57, 55, 52, 49, .... 45 - Ein Countdown in Kilogramm

04. März 2010

BH-Größe 75C und Hosengröße 36 – ganz in Ordnung, würde man meinen. Doch ich fand mich überhaupt nicht in Ordnung. Es begann mit einer Diät ...

Von Aleks K.

Es gibt Themen über die spricht man am besten nicht. Bulimie, Magersucht und Esssucht zum Beispiel sind solche Tabu-Themen, die Familien und Freunden von Betroffenen peinlich und unangenehm sind. Ich habe kein Problem damit, über meine Erfahrungen mit Essstörungen zu sprechen. Es gibt viele Mädchen und Jungs da draußen, innerhalb der Community, die zu ihrer Krankheit nicht stehen können, die deswegen auch nicht gesund werden können.

„Wann hast du beschlossen , essgestört zu werden ?

Diese Frage wurde mir einmal von einer damaligen Schulkollegin gestellt. Ich konnte nicht glauben, was ich gehört hatte. Niemand „beschließt“, eine Essstörung zu entwickeln. Niemand beschließt, sich langsam auszuhungern. Bei mir begann alles in meinem Abschlussjahr. Ich war 17, stand vor meiner Matura und war ziemlich ehrgeizig unterwegs. Von Natur aus hatte ich Kurven an den Stellen, wo man sie sich normalerweise auch wünscht, ich trug immer BH-Größe 75C und Hosengröße 36. Vollkommen in Ordnung möchte man meinen. Doch ich fand mich eigentlich überhaupt nicht in Ordnung. Die meiste Zeit konnte ich das ziemlich gut verdrängen, aber als es dann auch in der Schule stressig wurde, bin ich langsam in die Krankheit gerutscht. Gute Noten schrieb sich nicht wie sonst von alleine, Mathe ist immer mehr zum Problem geworden. Ich hatte richtig Angst, meinen Abschluss nicht zu schaffen. Alles, was mir meine Mutter ermöglicht hatte,
wäre dann umsonst gewesen. In meinem Kopf gab es nur einen Gedanken: „Wenn ich die Matura nicht schaffe, dann bin ich erledigt!“ Ich stand unter extremem Druck, der nicht von meinen Eltern, sondern nur von mir selber kam. Vor diesem Druck habe ich versucht, davonzulaufen.

 

 

 

 


Es begann mit einer Diät…

Am Anfang war ja nichts dabei. Einfach gesünder essen – viel Gemüse, nur Vollkornbrot, Obst statt Süßigkeiten und so weiter. Im Laufe der Zeit ist es dann aber außer Kontrolle geraten. Die Liste der verbotenen Dinge wurde immer länger und immer extremer. Es ging soweit, dass ich mich von einem Apfel und einem Vollkornbrot am Tag ernährt habe. Mein ganzer Tag war beherrscht von der Frage, was ich essen werde, wie viel davon ich essen darf und wie ich mich davor drücke, mit meiner Mutter essen zu müssen. Wenn ich zurück denke an diese Zeit, war meine Mutter diejenige, der ich das Herz mit meinem gestörten Essverhalten gebrochen habe. Wir wissen alle, wie Mütter sind, besonders Mütter vom Balkan. Sie hat mich geboren, ist aus Bosnien mit mir hierher gezogen. Sie hat mich auf gute Schulen geschickt, mir alles ermöglicht – und ich? Ich danke es ihr damit, dass ich hungere, und sie mir dabei zusehen darf. Sehr oft stand sie unter Tränen vor mir und fragte verzweifelt, warum ich das tue, warum ich mich selbst umbringen will, und warum ich nicht glücklich bin. Meine Mutter hat immer wieder betont, dass sie sich die größten Sorgen um mich macht und dass sie nur will, dass ich ganz normal esse. In dieser schweren Zeit hat meine Mutter mich nie aufgegeben. Auch wenn es mich damals genervt hat, erkenne ich heute, dass ohne ihren Einsatz, ihr Eingreifen, und ihre Unterstützung ich niemals alleine wieder da rausgekommen wäre.

