Buen Camino!

08. Juni 2016

Pilgerreise am Jakobsweg. Von Jahr zu Jahr zieht er mehr Menschen aus der ganzen Welt an. Religiös motiviert oder nicht? Was steckt hinter der Faszination Camino de Santiago? Eine Reise in die Welt der Pilger und zu sich selbst!

Fotos und Text: Ivana Martinovic

Jakobsweg

Stell dir vor, du wanderst einen Monat lang durch die Natur Spaniens. 20 bis 30 Kilometer täglich. Kannst für dich sein, alleine wandern, Probleme vergessen und dennoch Gespräche suchen, wenn dir danach ist. Weil andere Menschen mit dir am Weg sind, dir zuhören, denen du zuhörst, falls du das willst. Wenn du genug hast, gehst du alleine weiter und niemand nimmt es dir übel. Dann sagst du “Buen Camino” und gut ists. Deine und deren Probleme fühlen sich dennoch an, als ob sie Teil einer Vergangenheit sind und nicht deiner gegenwärtigen Realität. Nichts davon belastet dich. So fühlt sich der Jakobsweg an!

700 Kilometer bis zum Ziel, bis Santiago de Compostela, wo das Grab des Apostels Jakob liegt. Und das ist das katholischste an der ganzen Reise. Alles andere ist tiefe Spiritualität. Katholisch oder nicht katholisch. Dort sind Menschen aus aller Herren Länder unterwegs, die aus den unterschiedlichsten Motiven diese Pilgerreise als Mittel gewählt haben, ihren Seelenfrieden zu finden. Im Gehen - dem eigentlichen Schlüssel zur mentalen Freiheit, egal woran sie glauben. Und das gelingt!

Jakobsweg
Immer gut sichtbar entlang der Strecke. Gelbe Pfeile oder Jakobsmuscheln als Wegweiser.

Abschied vom Luxus
Mutig, mutig, hieß es, als ich damit rausrückte, wohin mich die Reise führt. Für mutig hielt ich mich selbst. Eine Frau alleine unterwegs in Spanien. Nur mit einem Rucksack in Pamplona ankommen und dann losstarten. Ein Luxushotel hatte ich mir für den ersten Abend gebucht. Grand Hotel La Perla, wo Ernest Hemingway einst abstieg, damit ich mich vor dem Schlafen im Schlafsack in Stockbetten der Herbergen in weicher Bettwäsche wälzen kann. Und nervös war ich. Raus aus der Komfortzone und am nächsten Tag ab auf den Weg und den ersten Berg bezwingen. Dann sah ich andere Pilger. Ich war stolz, mit dabei zu sein. Eine Kraft floss durch den unsportlichen Körper, dass ich nur mehr lächelte, als ich am Gipfel ankam und die ersten 15 Kilometer hinter mir lagen. Ich war offiziell Pilgerin. Und der Luxus von vergangener Nacht ging mir in dem Augenblick gar nicht mehr ab.

Jakobsweg
Tag für Tag. Stempel für Stempel im Pilgerpass für deine Pilgerurkunde in Santiago.


Wir sind alle gleich
Als ich den Berg wieder hinunterstieg und den Weg zur nächsten Herberge suchte, wurde ich sentimental. So viele Menschen am Weg, dem gelben Pfeil oder der Jakobsmuschel folgend, die uns am Weg die Richtung weisen sollten und auf Häusern, Brücken, Wegweisern überall zu sehen sind. Bei den Markierungen ließen Pilger haufenweise Steine für Angehörige liegen, die sie in Gedanken bei sich trugen. Rührende Briefe, Bilder waren dabei, die mir Tränen in die Augen trieben, weil sie viel über die Motive der Pilgerreise aussagten. Und dies schien oft mit Verarbeitung von Trauer zu tun zu haben. In der ersten Herberge angekommen, wartete das erste Stockbett und gemeinsames Schlafen mit 20 anderen Menschen im Raum. Ich war fasziniert. Die Pensionistin aus den USA schlief unter denselben Bedingungen, wie der Geschäftsmann aus den Niederlanden. Ein gemeinsames Abendessen, entspanntes Kennenlernen und interessiertes Fragen, woher wir kommen und warum wir hier sind. Es war wie ein Ferienlager für Erwachsene, das tiefsinnige Gespräche ermöglicht, Gesellschaftsschichten verschwinden lässt. Unser einziges Problem an diesem Abend wird sein, wer im Schlafsaal am lautesten schnarcht. Und dafür hatte jeder Ohrenstöpsel mit im Gepäck. An diesem Abend war ich nicht mehr stolz auf meine körperliche Leistung, die Kilometer gegangen zu sein, wenn es doch die 70-jährige Oma gewagt hat, sondern Teil dieser Menschen zu sein, wo plötzlich alle gleich waren, egal woher sie kommen oder was sie waren.

Jakobsweg
Du gehst deinen Weg alleine oder mit neuen Freunden.

