„Das Mullah-Regime hat Angst vor sozialen Medien“

09. Dezember 2022
Früher hatte die Diaspora selbst Angst, heute ist sie als Schallverstärker der Proteste für den Erfolg der Revolution mitentscheidend, so die Kurier-Journalistin Laila Docekal. Die Österreicherin mit iranischen Wurzeln erzählt im Interview, wie die Welt gerade eine Social-Media-Revolution erlebt – Wegsehen unmöglich.
 
Von Delna Antia-Tatić, Fotos Atila Vadoc
 
Biber: Du bist eigentlich Leiterin des Lebensart-Ressort im Kurier. Jetzt berichtest du zusätzlich über alles, was im Iran passiert, und hast mit einer ganz anderen journalistischen Materie zu tun. Ich zitiere nur einen Beitrag von dir, den du auf Social Media geteilt hast: „Diese Woche gab es wieder schreckliche Verluste: Der 10-jährige Kian wurde am Heimweg im Auto mit seinem Vater erschossen. Die Medizinstudentin Aylar ist auf der Flucht vor den Sittenwächtern in ein Haus geflohen und wurde dort vom Dach geworfen. Ihre Leiche wurde mitgenommen. Auch Mohammad wurde bei Protesten getötet, sein bester Freund hat die Leiche über Nacht bewacht, damit sie nicht entführt wird (gängige Praxis, um Trauerfeiern für Märtyrer zu vermeiden). Am nächsten Tag wurde er auch erschossen.“ – Solche Texte sind schwer auszuhalten. Wie geht es dir in deiner neuen Rolle?
Laila Docekal: Es ist sehr belastend, psychisch sehr fordernd und es wirkt sich auch sehr auf mein Privatleben und meine Familie aus. 
 
 
Foto: Atila Vadoc
Foto: Atila Vadoc
 
Inwiefern?
Weil ich bis spät in die Nacht auf Instagram bin und Nachrichten aus dem Iran binge. Das Hauptproblem ist ja, dass der Iran keine freie Presse hat. Das sieht man daran, dass allein in den letzten Wochen Dutzende Journalisten verhaftet wurden. Jene zwei Journalistinnen, die den Fall von Mahsa Amini aufgedeckt haben, wurden wegen Spionage angeklagt. Ihnen droht wahrscheinlich die Todesstrafe. Ich sehe mich als Journalistin und als Österreicherin mit iranischem Migrationshintergrund verpflichtet, hier wie ein Schallverstärker zu wirken und laut zu sein. Wenn man Farsi nicht versteht, versteht man viele Nachrichten aus dem Iran nicht. Und natürlich gehen über die Agenturen nur Meldungen der Staatsmedien raus und das ist reine Propaganda.
 

Bist du mit der österreichischen Berichterstattung zufrieden?

Nein, eigentlich nicht. Das Thema ist bei uns noch viel zu wenig angekommen. Das liegt meiner Meinung nach auch daran, dass der österreichische Journalismus in den letzten Jahren sehr ausgehungert wurde und es kaum noch Nahost-Experten gibt, die den nötigen Einblick und das nötige Verständnis hätten, um fundiert beschreiben und analysieren zu können, was da vor sich geht. Gerade in dieser Situation wären auch iranischstämmige oder zumindest Farsi sprechende Journalisten hilfreich, die den Einblick hinter die Kulissen haben und die feinen Zwischentöne übersetzen können. Auf Social Media passiert dazu so viel, dass man gar nicht richtig mitkommt, wenn man sich nicht ständig damit beschäftigt.
 
Welche Rolle spielen die sozialen Medien?
Wir erleben gerade eine feministische Revolution, aber auch eine Revolution, die über die sozialen Medien lebt. Es gab noch nie eine Social-Media-Revolution dieser Art – das heißt, es gab noch nie die Situation, dass man aus einem Land Videos zugespielt bekommt, in denen man sieht, wie Menschen auf offener Straße verprügelt werden, wie Revolutionsgarden Menschen am Boden entlang ziehen und ihnen auf den Kopf hauen. Man sieht Videos, in denen Menschen erschossen werden und es gibt Videos, wo Menschen mitfilmen, wie ein Gardesoldat sieht, dass er gefilmt wird, die Waffe richtet und auf einmal fliegt die Kamera in die Luft. Weil der filmende Mensch getötet worden ist. Ich höre oft, es gäbe ja doch eh so viele Krisengebiete, aber es gibt keine Krisengebiete, aus denen man solche Bilder bekommt. Angesichts dessen kann man nicht behaupten, davon nichts gewusst oder gesehen zu haben. Social Media ist daher so wichtig: Um diese Bilder zu verbreiten, damit die Länder, die sich die westlichen Werte auf die Fahnen schreiben, auch in die Pflicht genommen werden können.
Foto: Atila Vadoc
Foto: Atila Vadoc
 