„Warum bist du so unglücklich?“

Warum ich nicht glücklich bin, war eine Frage, die ich mir in dieser Zeit sehr oft gestellt habe. Wahrscheinlich war es die Angst zu versagen, die Angst, nicht gut genug zu sein, und die unrealistische Vorstellung, „perfekt“ sein zu müssen. Meinen persönlichen Tiefpunkt hatte ich erreicht, als ich sogar ein Glas Milch weggeschüttet habe, das meine Mutter in ihrer Verzweiflung das tausendste Mal ins Zimmer gebracht hatte. Sie meinte, damit ich wenigstens irgendwas im Magen habe. Da erkannte ich, dass es nicht mehr so weiter geht und ich ernsthaft ein Problem hatte. Ich begann, mein Leben zu verändern und meine Probleme anzugehen. Mit Hilfe meiner Familie und außenstehender Profis. Heute fühle ich mich wohl in meiner Haut, mache viel Sport und ernähre mich ausgewogen. Im Nachhinein weiß ich, dass alles was zählt die Menschen sind, die dich lieben, wie du bist, und dich auffangen, wenn du drohst abzustürzen.

Interview mit ROMANA WIESINGER (Psychotherapeutin) und CHRISTINE BISCHOF (Leiterin der Hotline für Essstörungen der Wiener Gesundheitsförderung):

biber: Kann man konkrete Auslöser für Essstörungen festmachen?

Romana Wiesinger: Sicherlich gibt es hier mehrere Faktoren, die zusammenspielen. Es hängt von der Persönlichkeit ab, den momentanenUmständen, der Familiensituation. In jedem Fall gibt es aber so etwas wie ein auslösendes Moment.

Christine Bischof : Meist beginnen Essstörungen mit Diäten. Was nicht bedeuten soll, dass jeder, der eine Diät hält, gleich eine Essstörung hat, aber oft sind Diäten Startpunkte für spätere Essstörungen.

Wer wendet sich vornehmlich an Ihre Hotline?

Romana Wiesinger: Das sind Betroffene aus ganz Österreich und teilweise auch aus Deutschland, aber auch Angehörige von Betroffenen, die sich Rat holen und wissen möchten, wie sie sich verhalten sollen.

Christine Bischof : Wir sind erste Anlaufstelle für Betroffene die unter Bulimie, Magersucht, Esssucht, also jeglicher Form von Essstörung leiden. Man kann uns gratis und anonym kontaktieren, und wir sprechen dann mit den Betroffenen solange, wie es nötig ist. Oft hat der Name „Hotline“ den Beigeschmack, dass man nur schnell abgefertigt wird, aber das stimmt so nicht. Wir nehmen uns ausreichend Zeit für das Gespräch mit den AnruferInnen und vermitteln sie zu weiterführende Beratungseinrichtungen.

Die Hotline gibt es seit mehr als zehn Jahren. Haben sich die Problemstellungen verändert? Wer ist vermehrt von Essstörungen betroffen?

Christine Bischof : Die Altersspanne  hat sich in den letzten Jahren um einiges ausgedehnt. Von 10-jährigen bis zu 50-jährigen. Das liegt mitunter an der Gesellschaftsstruktur und dem ständigen Streben nach Perfektion. Jeder muss schön, intelligent und fit sein, und dabei verschwindet normales Essverhalten zusehends. Bei den Männern gibt es eine Dunkelziffer, aber auch sie sind betroffen.

Wenn sich nun eine Angehörige an Sie wendet und fragt was sie tun soll, welchen Rat geben Sie in solchen Fällen?

Romana Wiesinger: Zuerst einmal ist jeder Fall individuell und muss verschieden behandelt werden, aber generell empfehle ich, als Angehöriger auf den Betroffenen zuzugehen. Man sollte dabei nicht nur die Krankheit in den Vordergrund stellen, sondern unter vier Augen mit demjenigen sprechen und sagen, dass man sich Sorgen um ihn macht. Ebenso sollte man die Veränderungen, die einem aufgefallen sind, ansprechen. In jedem Fall ist professionelle Hilfe notwendig.

Beratung gibt ’s anonym und Gratis:
www .essstoerungshotline.at
0800-20 11 20 (Mo–Do, 12–17 Uhr)
hilfe@essstoerungshotline .at

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Kommentare

 

Richtig gefahrlich wird es, wenn schon in der Grundschule den Kindern ein Diätlebensstil vorgelebt wird. Es laufen Casting-Sendungen für Kinder oder teilweise Babies im Fernsehen, dass einem schlecht werden kann. Es wird Zeit dem ganzen Magerwahn ein Ende zu setzen.

A. Schüssler

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