„Männer erleben oft, dass man ihnen nicht glaubt.“

28. Februar 2023

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Gewalt gegen Männer - nach wie vor ein Tabu-Thema mit traumatischen Folgen. Foto: Mitchell Hollander/Unsplash

Laut Statistiken sind in Österreich 16,4 Prozent aller Frauen Opfer von körperlicher und oder sexueller Gewalt. Worüber jedoch kaum einer spricht: Auch Männer werden Opfer von psychischer, körperlicher und sexueller Gewalt in einer Partnerschaft. Hubert Steger von der Männerberatung Wien im Interview über das Tabu und die Gründe für die hohe Dunkelziffer an Betroffenen.

Psychische Gewalt in einer intimen Beziehung ist sowohl bei Männern als auch bei Frauen die häufigste der drei vorkommenden Gewaltformen. Dazu gehören beispielsweise Kontrollen, Verbote, Beleidigungen, Drohungen, Erpressungen oder Erniedrigungen. Das österreichische Institut für Familienforschung hat in einer Prävalenzstudie von 2011 über 1000 Männer zum Thema Gewalt in der Partnerschaft befragt. 28,2 Prozent gaben an psychische Gewalt in ihrer Beziehung zu erleben, 18 Prozent davon sind auch Opfer von körperlicher Gewalt durch ihren Partner oder ihre Partnerin geworden.

Frauen als Täterinnen wird in der Gesellschaft wenig besprochen. Da Gewalt gegen Männer auch meistens sehr schambehaftet ist oder den Männern aufgrund ihrer körperlichen Überlegenheit keine Glaubwürdigkeit geschenkt wird, kommt es auch seltener zur Anzeige. Es wird davon ausgegangen, dass es abseits der Polizeistatistiken eine sehr große Dunkelziffer gibt.

Hubert Steger, Leiter der Bereiche Opferschutz und Prozessbegleitung bei der Männerberatung in Wien, spricht im Gespräch mit Biber über Gewalt gegen Männer in einer Partnerschaft und welche Problematiken es hierbei gibt.

BIBER: Haben Sie das Gefühl, dass viele betroffene Männer es überhaupt gar nicht merken, wenn sie in einer gewalttätigen Beziehung stecken und das selbst runterspielen?

Hubert Steger: Ja, das ist durchaus ein großes Thema. Die Sicht auf den Umgang mit ihnen, kommt schleichend. Das ist oft zu Beginn weniger und wird dann intensiver - sei es verbal in den Abwertungen, Beschimpfungen oder eben auch durch Beschädigung von Gegenständen, die einem gehören, bis hin zu körperlicher Gewalt. Den Betroffenen wird was nachgeschmissen, sie werden getreten, gebissen, mit Gegenständen geschlagen oder mit dem Messer attackiert.

Was auch vor kommt, besonders häufig nach Trennungen, ist Sachbeschädigung, wie beispielsweise das Zerkratzen des Autos, Telefonterror, Stalking oder die Übernahme des Social Media Accounts, woraufhin Sachen gepostet werden, die attackieren.

Woran merken die Männer, dass sie in einer gewalttätigen Beziehung stecken und das jetzt über einen normalen Streit hinausgeht bzw. sich nicht mehr um einen „Ausrutscher“ handelt?

Generell harren die Männer sehr lange in solchen Beziehungen aus, teilweise über Jahre. Gerade wenn die Männer Kinder haben, versuchen sie eigentlich die Beziehung weiterzuführen. Ändern tut sich ihre Einstellung hier meistens, wenn sie merken, dass die Gewalt auf die Kinder überschwappt oder die Kinder die Gewaltausbrüche mitbekommen. Ansonsten merken sie es, wenn sie feststellen, wie sich ihr Leid vergrößert oder die Situation besonders eskaliert. Das schafft Bewusstsein bei den Betroffenen.

Oft schaffen es die Männer, ähnlich wie es auch bei betroffenen Frauen ist, erst sehr spät aus einer gewalttätigen Beziehung, da sie ihren Partner/ihre Partnerin noch lieben und hoffen, dass sich der-/ oder diejenige noch ändert. Väter haben auch Angst durch eine Trennung ihre Kinder zu verlieren, dass die Frau beispielsweise mit den Kindern abhaut oder ihm das Besuchsrecht verweigert. Wenn das der Fall ist, sollten Männer unbedingt die Möglichkeit der Gegendarstellung vor Gericht nutzen, da es im Nachhinein meist zu spät ist. Ich rate daher dringend zu Gedankenprotokollen und wenn möglich, Ton- und oder Videoaufnahmen der Taten oder verbalen Ausrastern des/der Partners/-in. Außerdem können Fotos von sichtlichen Verletzungen helfen.

