„Tata, erzähl mal, wie war das damals im Krieg?“

15. März 2022

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Vukovar
Panzerfriedhof an der Gedenkstätte zur Schlacht von Vukovar, Kroatien. Foto: Wikimedia Commons

Der Einmarsch Russlands in die Ukraine löst in uns allen viel aus, sei es Entsetzen, Empathie oder Angst. Doch ich merke, dass es meinen Vater besonders trifft. 

„Sie machen mit ihnen das Gleiche wie damals mit uns in den 90ern.“  Das sind die Worte meines Vaters, jedes Mal, wenn der Ukrainekrieg in den Nachrichten thematisiert wird. Es ist fast schon wie ein Ritual, er sagt den Spruch und verlässt das Wohnzimmer mit gesenktem Blick. Es ist schwer und es triggert ihn, denn er kennt das Gefühl, wenn in der Heimat ein Krieg herrscht und man nicht weiß, wie es weitergeht. Der Ukraine-Russland-Krieg ist nämlich nicht, wie von vielen angenommen, der erste in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg. Kurz nach Kriegsausbruch bedauerten viele fälschlich, dass die junge Generation zum ersten Mal Krieg erleben würde. In den 90er Jahren litt die Bevölkerung in Ex-Jugoslawien an einem von Massakern und verlorenen Seelen geprägten Krieg.

Ich versuchte schon öfter ein Gespräch über den Jugoslawienkrieg mit ihm zu führen, doch meist blockte er ab. Er möchte nicht über seine Gefühle oder Ängste reden, er verdrängt sie lieber. Seit dem Ausbruch des Kriegs in der Ukraine sucht er allerdings viel öfter das Gespräch mit mir. Fast so als hätte es seine Wunden, die nie wirklich verheilt waren, wieder neu aufgerissen. Er redet von der Ukraine und wie schrecklich er die Situation findet. Er vergleicht den Krieg immer mit dem in Ex-Jugoslawien, doch bevor er seine Gedanken ausführt, kommt immer nur ein „Ach, egal“.

„Am Ende sind alle Verlierer.“

Letzten Freitag kam es ein weiteres Mal zu dieser Situation, doch bevor er schon wieder mit seinem gesprächsbeendenden „Ist nicht so wichtig“ ankam, ergriff ich meine Chance und hakte nach: „Tata, erzähl mal, wie war das damals?“ Ich will wissen, wie es ihm geht, ich will wissen, was er erlebt hat und wie ihn die „alten“ Geschichten nicht loslassen.  Etwas perplex über meine Nachfrage starrt er mich erstmal an bis er dann doch beginnt, sich zu öffnen. „Weißt du, es war keine leichte Zeit. Die Zivilisten wollten nur in Ruhe gelassen werden. Keiner möchte Krieg.“ Plötzlich sprudeln die Worte nur aus ihm heraus. Er fährtfort mit Erzählungen von Verwandten und Bekannten, die er seit dem Krieg nicht mehr gesehen hatte, von Leuten, die ihr Leben lassen mussten für unsinnige Politik und davon, wie es im Krieg keinen Gewinner geben kann. „Am Ende sind alle Verlierer.“ Er erzählte mir auch vom Massaker in Vukovar und fragte, ob wir nicht im Sommer mal gemeinsam die Gedenkstätte besuchen können. Ich merke, wie viel er eigentlich zu erzählen hat, sich aber nie getraut hatte.

Ich bin 1997, wie viele Ex-YU-Kinder, in Wien geboren, ich habe nie einen Krieg miterlebt und bin in einer sicheren Umgebung aufgewachsen. Doch genau deswegen interessiert es mich immer besonders, was mein Vater von der Kriegszeit zu erzählen hat. Und glaubt mir, es hilft euren Eltern, wenn ihr sie, bei Bedarf, etwas von der damaligen Zeit erzählen lässt. Achtet nur darauf, es so sensibel wie möglich anzugehen und ihnen einfach eine Möglichkeit zu geben, sich die Dinge von der Seele zu reden. Unsere Eltern sind auch Menschen mit ihren eigenen, schwierigen Gefühlen. Das jahrzehntelange Verdrängen und Herunterschlucken tut nämlich niemandem gut. Schlussendlich ist es egal, woher ihr kommt. Sei es jetzt Kroatien, Bosnien, Serbien oder ein komplett anderes Land. Der Krieg hat uns viele unschuldige Menschen gekostet und jetzt gilt es, die Traumata aufzuarbeiten.

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Kommentare

 

Der Druck auf Russland muss jetzt weiterhin hoch gehalten werden. Man darf das Momentum nicht verlieren und im Zusammenspiel mit den westlichen Unternehmen, die von selbst vom russischen Markt gehen, scheint es recht erfolgsversprechend, um eine Nach-Putin-Ära einzuleiten.

 

Triggert mich auch extrem - dein Text, aber auch die Ereignisse, die deinen Tata triggern. Kann das super nachfühlen, meiner hat auch angefangen, in den letzten Jahren sich etwas zu öffnen - oft ohne Vorwarnung, unvermittelt holt er ein altes NOtizbuch aus Kriegszeiten und erzählt zu jedem Eintrag eine Geschichte.

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