"Freunderlwirtschaft": Ist ein Wandel realistisch?

21. April 2021

Nach ein paar Monaten in Österreich verstand ich, wie es hierzulande läuft. Kennst du wen, hast du was. Das ist einerseits kein Verbrechen, andererseits kann es schnell zum Problem werden. Und die Regierung ist kein gutes Vorbild.

 

„Hundertprozentig der einzige Weg, an ein Praktikum zu kommen.“, schreibt mir Lea, als ich in meiner Instagram-Story nach Erfahrungen mit Freunderlwirtschaft frage. „Yes“, meint auch Charlotte: „aber nur zur Kontaktherstellung. Bei der eigentlichen Einstellung ging es schon um Qualifikationen.“ Noch mehr melden sich. Während meine deutschen Freunde mit dem Thema gar nichts anfangen können, werden ÖsterreicherInnen dabei sensibel. Als ich herzog, verstand ich schnell: Man redet nicht drüber. Und wenn, endet die Konversation in einem „Tja, was soll man tun“-Argument, das scheinbar alles legitimiert. Denn „Leute kennen muss man eben immer“ und „das ist ja in Österreich nicht anders als irgendwo sonst auf der Welt.“

Mächtige Freunde muss man hierzulande auch in Politik und Wirtschaft haben, wenn man die Karriereleiter hochwill. Bundeskanzler Sebastian Kurz hat seinem guten Kollegen Thomas Schmid den Posten des ÖBAG-Vorstandes zugesichert und ihm mit Kuss-Smiley geschrieben: „Kriegst eh alles, was du willst.“ Die deutschen Mitbewerber wurden dabei außer Acht gelassen. „Was wollen denn die Piefkes jetzt hier?“ Dass so etwas verwerflich ist, steht wieder außer Frage. Als ich nach Österreich kam und mich ein bisschen mit Politik beschäftigte, wurde mir immer wieder gesagt: „Man muss verstehen, wie das läuft, als Deutscher.“ Und ich dachte: Muss man das? Für mich war es schockierend mit welch hübscher Regelmäßigkeit in den Morgennachrichten ein neuer Korruptionsskandal aufgedeckt wurde.

 

„Freunderlwirtschaft“: Österreichische Tradition

Aber ja: Muss man. Denn, was beispielsweise Sebastian Kurz und Thomas Schmid verbindet, ist Vertrauen. Sie kennen sich gut und lange und das ist mehr wert als jedes Qualifikationszeugnis. Was in den Parlamenten gipfelt, ist aber kein rein politisches Problem. Ich habe gelernt: Die „Freunderlwirtschaft“ ist in Österreich lange Tradition und zieht sich durch viele Gesellschaftsbereiche. Du suchst eine Wohnung? Hau mal deine Kontakte an, über ein paar Ecken kennst du bestimmt einen Immobilienbesitzer. Oder einen Job? Bevor du zum AMS gehst, vielleicht hat ja der Freund einer Freundin was für dich? Als ich nach Wien kam, habe ich mich bei verschiedenen Zeitungen für Praktika beworben und ihnen Texte geschickt. Gut, dachte ich nach einer Absagewelle, dann haben die Qualifikationen eben nicht gereicht. Aber dann eröffnete sich etwas: Der Vater eines Tinder-Dates arbeitete beim Standard. Dann habe ich aber Biber entdeckt und es auch ohne Kontakte in die Branche geschafft.

Kriegst eh alles was du willst
Das schrieb Bundeskanzler Kurz an seinen Freund Thomas Schmid (nachgestellt: Sven Beck)

Unzureichende Gesetzeslage

Die Problematik haben die NEOs in ihrem Wien-Wahlkampf letzten Sommer komprimiert auf ein Plakat gepackt: „Weil immer noch zählt, wer wen kennt und nicht, wer was kann.“ Dass das Phänomen der Freunderlwirtschaft durch Gesetze eingedämmt wird, ist allerdings vorerst unrealistisch. Lange hinfällig war etwa ein Informationsfreiheitsgesetz, das Österreich als einzige europäische Demokratie noch fehlte. Gestern kam der Entwurf dazu, erste Reaktionen zeigten Enttäuschung. So kritisiert zum Beispiel der Verband österreichischer Zeitungen, man sehe noch „hohes Potential zur Steigerung von Transparenz“.

Nicht nur hier hinkt Österreich hinterher. Die „Gruppe gegen Korruption“ des Europäischen Rates (GRECO) legte in einem jüngst veröffentlichten Bericht offen, dass Österreich nur fünf Prozent der von den 45 Mitgliedstaaten beschlossenen Anti-Korruptionsempfehlungen vollständig umsetzte. Das Justizministerium weist daraufhin, dass es Verbesserungen im Vergleich zum letzten Bericht gab und die Regierungskrise vor zwei Jahren schnelleres Handeln verhinderte. Und tatsächlich sind etwa im Bereich „Korruptionsstrafrecht“ inzwischen hundert Prozent der Empfehlungen vollständig umgesetzt. Beim besonders wichtigen Abschnitt „Abgeordnete und Staatsanwälte“ jedoch, sind nur zwei der acht Empfehlungen in Teilen angegangen worden und es sieht nicht nach einem baldigen Wandel aus.

