„Die konnten sich nicht in Luft auflösen.“

24. April 2015

Der armenische Botschafter Arman Kirakossian über die psychischen Folgen des Völkermords für die Armenier und mutige Türken, die ihre armenischen Mitbürger vor dem Tod retteten.

Von Onur Kas und Christoph Liebentritt (Foto)

Biber: Wie viele Armenier leben in Österreich?

Arman Kirakossian: In Österreich leben etwa 5000-6000 Armenier. Die Diaspora ist hier seit zwei Jahrhunderten ansässig. Die Mehrheit gehört der Armenisch-Apostolischen Kirche an, deren Kirche im dritten Bezirk steht. Ein geringerer Teil gehört der katholischen Mechitaristen an, die eine Kirche im siebten Bezirk aufsuchen. Sie kommen nicht nur aus Armenien sondern auch aus Teilen der Türkei und des Irans und haben in Österreich eine neue Heimat gefunden.

Welche psychischen Folgen hatte der Völkermord für die Armenier?

Für mein Volk stellt der Völkermord eine Tragödie dar. Nach dem Genozid hatte das armenische Volk kaum Gelegenheit diese Geschehnisse zu verarbeiten. Viele Menschen wurden aus ihrer Heimat vertrieben, mussten flüchten und verloren ihr Hab und Gut. Eine Wiedergutmachung blieb aus. Die Folge war, dass mehr Armenier außerhalb ihres Heimatlandes lebten und immer noch leben und diese Ereignisse eine posttraumatische Erfahrung für mein Volk ist.

Armenischer Botschafter, Arman Kirakossian, Genozid, Völkermord, Türkei

Auf der einen Seite bittet die türkische Regierung bei den Armeniern um Verzeihung. Auf der anderen Seite erkennt Sie den Völkermord nicht an. Warum dieser Widerspruch?

Dass die Türkei uns um Verzeihung bittet ist auf jeden Fall ein positives Signal. Die Regierung vermeidet jedoch den Begriff des Genozids und spricht lieber vom „geteilten Leid“, also dass Armenier, Türken und andere christliche Volksgruppen im ersten Weltkrieg gleichermaßen von den Gräueltaten betroffen waren und das lediglich 300.000 Menschen während der Geschehnisse zum Opfer fielen.  Doch schauen wir uns die Fakten an: Vor dem Völkermord lebten auf dem  Gebiet des Osmanischen Reichs etwa 3 Millionen Armenier. Danach lediglich 80.000 in Istanbul. Was geschah mit dem Rest? Die konnten sich nicht einfach in Luft auflösen. Sie wurden enteignet, vertrieben und schließlich getötet. Die Türkei weigert sich das anzuerkennen, weil anschließend die Frage einer Entschädigung gestellt werden würde.

Was erwarten Sie von der türkischen Regierung?

Ich möchte festhalten, dass wir nicht beabsichtigen der türkischen Regierung oder Bevölkerung zu schaden. Während des Völkermords gab es auch auf der Seite der Türken mutige und hilfswillige Bürger, die Armenier vor dem Tod gerettet haben. Was wir wollen, ist letztlich eine allgemeine Anerkennung dieser Geschehnisse als Völkermord und eine Wiedergutmachung für die Hinterbliebenen und Erben der Genozid-Opfer.

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