"Wer ist bei euch der Mann?"

09. Mai 2023

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© Zoe Opratko

Manchmal ist ein Ikea-Regal nur eine schwedische Do-It-Yourself-Montage-Challenge. Manchmal kann es einem aber auch einen Spiegel vorhalten: Was die eigene Beziehung betrifft, traditionelle Geschlechterrollen und die Erziehung als Frau

Vor etwas mehr als drei Jahren habe ich nach einer langjährigen Heterobeziehung meine jetzige Freundin kennengelernt. Plötzlich begann sich die Kategorie „Frau in der Beziehung“ komplett von mir zu lösen. Es gab keine Arbeits- und Rollenverteilung mehr nach Geschlecht – wie auch? Das bedeutet natürlich nicht, dass man sich als queeres Pärchen davon freimachen kann, von Anderen durch eine „Heterolinse“ gesehen zu werden. Und es wäre auch nur die halbe Wahrheit zu behaupten, dass gleichgeschlechtliche Beziehungen völlig frei wären von traditionellen Geschlechterrollen. Denn auch queere Menschen werden in einer Gesellschaft groß, die ihre „Söhne“ anders erzieht als ihre „Töchter“. Und diese Unterscheidung wird auch in späteren Beziehungen spürbar – egal ob homo oder hetero. Sätze wie „Wer ist denn bei euch eigentlich der Mann?“, „Wie habt ihr überhaupt Sex?“ und „Das ist jetzt aber nur eine Phase, oder?“ habe ich den Leuten mal mehr, mal weniger übel genommen. Ganz unabhängig davon, wie ich solche Aussagen finde, sind sie jedenfalls Anzeichen dafür, dass es vielen Menschen nach wie vor schwer fällt, über die klassische Mann-Frau-Beziehung hinauszudenken. Auch ich selbst bin davor nicht gefeit – immerhin wachsen wir alle in einer Gesellschaft auf, in der Heterosexualität die Norm darstellt. 

Womit ich allerdings nicht gerechnet hätte, ist, wie oft sich die gelebte Geschlechterteilung mitten in meinem Beziehungsalltag breit macht. Und zwar immer dann, wenn es für meine Freundin und mich spürbar wird, dass wir „als Frauen“ erzogen wurden. Beispielsweise beim Einzug in unsere erste gemeinsame Wohnung: Die Montage eines Ikea-Regals stand an, also machte ich mich voller Tatendrang auf den Weg zum Baumarkt, um Schrauben zu kaufen. Dort angekommen, fragte mich der freundliche Obi-Verkäufer, um welche Wand es denn gehen würde. Ich konnte gerade noch meinen ersten Impuls unterdrücken, „eine weiße“ zu sagen, erinnerte mich dann doch noch rechtzeitig, dass er wahrscheinlich Rigips- oder Ziegelwand hören will und war wieder mal an mein mangelndes handwerkliches Wissen erinnert. Bei meiner Freundin sieht es in dieser Hinsicht nicht viel besser aus. Und so verlief die Befestigung des Regals schlussendlich ähnlich holprig, wie mein Einkaufserlebnis. Spätestens seit da weiß ich, dass mich traditionelle Geschlechterrollen in meinem Alltag noch länger begleiten werden – vielleicht nicht wegen meiner Beziehung, aber ganz sicher in meiner Beziehung wegen meiner Erziehung. Anders gesagt: Man muss nur die selbst montierten Möbel in unserer Wohnung zählen, um zu wissen, wie oft sich meine Freundin und ich – alleine im letzten Jahr – gewünscht haben, dass auch uns von klein auf Mal ein Hammer in die Hand gedrückt worden wäre oder uns erklärt worden wäre, was eigentlich der Unterschied zwischen einer Bohrmaschine und einem Akkuschrauber ist – und nicht nur dem Cousin oder dem Bruder. Genau hier liegt aber vielleicht auch die Chance, zukünftigen Genrationen die Freiheit zu bieten, traditionelle Geschlechterrollen in Beziehungen hinter sich zu lassen und sich nicht von einem Ikea-Regal desillusionieren lassen zu müssen.

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