„Generell harren die Männer sehr lange in solchen Beziehungen aus, teilweise über Jahre.“

Welche Erfahrungen müssen die Männer in Bezug auf Aussagen wie “Die können sich ja wehren” machen?

Generell ist es schon so, dass von den Männern erwartet wird, dass sie sich ausreichend wehren können sollten. Gleichzeitig ist in der Gesellschaft auch bekannt, dass Frauen eher von häuslicher Gewalt betroffen sind als Männer. Sich Unterstützung zu holen, ist auch für Frauen schwierig. Männer haben zusätzlich noch mehr die Befürchtung, dass ihnen nicht geglaubt wird. Dieses Thema tritt laufend auf. Wenn in einer Situation die Polizei gerufen wird, muss diese sich erst einmal ein Bild machen. Es ist häufig schwierig, dass der Mann ausreichend gehört wird, da es in der Mehrzahl der Fälle eben schon so ist, dass der Mann die Gewalt ausübt. Es wird oft nicht geglaubt, dass der Mann das Opfer ist, vor allem wenn er größer und stärker wirkt – das ist auch für die Polizei schwierig.

Männer erleben im Bekanntenkreis leider auch oft, dass man ihnen nicht glaubt. Gerade andere Männer können dieses Ohnmachtsgefühl, das Betroffene empfinden, schwer nachfühlen. Für Zuhörende ist das kaum vorstellbar, weil es eben nicht durch körperliche Überlegenheit erklärt werden kann, sondern weil es andere Aspekte sind.

Thematisieren Betroffene das also im Freundes- und Bekanntenkreis?

Schon, aber das dauert etwas länger. Sie fangen mal vorsichtig an und schauen, wie die Reaktionen sind. Gute Freunde, erzählen die Männer, hören schon zu, aber das kann nicht unbedingt gegen die Ohnmacht helfen. Die Männer fühlen sich oft unwohl damit die Freunde zu belasten.

Wie kann man denn als Freund helfen?

Man kann erst einmal zuhören, sich ein Bild machen. Wenn man kein Wissen über derartige Situationen hat, kann man sich auch als Freund informieren – auch anonym und telefonisch. Das geht beispielsweise bei Beratungsstellen. Man kann bei einem nächsten Gespräch mit einem betroffenen Freund erneut nachfragen. Ansonsten können Freunde auf die Möglichkeit auf Hilfe hinweisen oder wenn es der Betroffene nicht schafft, ihn auch zu einem Termin begleiten. Außerdem kann man das Thema im Umfeld ansprechen und so Unterstützung für den Mann zu schaffen.

Opfer von häuslicher Gewalt zeigen ihre (Ex-)Partner sehr selten an, Männer machen dies noch weniger, sprich die Dunkelziffer ist sehr hoch. In Deutschland gab es im Jahr 2021 über 28.000 Fälle, bei denen Männer häusliche Gewalt in der Partnerschaft angezeigt haben. Wie ist das in Österreich?

Ziemlich ident, im Verhältnis zur Einwohnerzahl natürlich. Aus den polizeilichen Statistiken aus Österreich kommt schon heraus, dass 10 - 20 Prozent der Betroffenen männlich sind.

„Es fehlt an Sensibilität für Männer als Opfer von Gewalt.“

Haben Sie das Gefühl, es gibt genug Therapieangebote und Möglichkeiten für Männer?

Es gibt definitiv nicht genug. Die Gewaltpräventionsstellen haben einfach häufig den Fokus auf Frauen oder sind neutral, aber explizit für Männer als Betroffene gibt es fast nichts.

Was vor allem fehlt, ist die Sensibilität für Männer als Opfer von Gewalt. Es ist wichtig ein Bewusstsein für diese Problematik zu schaffen, um Betroffenen die Bedingungen zu ermöglichen, überhaupt eine Beratungsstelle in Anspruch zu nehmen und den Prozess, den sie daraufhin durchlaufen, zu erleichtern. Generell müsste stärker für Angebote, die explizit für Männer sind, geworben und entsprechend viele dann auch angeboten werden.

