehr viele eigene Probleme hat. Eine groß angelegte Einwanderungspolitik wie in Deinem Blog gefordert, würde nur alles verdoppeln oder schlimmstenfalls die EU zusammenbrechen lassen. Dir ist sicherlich nicht entgangen das viele Länder politisch nach rechts rücken obwohl wir heute nur "tröpfelweise" Flüchtlinge aufnehmen. Alle jammern das den Leuten geholfen werden muss, aber sie bei sich aufnehmen will kaum einer. Hauptsache die anderen machen das für uns!..

Zurück zu Deinem Zitat: "So kann es einfach nicht weitergehen."
Doch es kann! Und leider wird es so lange weiter gehen, bis nicht alle Europäer (inklusive Dir!) sich an der Nase fassen und mit der Heuchelei aufhören. Bis wir nicht bereit sind große Teile unserer Lebensqualitäten für ein humanes Zusammenleben aller aufzugeben, wird die Liste der Tragödien die im Mittelmeer passieren nicht enden.

Ich bin bei weitem nicht rechts angesiedelt, aber ich behalte meinen Hausverstand wie die Welt halt so läuft. Und von Dir als Journalistin würde ich erwarten mehr als nur Wünsche zu hören und die Texte von anderen "Experten" nachzuplappern.

Ich weiss das hier ist entwürdigend und zynisch. Aber es ist die Wahrheit und die muss einfach mal ausgesprochen werden, alles andere ist scheinheilig.

Du wirst Dich weiter schämen müssen Europäerin zu sein! Wir beide werden uns weiter schämen müssen..

Also nochmal meine Frage: BIST DU BEREIT DAFÜR um die Scham loszuwerden ?

 

OK, jetzt bin ich gespannt was dasbiber auf earthwormjim entgegnet..

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