Verkauf dich!

09. Juni 2015

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Angeber, Poser
Foto: Caro / Caro / picturedesk.com

Bescheidenheit kann man sich heutzutage nicht mehr leisten. Früher war ich noch so naiv und habe „bescheiden“ zur Top-Drei meiner besten Eigenschaften gezählt, bis ich von der Welt eines Besseren belehrt wurde.

„Du musst dich besser verkaufen!“, riet mir vor sieben Jahren zum ersten Mal eine Arbeitskollegin. Ich war Schülerin, das war mein erster Job im Verkauf einer großen Modekette. Ich schlug mich ganz gut, beriet die Kunden gerne. Aber ich erzählte niemandem, wie viele Kunden ich zum Kauf gebracht hatte. Wozu auch? Meine Kollegen waren irritiert: „Du kannst bei jedem Verkauf dein Kürzel hinzufügen, auch wenn du die Kunden gar nicht beraten hast. Und erzähl' der Chefin auch immer, wie viel du verkaufst, sie schaut da sehr drauf.“ Ich ließ das bleiben, ich wusste nicht, wie ich ein Gespräch anfangen sollte, in dem ich meiner Vorgesetzten erzähle, wie viel ich heute verkauft hatte. In Wahrheit sollte ich also nicht wirklich Klamotten verkaufen, ich sollte mich verkaufen - Das war die erste Lektion, die mir die Arbeitswelt erteilte.

Bei meinem nächsten Job wurde ein Kollege vom Chef für eine Idee gelobt, die ich ihm ans Herz gelegt hatte. „Wieso bist du mit der Idee nicht selbst gleich zum Chef gegangen?“, fragte mich daraufhin eine andere Kollegin entgeistert. Ich war genau so fassungslos wie sie: Wieso sollte ich? Die Idee hat den Aufgabenbereich meines Kollegen betroffen und ob nun er sie dem Chef vorstellt oder ich, ist doch egal, die Hauptsache ist doch, eine gute Idee wird umgesetzt. „So kommst du nicht weit, du musst dich einfach besser verkaufen“, brachte es die Kollegin auf den Punkt.

„Du wirst untergehen!“

Aber ich kann mich einfach nicht besser verkaufen. Ich bin die Art von Mensch, die bei einem Kompliment für mein Kleid, nicht einfach nur danke sagt, ich erkläre gleich, dass ich es im Ausverkauf bei H&M erstanden habe, weil ich möchte, dass die Person weiß, wo sie sich das Kleid holen kann. Ich versuche den Leuten nicht die beste Version meiner selbst unter die Nase zu reiben. Ich vertraue darauf, dass meine Mitmenschen, Kollegen und Chefs im Laufe der Zeit mitkriegen, was meine Stärken sind, ich möchte sie nicht darauf aufmerksam machen müssen. Aber wie weit werde ich mit dieser Einstellung kommen, neben Mitbewerbern, die ihre Stärken und Lebensläufe auf dem Präsentierteller tragen. Die ihre Uniabschlüsse auf Facebook posten und die ganze Mittagspause über von ihrem letzten Südostasien-Trip schwärmen? Vielleicht muss man heutzutage seine Vorzüge gleich offenlegen, es hat ja keiner mehr die Zeit dich wirklich kennenzulernen. „Wenn du in unserer Generation nicht gleich zeigst, wie toll du bist, wirst du untergehen“, prophezeit mir eine Freundin. Bescheidenheit hat im 21. Jahrhundert eben einfach keinen Platz mehr. 

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Kommentare

 

ja.... Es konfrontiere ich auch oft. Ist es irgendwie möglich doch.. Erfolg zu sein und Bescheidenheit  zu bewahren?.. Ich habe noch kleine Hoffnung, dass doch.. oder? 

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