Die einzigen Pilgersorgen
Du verlierst das Zeitgefühl. Du weißt manchmal nicht, welcher Wochentag ist und hast nach drei Tagen das Gefühl bereits drei Wochen unterwegs zu sein. Entspannt und nichts anderes zu tun als am nächsten Morgen aufzustehen und einfach loszugehen. Du musst keine Hotels reservieren, nichts vorausplanen, weil du weißt, dass du einfach in einer Herberge ankommen musst und die einzige Frage stellst, die du zu stellen hast “Hast du ein Bett für mich?” Und es ist leistbar. Mit Pilgerpass, ausgestellt von deiner Erzdiözese, kriegst du entweder ein Bett in einer Kirchenunterkunft auf Spendenbasis oder musst nie mehr als 10 Euro pro Nacht blechen. Im Pilgerpass sammelst du Stempel der Herbergen, wodurch du am Ende deine Pilgerurkunde ausgestellt bekommst. Verhungern lassen sie dich auch nicht. Jedes Dörfchen und jede Herberge haben Pilgermenüs, die ebenfalls kein Loch in die Brieftasche bohren. Dann wäre noch das Wetter und das Pech, wenn die Herbergen in einem Kaff überfüllt sind. Das Pech hatte ich nur einmal. Und dann hieß es zehn Kilometer weiter durch den tiefsten Schlamm nach einem starken Regen zu laufen, der mir die Schuhe ausgezogen hat. Dies war auch der Grund, warum ich niemals im Sommer den Jakobsweg gegangen wäre. Dann wird es eng. Frühling oder Herbst - da kann es vielleicht nur einmal mit dem Schlafplatz schief gehen.

Jakobsweg
Sogar die Esel wünschen eine gute Reise.

Wi-Fi und Pilger-Apps

Man trifft sich im Leben immer zweimal, sagt man. Am Jakobsweg trifft man sich hundertmal. Es konnten Tage, Wochen vergehen, den einen oder anderen Pilger gesehen zu haben. Und plötzlich überholt er dich. Oder du findest Anschluss zu Leuten, mit denen du dich über die nächsten Herbergen austauschst und am Abend gemeinsam gemütlich Wein trinkst. Pilgern heißt heute mit Handy ausgestattet zu sein, in Cafés oder Herbergen nach Wi-Fi zu jagen und per App zu checken, welche Herbergen es gibt. Dann wird verglichen und wieder getroffen. Klassischer geht es mit Reiseführer. Und John Brierley, der heute in Santiago lebt, hat sich eine goldene Nase damit verdient. Sein Buch Jakobsweg - Camino de Santiago hatten die meisten mit im Gepäck. Bis ins Detail sind die Routen und Unterkunftsmöglichkeiten angeführt. Aber auch da hab ich mich eher auf andere Pilger verlassen. Schließlich will man sie am Abend wiedersehen und wieder bisschen Ferienlager für Erwachsene genießen. Social Networks und WhatsApp mit Pilgergruppe, in der Standorte und coole Herbergen ausgetauscht werden, machen wohl den Pilger von heute aus.

Jeder Pilger ist dein Freund
Was einen tiefen Eindruck vom Jakobsweg hinterlässt, sind die Menschen selbst. Jeden Tag triffst du neue Leute. Jeder von ihnen hat eine Geschichte zu erzählen, die er mit dir teilt, weil zwischenmenschlicher Austausch ein wichtiger Teil einer Pilgerreise ist, der unglaubliche tiefsinnige Gespräche ermöglicht. Egal wer dich plötzlich auf dem Weg anspricht, du bist bereit zu reden und hast das Gefühl, dass jeder dieser Menschen dein Freund ist. Vor allem hinterlassen glückliche Gesichter einen tiefen Eindruck. Ein deutscher Pilger formulierte es auf seine Weise: “So viel Drogen kannst du gar nicht kaufen, um so ein konstantes Glücksgefühl, wie am Camino zu spüren!” Am Abend nach deinen Kilometern wirst du nie alleine sein. Es wird sich immer jemand zu dir dazugesellen, sei es beim Abendessen oder beim Weintrinken vor dem Schlafengehen. Ein Amerikaner sagte bei einer dieser Runden, “Wir sind alle Zeitmillionäre. Wir müssen uns die Zeit nur nehmen, für Dinge, die uns wichtig sind!” Schicksale sind ebenfalls Teil dieser Reise. Pilger, die versuchen ihre Trauer zu verarbeiten. Wie Klaus aus Dänemark, der den Selbstmord seines Bruders beklagt und der mich um fünf Uhr Früh in den Straßen von Leon fragte, ob wir bisschen gemeinsam durch die Stadt gehen. Wir spazierten, sprachen und gingen dann getrennte Wege. Ihm tat es gut und mir machte es bewusst, wie viel Leben und Tod in den Geschichten dieser Menschen mit auf diesen Weg gehen.

Jakobsweg
Ein Gefühl der Erleichterung vor der Kathedrale in Santiago de Compostela.

