Anschlag in Istanbul: "Alle denken sich das gleiche, aber keiner traut es sich zu sagen"

14. November 2022

Gestern Nachmittag ereignete sich in der Istanbuler Innenstadt eine Explosion mit sechs Todesopfern. Der türkische Präsident Erdoğan spricht von einem „hinterhältigen Terroranschlag“ – die Täterin wurde gefasst und gab bekannt, dass sie die Tat im Auftrag der PKK ausgeführt hat. Die PKK aber weist alle Anschuldigungen von sich. Währenddessen wurde in der Türkei eine Nachrichtensperre verhängt und Social Media-Plattformen funktionierten nicht. Angeblich, um „Angst und Panik zu vermeiden.“

„Oh Gott Baba, mach sofort die Nachrichten an, es gab eine Explosion in Taksim!“ mit diesen Worten lief ich gestern Nachmittag geschockt ins Wohnzimmer. Wir machten den türkischen Nachrichtensender Halk TV an und erblickten sofort die traurige Eilmeldung: Explosion in der Istanbuler Einkaufsstraße Istiklal, es gibt mehrere Tote und Verletzte. Kurz darauf die nächste Eilmeldung: Die türkische Rundfunk-Aufsichtsbehörde RTÜK verhängte zunächst eine Nachrichtensperre, um „Angst und Panik in der Bevölkerung zu vermeiden“. Daraufhin wurden in der Türkei auch soziale Medien eingeschränkt und User:innen schrieben, dass ihre Facebook, Instagram- und Twitter Accounts nur eingeschränkt funktionieren – der Zugang war oft nur durch VPN-Server möglich.

„Beginnt jetzt alles wieder von vorne?“

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan meldete sich kurz darauf  zu Wort und sprach von einem „Geruch von Terror“. Am Abend gab dann Vizepräsident Fuat Oktay bekannt, dass es sich bei der Bombenexplosion um einen Terroranschlag handelt. Die türkischen Behörden verkündeten, dass sechs Menschen getötet und 81 weitere bei der Explosion verletzt wurden. Mir fehlen die Worte. „Beginnt jetzt alles wieder von vorne?“ frage ich mich. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass es nicht der erste Anschlag in der Türkei ist, bei dem Zivilist:innen aus dem Leben gerissen werden. Bereits 2016 sprengte sich ein Selbstmordattentäter auf der gleichen Istiklal Straße in die Luft, wobei vier Menschen starben und 39 weitere verletzt wurden. Seither herrscht aus Sicherheitsgründen große Polizeipräsenz vor Ort. Heute Morgen gab die Istanbuler Polizeidirektion bekannt, dass die Person, die die Bombe vor Ort platziert haben soll, gefasst wurde. Bilder von einer Überwachungskamera zeigten, dass die Frau ein Paket auf der Istiklal Straße ablegte. Bei der mutmaßlichen Täterin handelt es sich um eine aus Kobanê (Syrien) stammende Frau. Diese Gestand den Anschlag und gab bekannt, diese Tat angeblich im Auftrag der kurdischen Arbeiterpartei (PKK) ausgeübt zu haben. Heute Mittag heißt es in der Mitteilung von der PKK-nahen Nachrichtenagentur „Firat“, dass sie diese Anschuldigungen zurückweisen und dass die PKK sich nicht zum Anschlag bekennt. Weitere Ermittlungen folgen von der türkischen Seite. Insgesamt wurden im Zusammenhang mit dem Anschlag über 40 Personen festgenommen. 

Ich werfe einen Blick auf Twitter und sehe vermehrt User:innen, die auf türkisch „Alle denken sich das gleiche, aber keiner traut es sich zu sagen“ twittern. Aber was ist damit gemeint? Ich frage meine in der Türkei lebenden Freund:innen: Es liegt die Vermutung in der Luft, dass das alles nur ein strategisches Spiel der Politik ist, das vor den Wahlen gespielt wird. Viele fühlen sich an den Militärputsch erinnert, zu dem es keine lückenlose Aufklärung gab. Viele vermuten auch, dass die AKP den Anschlag instrumentalisieren wird, um Militäragression gegen kurdische Gebiete zu rechtfertigen oder dass im Land weiterhin Stimmung gegen Geflüchtete aus Syrien und gegen Kurd:innen gemacht wird. Es bleibt fraglich, ob wir je erfahren werden, was sich wirklich ereignet hat:Freie Berichterstattung hat allerspätestens seit Oktober 2022 in der Türkei keine Chance mehr: Vor einem Monat wurde das „Desinformationsgesetz“ im türkischen Parlament verabschiedet: Die Verbreitung von „falschen Nachrichten“ wird mit bis zu drei Jahren Gefängnis bestraft. Das Desinformationsgesetz gilt nicht nur für Journalist:innen, sondern auch für alle Social Media-User:innen. Das führt wiederum dazu, dass nur von der Regierung kontrollierte Informationen als richtig gewertet werden. In meiner Auffassung führt diese Tatsache und die verhängte Nachrichtensperre zu immer mehr Misstrauen in der Bevölkerung, anstatt „Angst und Panik“ zu verhindern.

 

Meine Gedanken sind bei den Opfern des Anschlags: Arzu Özsoy, Yağmur Uçar, Yusuf Meydan, Ecrin Meydan, Adem Topkara, Elif Topkara und deren Angehörigen.

 

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Kommentare

 

Nun dürfte sich die Stimmung gegen Kurden und syrische Flüchtlinge in der Türkei noch weiter anheizen.
(deutschlandf-syrer-in-der-tuerkei-erst-geduldet-dann-verhasst)

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