Zieh dich aus! Dann zieh dich an!

04. August 2015

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Dina Hassan
Facebook Screenshot Dina Hassan/ Aya Nader

Die ältere Dame steht vor mir in der Schlange. Sie hat ein farbenfrohes Tuch locker um die Haare nach hinten gebunden. Ich bin am Mittelmeerstrand in Ägypten und es ist ein Sommertag letzten Jahres. Wir warten darauf den Eintritt für den Privatstrand zu zahlen und endlich ins kühle Nass zu hüpfen. Ich darf das schließlich auch tun, denn ich trage meine Haare offen und einen Badeanzug. Die Dame, die eben noch in der Schlange vor mir stand wird abgewiesen. Kein Kopftuch, kein Burkini (islamischer Ganzkörperbadeanzug) oder sonstige islamische Verhüllung ist an diesem Strand erwünscht. Ich erinnere daran wir befinden uns in Ägypten einem selbst nach der Verfassung explizit muslimischen Land.

Dina Hassan ist empört. Mittlerweile führt sie sogar schon eine Liste an Lokalen, Cafés und Strandabschnitten, die sie nicht besuchen kann. Ein kurzer Blick auf ihren Kopf und eine abwinkende Handbewegung. Kopftücher sind hier ebenfalls unerwünscht heißt es dann. Diesen Sommer beschweren sich besonders viele Frauen über diese Form der Diskriminierung. Denn es wird schlimmer. Es gibt kopftuchfreie Zonen, ein Hotel schließt das Frauenfitness um weniger verhülltes Publikum anzuziehen und in einer Ferienanlage werden Häuser nur an Familien ohne Kopftuchträgerinnen verkauft, sagt Dina. „Eine Gesellschaft in der Identitätskrise“ meint sie. All diese Orte, wo es das Schleierverbot gibt, sind allerdings der „High Society“ beziehungsweise der besser situierten ägyptischen Bevölkerung vorbehalten. Auf den Straßen Ägyptens sieht die Welt ganz anders aus.

Wir wechseln die Szene und ich spaziere den Nil entlang auf meinem Weg zur Redaktion früh am Morgen. Ich trage eine dunkle Seidenbluse mit langen Ärmeln und Jeans. Nach einer Weile gewohnt man sich an die ständigen Blicke der Typen und an die „catcalls“ (ein verharmlosender Begriff für die tagtägliche sexuelle Belästigung). Hier auf der Straße fühle ich mich unsicher, versuche ja nicht zu viel Haut zu zeigen. Die meisten muslimischen Frauen auf den Straßen halten ihre Haarpracht bedeckt. Jede Frau in Ägypten kennt es, es passiert jeder, egal welchen Alters und ob mit oder ohne Kopftuch, sie alle werden früher oder später belästigt. Kairo erlangt den traurigen Ruf einer Hochburg der sexuellen Belästigung von Frauen. In den „Verhaltensregeln“ meiner ehemaligen Arabischschule stand es fett gedruckt „Ziehen sie sich etwas an!“

Frauen in Ägypten kämpfen derzeit von zwei Fronten aus. Zum einen veranstaltet ein Gruppe von AktivistInnen einen Minirock-Spaziergang durch die Kairoer Altstadt zum anderen setzen sich verschleierte Frauen zur Wehr, wenn sie als rückschrittlich und störend mancherorts gesehen werden. Eine Zerreisprobe für die ägyptische Frauensolidarität, die eigentlich ihre gesamte Stärke brauchen würde um gemeinsam gegen das immanent patriarchale Gesellschaftssystem und die seit der Revolution drastisch gestiegene sexuelle Gewalt gegen Frauen vorzugehen.

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