Du hast im November eine Protestaktion unterstützt, bei der Haare von Passanten am Stephansplatz gesammelt und in ein Glas gefüllt wurden, das dann vor das Parlament gestellt wurde. Wofür stand diese Aktion?
Der Behälter wurde unserem Außenminister Schallenberg persönlich übergeben. Die Aktion sollte mehr Aufmerksamkeit auf das Thema Iran lenken. Es geht hier um Grundrechte wie Menschenrechte und Freiheit und da sehen wir Europa in der Verpflichtung, Solidarität zu zeigen, statt den Mullahs den roten Teppich auszurollen. Damals im Herbst war ja noch am Tisch, dass die Atomverhandlungen weiterlaufen. Zum Glück wurden die inzwischen eingefroren.
 
Wofür stehen die gesammelten Haarsträhnen?
Seit dem gewaltsamen Tod der 22-jährigen Mahsa Amini in Gewahrsam der Sittenpolizei schneiden sich Iranerinnen und inzwischen Frauen weltweit die Haare ab. Mahsa wurde ja verhaftet, weil sie angeblich ihren Schleier nicht korrekt getragen haben soll. In der persischen Kultur werden Frauenhaare regelrecht verehrt. Die Mullahs wollen es mit dem Argument verstecken, dass Männer dadurch zu sehr erregt werden. Das Abschneiden von Haarsträhnen ist daher ein Solidaritätsakt, aber auch eine Protestbotschaft an das herrschende Regime. Wer sich die Haare abschneidet, zeigt den Mullahs: Wir lassen weder über unsere Haare bestimmen, noch über uns.
 
Wie geht die Diaspora mit den schockierenden Bildern aus der Heimat um?
In den ersten Wochen, als die ersten Bilder gekommen sind, war eine Ohnmacht spürbar, dazu Schock und Verzweiflung. Dem ist das Gefühl gewichen, den Protest unterstützen zu müssen. Der Iran ist seit 43 Jahren in Geiselhaft dieses Mullah-Regimes. Es gab in der Geschichte viele Bewegungen, die zum Ziel hatten, sich vom Regime zu befreien, jedoch wurden diese immer blutig niedergeschlagen. Jetzt sieht man das erste Mal, dass die Diaspora sich sehr stark solidarisiert und auch wirklich aufsteht. Früher war es so, dass zu den Demos der iranischen Community außerhalb des Iran meist nur ein paar Hundert Leute gingen, mit Maske und Sonnenbrillen verhüllt, weil sie Angst hatten, dass sie verhaftet würden, sobald sie ihre Verwandten im Iran besuchen – was auch zum Teil der Fall war. Jetzt ist das Fass übergelaufen und ein „Point of no Return“ überschritten. Jetzt riskieren nicht nur die Menschen im Iran ihr Leben, wenn sie auf die Straße gehen, sondern auch die Diaspora hat beschlossen, einen Preis zu zahlen.
 
Könnte es für Österreicher*innen mit iranischem Migrationshintergrund lebensbedrohlich sein, wenn sie auf den Stephansplatz kommen – unverhüllt?
Lebensbedrohlich ist schwierig... Man weiß, dass der Iran einen langen Arm in die westliche Welt hat. Man weiß, dass die iranische Botschaft sehr viele Visa vergibt und die Iraner*innen wissen, dass bei solchen Veranstaltungen immer auch Spitzel auftauchen, die dann die Teilnehmer*innen bzw. die Veranstalter*innen dokumentieren. Was dann mit diesen Dokumentationen gemacht wird, ist die Frage. Und es gab ja schon Attentate! In Amerika steht eine Frau mit iranischem Background unter FBI-Schutz, weil sie sehr aktiv auf Social Media ist – insofern kann man nichts ausschließen.
 
