Weniger Ignoranz, weniger Intoleranz:

10. September 2015

*Stellungnahme zum Kommentar „Weniger Kopftuch, weniger Überfremdungsangst“ von Michael Breisky,
im derStandard- 8.Sept.2015*

„Das Stück Tuch am Kopf gläubiger Musliminnen entzweit die europäischen Gesellschaften wie kaum etwas anderes. Würde es aus der Öffentlichkeit verschwinden, fiele die Integration von Asylsuchenden viel leichter“

Ein bisschen Asyldebatte da, eine Prise Fremdenhass hier, noch dazu den Namen eines Qualitätsmediums und schon haben wir noch mehr Hetze, aber dieses Mal auf einem Niveau der Elite.  Ich denke, langsam haben die meisten die Diskussionen über das Kopftuch satt, denn sie alle bringen nichts. Wer es tragen möchte, wird es tragen und wer es nicht tragen möchte, wird es sein lassen. Die Blicke, die ich im Sommer ertragen muss, die übersetzt „Die Oarme muss des Tiachl im Sommer a no trogen“, bedeuten, werfe ich den Mädels im Winter zu, die in Leggings rumlaufen- IM SCHNEE! Es spielt auch gar keine Rolle wie unterschiedlich die Meinungen sind, denn Frauen werden ständig auf das reduziert, was sie tragen. Habt ihr das nicht satt? Sind Frauen nicht viel mehr als ein Kopftuch oder ein Minirock? Unter dem Kopftuch, unter dem Minirock, unter all den Masken, sind wir alle gleich. Warum das so schwer zu verstehen ist- das versteh' ich nicht. 

Der Gedanke ist gar kein schlechter, führen wir ihn weiter: Nehmen wir einmal an, Musliminnen legen ihr Kopftuch ab. Was dann? Was soll sich groß an der Situation ändern? Würden sie alle erblonden? Wird die südländische Fatima automatisch zur europäischen Stephanie? Werden wir dann alle glückliche Arschgeweihschwestern, die einander voll lieb haben? Wie stellen sich das Leute vor, die Meinung von Herrn Breisky teilen?

Ich sehe das so: Wenn ein Stück Stoff die Macht besitzt, die „europäische Gesellschaft wie kaum etwas anderes zu teilen“, dann muss das eine sehr lückenhafte Gesellschaft sein. Und das ist sie. Denn vor Jahren war diese „Kopftuchdebatte“ gar nicht existent. Warum sie zum Leben erwachte: Weil Kopftuchträgerinnen nicht mehr (nur) putzen, sondern Lehrerinnen, Ärztinnen, Pädagoginnnen und andere Berufsfelder wählen. Ja, sie sind nun auf eurer Augenhöhe und deswegen stören sie. Es war nie das Kopftuch an sich das stört, sondern das, was dahinter steht. Es ist die Sichtbarkeit des Islams, die vielen ein Dorn im Auge ist. Wenn jemand, der für dich putzt, Jahre später jemand ist, für den du an der Kassa sitzt, der deine Kinder unterrichtet, weil er deine Muttersprache besser kann als du oder dich im Krankenhaus verarztet, während du selber dort putzen musst, dann ist es klar, dass man sich bedroht fühlt.  

Wenn der Integrationsgrad anhand des äußeren Erscheinungsbildes gemessen wird, dann ist jede blonde Tatjana mit blauen Augen schon integriert, noch bevor sie überhaupt die Sprache kann. Wenn man ihn aber an dem gesellschaftlichen Beitrag zählt, dann sprechen andere Fakten. Lasst Kopftuchfrauen das Kopftuch und lasst den Minirockfrauen ihre Miniröcke. Wie wäre es, wenn wir Frauen die Entscheidung selber überlassen, was sie anziehen oder weglassen möchten? Es regt sich auch keiner über die Dreizehnjährigen in High Heels, Hotpants und raushängendem Busen auf. Wie viel hat diese Bekleidung mit Freiheit zu tun? Wahrscheinlich genauso wenig wie das Herbeivögeln von Frauenrechten. Dabei geht es mir gar nicht um Frauenrechte, sondern um das simple Menschenrecht -  IN EUROPA - das zu tragen, was man möchte. Sollte dies nicht möglich sein, dann sind wir hier nicht anders als die europäische Taliban, in Afghanistan ist die Verhüllung ein Zwang und hier wird die Enthüllung erzwungen. Und alles Erzwungene ist falsch, ganz egal welchen Glaubens oder mit welcher Absicht.

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