Neurobiologische Störung oder Dummheit?

07. März 2023

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Selin Öztürk ist in der Biber Akademie im März und April 2023. ©zoeoprakto

Im Gegensatz zur Legasthenie ist Dyskalkulie eher unbekannt und wird zu oft nicht ernst genommen – und schon gar nicht behandelt. Wie es sich mit der sogenannten „Rechenschwäche“ lebt. Ein Kommentar.

„Mathe ist nicht so meines.“ Das ist eine typische Aussage einer Person, die von Dyskalkulie betroffen ist. So auch ich. Diese Aussage hat mir immer das mühevolle Erklären und die Auseinandersetzung mit kritischen Meinungen erspart. Denn sobald ich den Begriff „Dyskalkulie“ in den Raum geworfen habe, wurde ich so angeschaut, als würde ich ein Märchen erzählen. Ein Märchen, indem das Böse gewinnen will. In dem Fall sind Mathe und Zahlen das Böse. Dagegen waren während meiner Schulzeit Buchstaben, Texte und logischerweise der Deutschunterricht immer ein Safe Space für mich. „Dyskalkulie“ oder vereinfacht ausgedrückt „Rechenschwäche“ beeinflusst das Mengenverständnis und die Zählfertigkeiten von Betroffenen enorm. Wenn ich zählen würde, wie oft ich schon selbst die vorhin erwähnte Aussage tätigen musste, würde ich bis morgen hier sitzen. Und das nicht nur, weil ich Dyskalkulie habe! 

Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist Dyskalkulie eine Störung, die eine Beeinträchtigung der Rechenfertigkeiten bezeichnet und die nicht allein durch eine allgemeine Intelligenzminderung oder eine unangemessene Beschulung erklärbar ist. Obwohl die WHO offensichtlich damit sagt, dass Dyskalkulie nichts mit Dummheit, Faulheit oder einer Behinderung zu tun hat, wollen es trotzdem viele Menschen nicht verstehen. Eine Dyskalkulie kann in den meisten Fällen sogar mit einer Hochbegabung einhergehen. Aber das Hauptproblem ist, dass es in der Gesellschaft vor allem im Schulsystem keine Aufklärung bezüglich der Existenz von Dyskalkulie gibt. Ganz anders sieht es hingegen bei Legasthenie aus.

 Immer wieder kam ich mir wie eine Verschwörungstheoretikerin vor, wenn ich versuchte, andere über diese Krankheit aufzuklären. Warum war es meine Aufgabe als Schulkind, meine Lehrer über eine neurobiologische Störung aufzuklären, die fünf bis sieben Prozent der Weltbevölkerung betrifft? Aber das ist noch längst nicht das Traurigste an der ganzen Situation. Die Aufklärungsarbeit, die ich leisten musste, hat mein Schulleben nicht erleichtert, sondern eher erschwert und war zudem auch noch unerfolgreich. Von mir wurde dieselbe Leistung im Matheunterricht erwartet, ohne zu bedenken, dass mein Gehirn durch eine genetisch bedingte differente Sinneswahrnehmung, Zahlen als Symbole wahrnimmt und nicht als Mengen. Sollte es keinen Nachteilsausgleich dafür geben? Ich habe mich schon immer gefragt, warum es in meiner Schule einen Förderkurs für Legastheniker gab, aber nie einen für Dyskalkulie. Diese Frage wird mir vermutlich immer unbeantwortet bleiben. Ich hatte das Glück, dass meine Volksschullehrerin meine Schwierigkeiten, die jedoch nur auf den Matheunterricht begrenzt waren, bemerkt hatte. 

Nach der Diagnose folgte eine sehr teure Therapie, für die meine Eltern aufkommen mussten. Doch wieso wird das nicht vom Staat übernommen? Aber nicht nur in der Schule musste ich mich durchkämpfen, auch im Alltag beeinflusst mich Dyskalkulie noch immer enorm.  Orientierungsprobleme sind ein häufiges Symptom von Dyskalkulie, weil das visuell-räumliche Arbeitsgedächtnis eingeschränkt ist. Das Lesen der Uhr fällt mir noch immer schwer und der Umgang mit Geld ist noch immer eine Herausforderung für mich. Daraus resultieren sich problematische Verhaltensweisen und psychische Belastungen. Angststörungen und Vermeidungsverhalten sind nur ein paar Beispiele von den weitreichenden Auswirkungen, die auch mich tagtäglich belasten. Natürlich findet man für sich selbst Wege und Strategien, um den Alltag besser zu bewältigen. Viele von diesen Strategien werden als komisch aufgefasst oder erst gar nicht verstanden. Das ich mir zum Beispiel meinen Bankomatcode umgewandelt in Buchstaben merke, ist nur ein Beispiel von vielen. Es war nicht immer leicht mit Dyskalkulie umzugehen, sowohl in der Schule als auch im Alltag. Heute weiß ich, dass ich dank meines Ehrgeizes und meiner Intelligenz, trotz Dyskalkulie die Matura und noch vieles mehr geschafft habe. Um diesen Weg für andere zu erleichtern, die noch am Anfang ihrer Schullaufbahn stehen, muss es mehr Aufklärung im Bildungssystem geben. Dyskalkulie sollte genauso gefördert werden wie Legasthenie. Wichtig ist noch zu erwähnen, dass man trotz Dyskalkulie alles erreichen kann, was man will. Naja, vielleicht wäre ein Mathestudium nicht so einfach. Aber alles andere ist mit viel Ehrgeiz definitiv zu meistern.

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