Die Haare am Stephansdom zu sammeln war eine Solidaritätsaktion, aber auch eine Mahnung an die Politik in Österreich. Tut denn deiner Meinung nach der österreichische Außenminister genug?
Es ist seit dieser Aktion viel passiert. Und das zeigt auch, dass Lautsein hilft. Es ist etwa der SEHR seltene Fall eingetreten, dass alle Abgeordneten von allen Parteien einstimmig dafür gestimmt haben, sich solidarisch mit den Protestierenden zu zeigen. Was in unserem Parlament so gut wie nie vorkommt.
 
In Deutschland steht Annalena Baerbock für eine feministische Außenpolitik. Sie schien viel früher das Vorgehen des iranischen Regimes scharf zu verurteilen, sich mit den Protestierenden zu solidarisieren und den Austausch mit der deutschen Diaspora zu suchen. Bräuchte Österreich auch eine feministische Außenpolitik?
Feminismus in unserer Außenpolitik hätte ich noch nicht wahrgenommen. Alexander Schallenberg hat das nicht zu einem seiner Kernanliegen erklärt. Für die sehr große Community der iranischen Diaspora in Deutschland war Baerbocks Proklamieren einer feministischen Außenpolitik jedenfalls der Anker, an dem sie sich festhalten konnte. So war die Politik gezwungen, diesen Menschen Gehör zu verschaffen – es sind ihre Wähler und Wählerinnen.
 
Was erwartest du dir von der österreichischen Politik? 
Jeder Schritt bringt extrem viel. Die EU-Sanktionen werden Tag für Tag verschärft und die Forderungen der iranischen Diaspora liegen auf dem Tisch. Es geht darum, die Gelder von Regimeleuten einzufrieren, den Revolutionsgarden die Visa zu entziehen oder ihre Gelder einzufrieren – so wie man es in Russland bei den Oligarchen gemacht hat.
(Anm.: Die Revolutionsgarde (IRGC) untersteht dem obersten Religionsführer Ali Khamenei und wurde als Gegengewicht 1979 zur regulären Armee gegründet.)
 
Was können wir denn hier in Österreich für die Freiheit der Iraner*innen tun?
Nicht wegsehen, das Thema im Bewusstsein halten, mit anderen drüber reden und auch einmal Nachrichten in den sozialen Medien teilen! Man hat gesehen, wenn Hashtags von einzelnen Gefangenen oft geteilt wurden, dass diese auch entlassen worden sind. Wie beim Menschenrechtsaktivisten Hossein Ronaghi, der wochenlang ohne medizinische Versorgung mit gebrochenen Beinen, einem abgestorbenen Finger und im Hungerstreik im Evin-Gefängnis festgehalten worden war. Angesichts der angekündigten UN-Untersuchungskommission wurde Ronaghi in den Hafturlaub entlassen. Das wäre nicht passiert, wäre die Diaspora nicht so laut gewesen. Das Mullah-Regime hat Angst vor der sozialen Öffentlichkeit und dazu können wir alle beitragen.
 
Nun ist die erste Hinrichtung vollzogen worden. Auch vielen der über 18.000 inhaftierten Menschen droht die Todesstrafe. Wird das Regime sie tatsächlich alle als abschreckendes Exempel töten?
Genau dieser Fall bestätigt, wie wichtig das „Lautsein“ ist. Denn im Fall von Mohsen Shekari war das Gegenteil der Fall. Seiner Familie wurde gesagt, still zu sein und nicht an die Öffentlichkeit zu gehen. Für ihn kursierten keine Hashtags, was in anderen Fällen sogar dazu beigetragen hat, dass sie auf Kaution freigekommen sind. Ich glaube, so lange das Scheinwerferlicht der Diaspora und der internationalen Staatengemeinschaft auf das Mullah-Regime gerichtet ist, tut es sich schwer. Allerdings ist es in der Geschichte der islamischen Republik schon passiert, dass Tausende Menschen exekutiert wurden. Nur damals, 1988, gab es kein Social Media - und die Welt hat nicht hingesehen. Übrigens war einer der Führenden, der für diese Massen-Exekutionen 1988 verantwortlich war, der jetzige Präsident Ebrahim Raisi.
Foto: Atila Vadoc
Foto: Atila Vadoc
Wie viel Prozent der Bevölkerung stehen überhaupt auf der Seite der Mullahs?
Ich schätze den harten Kern, der zum Regime steht, auf 10-15 Prozent der Bevölkerung. Aus meiner Wahrnehmung ist allerdings die Mehrheit mit 80-90 Prozent für einen Wandel und steht hinter den Protesten.
 