Entscheidend ist der „tone from the top“

„Österreich hat ein Transparenzproblem“, kritisiert der Vorstand des „Forum Informationsfreiheit“ Mathias Huter: „Vieles von dem was der Staat macht, und wie und wofür Steuergelder verwendet werden, ist nicht nachvollziehbar.“ Auch der österreichische GRECO-Abgeordnete Christian Manquet räumt ein: „Ich gebe schon zu, dass das Amtsgeheimnis hier wichtige Fakten verstecken kann.“ Was hat das mit alltäglichen Dingen, wie Praktika oder der Wohnungssuche zu tun? Nun, ja Politiker fungieren auch als Vorbilder. Wichtig sei der „tone from the top“, so Huter. Die Signale, die Politiker senden, können sich in der Gesellschaft eines Landes widerspiegeln. Ein von ihm geforderter Kulturwandel, muss also von oben geschehen. Auch Prof. Eva Geiblinger von „Transpareny International Austria“ fordert das: „Die letzten Jahre haben offenbart, dass diese Praxis in Österreich derzeit nicht gelebt wird. Vielmehr wurde deutlich, dass Verfehlungen auf höchster Ebene stattgefunden haben.“, so Geiblinger.

Mit Skepsis in die Zukunft

Als ich mich auf den Straßen Wiens umhöre, merke ich, dass das wahrgenommene Korruptionsniveau der Politik bei Vielen zur Verdrossenheit führt. Schulterzucken und Kopfschütteln sind meine Antworten auf die Frage, was sie über die SMS-Affäre oder die Hausdurchsuchungen beim Finanzminister denken. „Wir können nichts tun.“, beklagt etwa der 43-jährige Gian-Luca am Reumannplatz: „Die Politiker in der Regierung wollen nur mehr Geld für sich.“ Ob es in seinem persönlichen Leben auch eine Rolle spiele, wen er kennt, um beruflich weiterzukommen, verneint er. Er zeigt um sich auf seine Freunde: „Wir arbeiten alle auf dem Bau. Das ist Arbeit, da ist egal, wen wir kennen.“  

Einige Privilegierte sind in ein Umfeld reingeboren, in dem sie schon von Kind an genug Bekanntschaften haben, die große Karrieren ermöglichen, andere eben nicht. „Man kann sich das aber auch erarbeiten“, sagt meine Freundin Charlotte vom Anfang des Textes. Da hat sie Recht. Das ist aber nicht leicht. Die Freunderlwirtschaft wird in Österreich noch eine Weile bleiben. Auf einem gewissen Grad ist das Vermitteln von Jobs, Praktika und Wohnungen an Bekannte ja auch in Ordnung, vielleicht sogar förderlich. Schlimm wird es dann, wenn es andere, möglicherweise besser qualifizierte Kandidaten aus dem einfachen Grund ausschließt, dass man ihren Namen eben nie gehört hat. Und solange die Regierung ganz oben unfair spielt, wird sich wohl kaum jemand selbst einschränken, um ein moralisches Vorbild zu sein.

Aus Denunzianten müssen „Helden der Moderne“ werden

Professor Eva Geiblinger
"Schlüssel wird die nächste Generation sein" Professor Eva Geiblinger (Foto: Transpareny International)

Hoffnung liegt in der Jugend: „TI-Austria ist davon überzeugt, dass die nächsten Generationen der Schlüssel zum Kulturwandel sein werden. Ein Schwerpunkt muss auf die Vermittlung von Werten und Ethik in der Schule und den Universitäten gelegt werden. So kann ein nachhaltiger Kulturwandel gelingen.“, so Geiblinger. Österreich sei zwar nicht das einzige kleine Land, dass von solchen Problemen betroffen sei, aber man trenne nicht so klar zwischen Privat- und Berufsleben, wie etwa in der Schweiz oder in Neuseeland. Dies manifestiere sich auch in Korruptionsrankings, könne sich aber ändern. Außerdem merkt sie an, dass es Umdenken braucht, was das sogenannte „Whistleblowing“ betrifft. Es braucht in Institutionen eine Möglichkeit der anonymen Tippabgabe. Sie fügt hinzu: „Dieser Weg kann nur erfolgreich sein, wenn es uns allen – inklusive Zivilgesellschaft und Politik – gelingt Menschen, welche auf Missstände hinweisen nicht als Denunzianten zu verurteilen sondern vielmehr als „Helden der Moderne“ zu feiern.“

Österreichs mit meiner Heimat Deutschland zu vergleichen ist unfair. Es ist viel kleiner. In Deutschland ist das sogenannte „Vitamin B“, B für Beziehung, zwar auch wichtig, aber die einzelnen Branchen sind groß, dass es absurd wäre, beispielsweise bei einem Auswahlverfahren für eine Stelle, andere Konkurrenten systematisch auszuschalten, nur weil man einen Bewerber kennt. Aber auch verglichen mit anderen kleinen Ländern gibt es klaren Handlungsbedarf in Österreich. Einerseits auf politischer Ebene, wie Huter und Geiblinger mit dem „tone from the top“-Prinzip fordern. Andererseits mit Hilfe der neuen Generation.

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