Warum Mahsa Aminis Tod uns alle etwas angeht.

20. September 2022

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Iran
Foto: SHWAN MOHAMMED : AFP : picturedesk.com

Der Tod der 22-jährigen Mahsa Amini in Gewahrsam der iranischen Sittenpolizei hat eine Protestwelle im Iran und der Welt ausgelöst. 


“Tod dem Diktator”, schreien protestierende Frauen und halten ihr abgenommenes Kopftuch in die Luft. Damit machen sie sich strafbar, denn das Ablegen des Kopftuchs ist eine Straftat im Iran. Mit Diktator ist Ayatollah Ali Khamenei gemeint. Er ist der sogenannte “Religionsführer” und hält damit das höchste Staatsamt in der Islamischen Republik Iran inne. 1979 hat er im Zuge der Islamischen Revolution die Kopftuchpflicht für Frauen und Mädchen eingeführt. 

Iran Protest
Foto: Credit - _ AFP _ picturedesk.com

Andere Videos zeigen Frauen, die sich vor laufender Kamera die Haare schneiden oder ihre Kopftücher verbrennen. Der Tod von Mahsa Amini, die auch unter ihrem kurdischen Namen Zhina bekannt war, stellt ein weiteres Mal die Scharia, die im Iran seit über 40 Jahren Gesetz ist, in Frage. Aktivistinnen hoffen nun auf mehr internationalen Druck durch die internationale Solidaritätswelle, welche der Fall Mahsa Amini losgetreten hat. 

Todesursache unklar

Zeugen zufolge soll Amini am Dienstag von der Polizei verprügelt worden sein. Die “Sittenpolizei”, welche im Auftrag des Staates auf die Einhaltungen religiöser Vorschriften achtet, hat sie festgenommen, weil sie sich nicht an die Kleiderordnung gehalten hat. Demnach habe sie ihr Haar nicht ausreichend mit einem Schleier bedeckt. Nach der Festnahme wollte die Polizei Amini in eine Strafanstalt bringen um vom Hijab „überzeugt und aufgeklärt“ zu werden. So weit ist es nie gekommen.

Vorwürfe, die 22-jährige geschlagen zu haben, weist die Polizei ab. Laut einer Stellungnahme von Mahsa Aminis Vater war sie jedoch zum Zeitpunkt der Verhaftung vollkommen gesund und hat erst im Krankenhaus, wo sie drei Tage lang im Koma lag, einen Herzinfarkt erlitten. Auch sollen an ihren Beinen Prellungen nach der Verhaftung aufgetreten sein, was auch eine gewaltsame Verhaftung hinweist. Eine forensische Untersuchung soll in drei Wochen weitere Auskünfte geben können.

Die iranische Sittenpolizei steht seit langer Zeit in der Kritik, besonders gewaltsam gegen Frauen zu sein, die sich öffentlich gegen den Kopftuchzwang stellen. Auf YouTube findet man haufenweise Videos, in denen die Beamten Aktivistinnen prügeln, treten, oder sie an den Haaren in Polizeifahrzeuge ziehen.

Kein Recht über den eigenen Körper

Im Iran sind Frauen ab dem 6. Lebensjahr dazu verpflichtet ein Kopftuch zu tragen und sich an die staatlichen Kleiderordnungen zu halten. Wer sich nicht daran hält, wird verhaftet, ausgepeitscht oder muss eine Geldstrafe bezahlen. Seit der islamischen Revolution in 1979 wird Frauen damit das Grundrecht, über den eigenen Körper zu bestimmen, verweigert.

Die Menschenrechtsanwältin Nasrin Sotoudeh wurde im März 2019 für ihren Widerstand gegen die Hijab-Gesetze, zu 38 Jahren Haft und 148 Peitschenhieben verurteilt. Laut Amnesty International wurde sie wegen “Anstiftung zu Korruption und Prostitution” und “offen eine sündige Tat begehen, indem sie ohne Hijab in der Öffentlichkeit erscheine”. 

Kopftuch als Unterdrückungsmaßnahme

Es ist nicht das erste Mal, dass die iranische Bevölkerung auf die Straßen geht und gegen die Scharia protestiert. Seit der Einführung müssen sich Frauen für ihre eigene Freiheit einsetzen. Bilder aus den 70er Jahren, vor der Einführung der Kopftuchpflicht, zeigen Frauen auf iranischen Stränden im Bikini. Heute dürfen sie nicht auf die Straße treten, ohne verschleiert zu sein. 

Die Debatte um Kopftücher muss daher hierzulande differenzierter betrachtet werden. Während Frauen in Österreich kritisiert werden könnten, weil sie mit Hijab auf die Straße gehen, werden sie im Iran zu Haftstrafen oder Peitschenhieben verurteilt, oder gar umgebracht, wenn sie keines tragen (oder eben nur „falsch tragen“). Es sollte jeder Frau selbst zustehen die Entscheidung zu treffen, ob sie nun eines tragen möchte oder nicht.

Es ist ganz klar, dass es sich hier um Menschenrechtsverletzungen handelt. Leider erhält das Thema in deutschsprachigen Medien kaum Aufmerksamkeit, warum es umso wichtiger ist, dass wir uns auf sozialen Medien solidarisch zeigen und über dieses Thema aufklären. Die Empörung, die dieser Fall ausgelöst hat, kann als neues Momentum dienen, auf das problematische Regime im Iran aufmerksam zu machen.

Es betrifft uns alle 

Es liegt in unserer aller Verantwortung, auch bei Mahsa Amini für die richtigen Werte einzustehen und auf die Straße zu gehen. Leider passierte das bis jetzt nicht. Während Millionen von Menschen am selben Tag ihrer Ermordung vor dem Fernseher saßen und der der Beisetzung der Queen zusahen, wurden Protestanten in Iran von der Polizei mit Tränengas attackiert, oder niedergeschlagen. Hochrangige Politiker aus dem Westen entziehen sich einer Verurteilung dieser Realität.

Nur weil diese Dinge “eh nicht in Europa” passieren, heißt es nicht, dass sie nicht wichtig sind. Die amerikanische Schriftstellerin und Aktivistin Maya Angelou hat es am treffendsten formuliert: Grundrechte sind wie Luft, entweder alle haben sie - oder niemand.

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