Welche Rolle spielen die Kurden innerhalb der Protestbewegung?
Zhina Mahsa Amini war iranische Kurdin und die Aufstände in den kurdischen Gebieten waren die lautesten. Dort gab es die meisten Toten und die blutigsten Niederschlagungen. Zuletzt ist das Regime in diesen Regionen mit Militär und Panzern einmarschiert und hat den Leuten Strom und Wasser abgedreht. Die Kurden waren immer eine unterdrückte Minderheit, im Iran wie rundherum auch. Das Erstaunliche an dieser Revolution ist auch, dass die Iraner sich mit den Kurden solidarisieren und ihnen den Rücken stärken. Sie skandieren auf den Straßen: „Mahabad, Zahedan, Kurdistan, Licht und Auge des Iran“,
und rufen, dass der Iran bereit sei, mit seinen Kurden zu sterben. Diese Einigkeit und Solidarität hat es vorher auch nicht gegeben.
 
Woher kommt der wahnsinnige Mut der Protestierenden? Es sind ja nicht nur politische Aktivisten auf der Straße, sondern ganz „normale“ Leute, darunter sogar Schülerinnen. Was lässt die Leute riskieren, verhaftet, gefoltert, vergewaltigt, getötet zu werden?
Man spricht von „Shir Zan“ und „Shir Mard“, Löwenfrauen und Löwenmännern. Über soziale Medien wissen sie ja, wie eine freie Welt aussehen könnte und sie wissen, in was für einer furchtbaren Welt sie leben, wo alles, was irgendwie Freude macht, verboten ist. Sie haben nichts zu verlieren. Die Angst davor, unter diesem Regime weiter leben zu müssen und überhaupt ständig Angst haben zu müssen, ist größer. Es gab etwa schon vor der Revolution ein systematisches Heraussuchen von hübschen Frauen, wie bei Zhina Massa Amini, um sie zu verhaften und möglicherweise zu vergewaltigen. 
 
Apropos Löwenfrauen: Wagen die Iranerinnen, auch im Alltag und abseits der Demonstrationen ihr Kopftuch abzulegen?
In den großen Städten ist es bereits so, dass viele Frauen im Alltag ohne Kopftuch herumgehen. Es gibt auch viele Bilder von Frauen, die sich vor eine Gruppe von Revolutionsgarden stellen, um ein Selfie zu machen. Die iranische Republik ist inzwischen quasi gezwungen, das hinzunehmen. Am Anfang haben sie jede Frau ohne Kopftuch noch an den Haaren über den Boden geschleift. Das können sie jetzt nicht mehr, es sind zu viele – sie können nicht alle verhaften.
 
Zuletzt gab es Meldungen, dass der iranische Staatsanwalt die Sittenpolizei aufgelöst habe. Ist das ein Erfolg oder nur eine Farce des Regimes?
Diese Geschichte mit der Sittenpolizei ist ein klassisches Ablenkungsmanöver der iranischen Propaganda. Die Meldung wurde noch am selben Tag dementiert und sollte wahrscheinlich nur von den angekündigten Streiks in den folgenden Tagen ablenken – mehr als 60 Prozent des Landes sind in Streik gegangen! Aber erstens wurde die „Gashte Ershad“ nicht aufgelöst und zweitens gibt es nicht die EINE Sittenpolizei im Iran, sondern verschiedene Einheiten, die die Einhaltung der Sittenregeln überwachen und die Menschen tyrannisieren. Diese Einheiten gibt es alle noch.
Foto: Atila Vadoc
Foto: Atila Vadoc
Ist ein Ende der Revolution in Sicht?
Es ist ein Marathon und kein Sprint. Die Iraner*innen wissen, dass noch sehr viel Blut vergossen werden wird und die Mullahs das Land nicht leichtfertig aufgeben werden. Aber die Hoffnung ist groß, dass mit dieser Revolution die Wende gelingt.
 
Woher nimmst du persönlich die Kraft?
Ich bin in Österreich geboren, hier ist meine Heimat. Dennoch brennt mein Herz dafür, das Land meiner Vorfahren in Freiheit zu sehen. Epigenetik nennt sich das: Wir haben nie dort gelebt, aber wir spüren die Schmerzen unserer Vorfahren. Mein Traum ist es, dass ich eines Tages mit meiner Familie in den Iran reisen kann. Das wäre jetzt nicht möglich. Schon gar nicht als Journalistin. 

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