Kriegsverbrecher Mladić zwischen Freilassung und Tod

14. September 2022

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Ratko Mladic, Den Haag
Foto: Peter Dejong / AP / picturedesk.com

Er hat unzählige Leben auf dem Gewissen. Heute liegt er auf dem Sterbebett. Sein Name wird bei den nächsten Generationen von Kriegs- und Genozidüberlebenden für einen kalten Schauer über den Rücken sorgen.


Für Überlebende des Bosnienkriegs sind die Gerichtsurteile oft die einzigen Funken der Gerechtigkeit, die sie kriegen können. So auch für Selma Jahić. Sie war gerade sechs Jahre alt, als Mladić mit seinen Truppen in Srebrenica eintraf. Sie schaffte es gemeinsam mit ihrer Familie nach Wien zu fliehen, wo sie auch heute noch lebt.

“Ich habe keine Gefühle gegenüber diesem Monster”

 “Ich habe immer gedacht, dass ich Freude empfinden würde, wenn ich höre, dass es ihm schlecht geht.”, sagt sie BIBER. Vor wenigen Tagen kamen aber Neuigkeiten bezüglich seines Gesundheitszustandes ans Licht. Sein Sohn, Darko Mladić, bestätigte in einem Interview mit der Nachrichtenagentur AFP, dass sein Vater "hospitalisiert" und seine Kondition kritisch sei. Nur eine Frage der Zeit. Gerüchten zufolge soll der Kriegsverbrecher heute schon verstorben sein. Eine offizielle Bestätigung gibt es noch nicht. Für Selma hat diese Nachricht keinen besonderen Wert. "Das einzige, was ich hoffe, ist dass der lange leidet und nicht entlassen wird. Das ist das Mindeste, was er verdient hat.", sagt sie. 

Selma Jahic, Srebrenica-Überlebende
Foto: Selma Jahić

Mladić gilt für viele Überlebenden als Symbol der schrecklichen Dinge, die sie überleben mussten und die Familienmitglieder, die sie verloren haben. Sein Gesicht ist eingeprägt in das Gedächtnis vieler. Seine Stimme heimsuchend.

“Schmeiß diese Flagge runter, damit sie nicht weht. Steck sie in den Boden.”, befiehlt Mladić vor laufender Kamera mit Srebrenicas Hauptstraße im Hintergrund. Kurz darauf fällt die grüne Flagge auf den Boden. Die Bildqualität ist verzerrt, der Ton schlecht. Doch eines kann man erkennen: Der Camcorder zeigt rechts unten den 11. Juli 1995. 

Heute kennen wir diesen Tag als Gedenktag für den Genozid in Srebrenica. Aber vor 27 Jahren war es der Tag, an dem die Truppen der Armee der Republika Srpska (RS) unter dem Kommando von Mladić in Srebrenica einmarschierten. Was folgten waren Deportation, Vergewaltigung und Ermordung. In nur fünf Tagen hat man mindestens 8372 bosnische Muslime (Bosniaken) ermordet. Nur 7015 Leichen wurden bis heute gefunden.

Hinter Gittern und im Sterbebett

Der “Schlächter von Bosnien”, wie er auch genannt wird, hat sich nach dem Krieg vor seinem Haftbefehl gedrückt. Im Mai 2011 wurde er dann im serbischen Dorf Lazarevo verhaftet und nach Den Haag überwiesen. In dem Dorf wurde er weiterhin als Kriegsheld gefeiert und seine Familie hat ihn öffentlich verteidigt. Schon damals hat man argumentiert, dass sein Gesundheitszustand schlecht sei und er nicht nach Haag überwiesen werden kann.

Nach 530 Verhandlungstagen und 592 Zeugenaussagen kam es letztes Jahr zu einem rechtskräftigen Urteil. Mladić wurde unter anderem für Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Seine Rolle als Kriegsgeneral war instrumental für den Genozid in Bosnien und Herzegowina. Ein Genozid, der für über 100.000 Tote und zwei Millionen Deportierte Menschen sorgte. Der Versuch, das Land ethnisch zu säubern.

Es wurde eine Genehmigung angesucht, ihn für eine Behandlung aus dem Gefängniskrankenhaus zu entlassen. Die serbische Botschaft soll hier auch involviert sein. Dieses Ansuchen wird von den Angehörigen der Genozidopfer in Srebrenica vehement abgelehnt. Die Gefahr sei zu groß, dass der 79-jährige Kriegsverbrecher nach Russland auswandert oder auf anderem Weg dem Recht entkommen möchte.

“Küsse von Opa Ratko”

Mit dem weiterhin aufatmenden Nationalismus in Serbien wird Mladić trotz seiner Verurteilung von einem Großteil der Bevölkerung als Kriegsheld gefeiert. Belgrad ist geschmückt mit Muralen von ihm und seine Taten werden im serbischen Boulevard glorifiziert. 

Ratko Mladic Mural, Belgrad
Foto: Oliver Bunić / AFP / picturedesk.com

Als Höhepunkt dieser Glorifizierung gilt sein Live-Fernsehauftritt. Der Fernsehsender “TV Happy” hat ihn für das Morgenprogramm live aus Den Haag per Handy interviewt. Die Moderator*innen lauschten aufmerksam seinen Worten und waren besonders froh, als er sich verabschiedete. “Küsse von Opa Ratko”, hat er ihnen aus Den Haag nach Belgrad gesendet. “General, wir sind bei dir!” oder “Es lebe General Mladić!” heißt es in den Kommentaren.

Wie es mit seinem Gesundheitszustand weitergeht, ist unklar. Aber eines steht fest: Seine Freilassung darf auf keinen Fall in Frage kommen. „Es ist passiert, also kann es wieder passieren.“, schrieb Primo Levi. Daran müssen wir uns festhalten. Einen Kriegsverbrecher freizulassen wäre dafür sicherlich kein Schritt in die richtige Richtung.

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