Es gibt in Österreich zudem noch keine Schutzwohnungen oder Schutzhäuser für Männer, wo sie hin flüchten und zur Ruhe kommen können, wenn sie häusliche Gewalt erfahren haben. Die Männer sind oft chronisch müde und sehen keine Perspektiven für ein Leben ohne Gewalt, sie kennen seit Jahren nichts anderes. Sie müssen Normalität erleben.

Wir sind eine Opferschutzeinrichtung mit begrenzten Ressourcen, doch der nächste Schritt, männliche Schutzhäuser zum Thema zu machen, steht an – wie es sie in Deutschland bereits gibt.

„Es ist schon schockierend, wie wenig die Gewaltbetroffenheit von Männern Thema ist.“

Es müsste sich also gesellschaftlich etwas ändern, sodass der Blick darauf mehr gerichtet wird, dass den Menschen dieses Thema bewusster wird und sobald das geschehen ist, könnte auch entsprechende finanzielle Hilfe auch von Seiten der Politik eingefordert werden, oder?

Genau. Es ist ernüchternd, wir in Österreich haben auch keine detaillierte und differenzierte Statistik über Gewalt aufgrund der Anzeigen. Häusliche und sexualisierte Gewalt ist ein beschämender Aspekt für Männer. Deshalb ist es so schwierig hierfür Unterstützung zu kriegen. Es ist schon schockierend, wie wenig die Gewaltbetroffenheit von Männern allgemein Thema ist und wie wenig eben auch der männliche Teil der Gesellschaft Fürsorge für die eigenen Geschlechtsgenossen entwickelt hat. Das hat mit der Sicht auf Männlichkeit zu tun, wo Opfersein irgendwie ausgeblendet wird. Und das passiert beim einzelnen Mann, aber es passiert eben auch in der Gemeinschaft der Männer.

Und so wird das auch so in der Politik abgebildet. In der österreichischen Politik gibt es Frauenbeauftragte und spezielle Zuständigkeiten für Frauenthemen. Für Männerpolitik gibt es keine Ansprechpartner. Interessanterweise sind es gerade Frauenreferate, die Männerpolitik mit bei sich aufnehmen und als wichtig empfinden. Nicht zu vergessen ist schließlich auch, dass durch Täterarbeit auch Opferschutz geleistet wird. Männer als spezielle Ansprechpartner, die sich in der Politik dafür einsetzen, gibt es kaum. Die Gefahr ist, dass wenn es sie gibt, diese eher ein altes Männerbild restaurieren und in diese Richtung agieren, aber die Problematik hierbei nicht sehen.

Was geschieht, wenn sie Mann und Frau gegenseitig der körperlichen Gewalt beschuldigen?

Das gibt es recht häufig. Opferschutzeinrichtungen sind jedoch nicht dafür zuständig, die Wahrheit herauszufinden. Sie können natürlich zur Findung dieser beitragen, sind jedoch eigentlich dafür da, die Opfer zu unterstützen. Es gibt Täterinnen, die die Unterstützung von Frauenhäusern missbrauchen und sich mit Falschangaben und teilweise Selbstverletzungen in die Opferrolle begeben. Daher wünsche ich mir auch von Fraueneinrichtungen mehr Kompetenz für Täterinnenarbeit, da oft unklar ist, wer was zu der Eskalation an Gewalt beigetragen hat.

 

Wenn du von Gewalt betroffen bist oder jemanden kennst, der dies ist, wende dich an einer der folgenden Anlaufstellen oder die Polizei:

Männerberatung in Wien – Beziehungsprobleme, Gewalt, Missbrauch, Männlichkeit, …: 01 603 28 28 / maenner.at

Männernotruf – 24 Stunden Beratung für Männer in Krisensituationen: 0800 246 247 / maennernotruf.at

Männerinfo – Telefonische Krisenberatung rund um die Uhr (bei Bedarf auch gedolmetschte Beratung): 0800 400 777 / maennerinfo.at

Hilfe für Männer – Opfernotruf: 0800 112 112 / opfer-notruf.at

Wiener Netzwerk – Männerberatung in Wien: 01 603 28 28 / wienernetzwerk.at

 

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