 

Bisschen Zug, bisschen Taxi
Körperliche Grenzen überwinden. Das passiert mit einem auch. Nach so vielen Kilometern und trotz Tipps von anderen Pilgern, die man meist zu spät zu hören bekommt, kommen ab und zu die Wehwehchen. Falsche Wandersocken, nasse Schuhe brachten auch Blasen mit sich. Über die erste Blase habe ich noch gelacht. “Da bist du ja!” und “Dich pack ich locker” dachte ich mir. Je mehr es wurden, desto mühsamer. Aber auch das nimmt man hin, weil das Gehen süchtig macht. Ruhetag? Nein! Auf keinen Fall! Sich am Abend die Füße zu verarzten und der beste Kunde in der Apotheke zu sein, gehörte zum Alltag. Verbände zu wechseln war wie eine Beinrasur, ohne daran zu denken am nächsten Tag aufzugeben. Dann galt am Morgen anfangs unter Schmerzen zu gehen, bis die Füße warm wurden. Danach spürte ich nichts mehr und ging einfach weiter. Problem waren die Pausen. Füße abkühlen, wieder Schmerzen, neu gehen lernen. Dann kam die Grenze und nicht riskieren wollen, es nicht nach Santiago zu schaffen. Ich musste auf den Körper hören, weil das Knie schmerzte. Und dann fuhr ich Zug, sparte mir in einer halben Stunde drei Tage Fußmarsch. Da wurde mir das erste Mal bewusst, was Distanz bedeutet und wie leicht wir diese durch Fortbewegungsmittel wie Zug, Bus oder Auto überwinden können. Mir wurde bewusst, dass ich niemandem beweisen muss, die ganze Strecke zu schaffen. Es ist kein Wettkampf alle Kilometer zu laufen. Es geht um den Weg selbst, zu gehen, wenn man gehen kann und den Körper zu schonen, wenn er danach verlangt. Und deshalb fuhr ich den 1500-Meter-Berg ebenfalls gemütlich mit dem Taxi rauf.

Schock in der Großstadt
Nach wochenlanger Wanderung erreichte ich die Stadt Leon. Aus der Natur mitten in die Großstadt. Plötzlich so viele Shops voller Klamotten und Schuhe und ich mit dem Rucksack, den ich nicht füllen durfte. Sieben Kilogramm war er schwer und bis nach oben gefüllt. Das war Schaufenster-Shopping vom Feinsten. Und als der erste Schock vorbei war, kam es wie ein Geistesblitz, “Ich brauch dieses Zeug nicht!” Was ich aber vermisste und was auf meiner Wunschliste war - Hotel Paradores, fünf Sterne - wie im Film “Dein Weg”, als Martin Sheen mit seinen Pilgerfreunden eincheckte und sagte “Das geht auf mich”. Diese Nacht ging ebenfalls auf mich. Die Wahrnehmung der Sinne nach so einer langen Wanderung und den Herbergen war überwältigend. Als ob ich nach Jahren wieder in Bettwäsche schlafen würde. Und plötzlich wird dir bewusst, was für einen Komfort du zuhause genießt. Du bist dankbar, für alles was du hast und genießt jeden Augenblick belangloser Dinge, die auf einmal gar nicht mehr belanglos sind. Wie eine heiße Dusche oder ein sauberes Kopfkissen.

Jakobsweg
Fisterra – das Ende der Welt. Die Reise ist erst hier zu Ende.

Das Gefühl in Santiago
Im letzten Wald vor Santiago blieb ich lange sitzen. Mir kamen die Tränen, weil es zu Ende ging. Die Gefühle, die man am Weg hatte und die Menschen, die nachvollziehen konnten, wie es einem geht. Und dann kam ich in Santiago an, setzte mich auf den Boden vor die Kathedrale, sah glückliche Menschen und fühlte mich auf einmal befreit. Als ob die ganze Last am Weg geblieben wäre und das nicht das Ende, sondern ein Neuanfang wäre. Mental befreit, eine unbeschreibliche Lebenserfahrung reicher und stolz darauf es geschafft zu haben. Ein besonderer Moment wurde zum krönenden Abschluss. Wir stürmten zum Pilgerbüro, stellten uns an und bekamen ein wunderbares Andenken an unsere Reise. Die Compostela - eine Pilgerurkunde auf Latein, die unseren Namen, sowie das Datum unserer Ankunft in Santiago trägt, das sich wie ein zweiter Geburtstag angefühlt hat. Wie ein Neuanfang.

Das Ende der Welt
Santiago war nicht das Ende. Das Ende der Welt heißt Fisterra. Dort steht der letzte Steinpfosten mit 0 Kilometern drauf. Aus Zeitmangel fuhr ich diese letzten 90 Kilometer mit dem Bus und ging zum Leuchtturm, wo Pilger ihre Schuhe verbrennen und der eine oder andere nackt im Meer badet. Du stehst auf den Klippen neben der gegossenen Skulptur des Pilgerschuhs, blickst auf das offene Meer und genießt den Augenblick vollkommener Freiheit.

 

 

 

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