Wie die ÖVP ihr geliebtes Wien verliert

22. März 2023

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Foto: Karl Mahrer Bild von Facebook: @DieWienerVolkspartei

„Verlieren wir unser Wien nicht!“ – so atmosphärisch beginnt das knapp einminütige Facebook Video der Wiener Volkspartei. Diese Geschmackvolle Aussage kommt vom Landesparteiobmann der ÖVP Wien, Karl Mahrer, persönlich. Im Hintergrund eine afghanische Flagge, eine Fleischerei sowie ein Stand an dem Klamotten verkauft werden.

Auf dieses klare Statement folgt eine kleine Einblendung, die uns das Thema näherbringen soll: „Brunnenmarkt. Einst und Heute“. „Einst“ geht hier, nach Aussage Mahrers, auf die Zeit zurück, wo der schöne Brunnenmarkt noch ein stolzes Wahrzeichen Wiens war. Als die ganzen „Syrer, Afghanen und Araber die Macht über den Brunnenmarkt übernommen haben“, änderte sich aber alles schlagartig. Ganz logisch: etwas in Wien kann nur ein Wahrzeichen sein, wenn es von Österreicher:innen dominiert ist. Dass Migration und Einwanderung schon immer eine bedeutende Rolle in der Geschichte Österreichs gespielt haben, wird hier gekonnt ignoriert. Auch die tausenden Gastarbeiter:innen aus Jugoslawien und der Türkei, die für niedrige Löhne einen enormen Beitrag zur Wirtschaft geleistet haben, sind keine Erwähnung wert. 

Um seine Aussagen zu stärken haben Mahrer und sein Parteikollege Trittner die Gegend rund um den Brunnenmarkt unsicher gemacht und haben Bewohner:innen sowie Arbeiter:innen zu der Lage am Brunnenmarkt befragt. Von den Aussagen der Menschen bekommen wir nicht viel mit, da keine einzige Meinung im Video inkludiert ist. Vertrauen müssen die Zuschauer:innen also auf Mahrers Zusammenfassung, die alles andere als Positiv den Arbeiter:innen mit Migrahintergrund am Brunnenmarkt gestimmt ist. Um diese negative Veränderung zu untermalen, führt Mahrer ein Beispiel eines Syrers an, dem fünf Stände am Brunnenmarkt gehören. Jetzt soll dieser noch einen sechsten oder siebten Stand erwerben wollen. Die Frage ist, was das Problem daran wäre, wenn er auch einen achten oder neunten Stand erwirbt. Deutlich wird hier die Doppelmoral der Menschen. Wenn eine Migra-Person keiner Arbeit in Österreich nachgeht, fällt schnell der Begriff „Sozialschmarotzer“. Andererseits nimmt eine arbeitende Migra-Person der österreichischen Bevölkerung die Arbeit weg und trägt laut Mahrer zu negativen Veränderungen der Gegend bei.

Als ich mir das Video, welches bereits vom Falter Chefredakteur Florian Klenk repostet und kommentiert wurde, angeschaut habe konnte ich meinen Ohren nicht trauen. Die verhetzende Wortwahl und Sprache kenne ich sonst nur von Mitgliedern der AfD in Deutschland, welche klar als rechte Partei eingestuft werden kann. Aussagen wie „Verlieren wir nicht unser Wien“ im Zusammenhang mit Personen mit Migrationshintergrund, die ihrer Arbeit am Brunnenmarkt nachgehen sind unverschämt und unangebracht. Als eine Partei der bürgerlichen Mitte sollte bedachter kommuniziert und ein progressiverer Kurs eigeschlagen werden. Immerhin sollte die ÖVP politisch von der FPÖ unterscheidbar sein, was hier ganz sicher nicht der Fall ist. Wenn ich über den Brunnenmarkt laufe, verspüre ich Interesse und Freude. Interesse, da viele unterschiedliche Lebensmittel und Süßigkeiten aus aller Welt verkauft werden und Freude, dass ich die unterschiedlichen kulinarischen Speisen auch hier in Österreich probieren kann. Dementsprechend fühl ich mich sehr wohl in der Gegend und freu mich über die Vielfalt und die daraus entstehende Lebensfreude der Menschen. Anstatt gegeneinander zu Hetzen sollten wir die unterschiedlichen Kulturen als eine Bereicherung sehen. Der Brunnenmarkt ist kein verlorenes, sondern ein gewonnenes Wahrzeichen!

 

 

 

 

 

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