Entstigmatisierung oder Entwertung?

20. Oktober 2023

 

von Özben Önal

 

Wer regelmäßig die Tiktok App auf dem Handy öffnet, stolpert früher oder später über Videos, in denen es um mentale Gesundheit geht. Die meisten von ihnen sind humorvoll, bringen mich zum Grinsen. Nun sind diese Videos aber nicht mehr nur beschränkt auf lustigen Content, es geht auch um die Sichtbarkeit psychischer Erkrankungen und auf diese aufmerksam zu machen. Dabei zeigen sich junge Menschen offen und sprechen über ihre persönlichen Erfahrungen, in den Kommentaren finden sich Nutzer*innen die sich für die Offenheit bedanken, weil sie sich verstanden und nicht mehr alleine mit ihren Sorgen fühlen. So wird auch zu einer Entstigmatisierung von psychischen Erkrankungen beigetragen. Aber es existiert auch noch eine andere Seite der Medaille – denn es kursieren zusätzlich Videos, in denen vermeintliche Symptome von und Informationen zu Krankheiten wie Angststörungen, Depressionen, ADHS oder Zwangsneurosen, die schlichtweg falsch oder unvollständig sind. Eine kanadische Studie von 2022 untersuchte die 100 beliebtesten Videos zu ADHS und fand heraus, dass 52% dieser Videos irreführend oder falsch waren. Dass ich nicht unbedingt eine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung habe, nur weil ich viel prokrastiniere, ist mir bewusst, auch wenn die POV (steht für „point of view) Videos mich vom Gegenteil überzeugen wollen. Trotzdem gab es eine Zeit in der ich ernsthaft glaubte, es könne ADHS sein, weil mir immer wieder Videos in die Timeline gespült wurden, die vermeintliche Symptome der Krankheit aufzählten, die nahezu alle auf mich zutrafen. Nun ist das erstmal nicht ausgeschlossen, selbstverständlich kann es durchaus möglich sein. Worum es mir geht, ist nur, sich nicht auf eine Selbstdiagnose über Tiktok zu versteifen, vielmehr sollte diese Annahme der Anstoß sein tatsächlich ein*e Psychiater*in aufzusuchen. In dem Fall können sich diese Videos dann sogar als enorm hilfreich erweisen. Aber sich anzuhören was vermeintliche Tiktok-Therapeut*innen erzählen kann keine professionelle Therapie ersetzen, erst recht nicht, wenn es um Erkrankungen geht, die im schlimmsten Fall tödlich sein können, wenn sie nicht behandelt werden.

 

Fragwürdig finde ich bei dem Trend über mentale Erkrankungen zu sprechen auch, dass so inflationär mit Wörtern um sich geworfen wird, die eigentlich nur im Zusammenhang mit einzelnen Erkrankungen genutzt werden. So kann roter Nagellack bereits „triggernd“ für Nutzer*innen sein oder das Überdenken von Situationen einen bereits „delusional“ (englisch für „wahnhaft) machen. Das bewirkt nämlich das genaue Gegenteil von Entstigmatisierung, vielmehr entwertet es die Erfahrung derjenigen, die tatsächlich traumatische Erfahrungen gemacht und in gewissen Situationen von Reizen oder Einflüssen getriggert werden können oder mit Schizophrenie und anderen psychotischen Störungen zu kämpfen haben. Ähnlich verhält es sich zu expliziten Inhalten über die Erfahrung mit sexuellen Übergriffen und anderen Formen von Gewalt. Auch wenn der Algorithmus von Tiktok die Nutzung gewisser Wörter oder Bilder verbietet, gibt es längst Wege sich trotzdem auszutauschen, indem Metaphern bzw. alternative Worte gefunden werden. Zuletzt gab es beispielsweise den „Mascara-Trend, bei dem junge Menschen von früheren problematischen Ex-Partner*innen als Mascara, die sie früher nutzten, erzählten. Dabei ging es auch um Gewalterfahrungen. Mir geht es nicht darum die Sichtbarkeit dieser Themen unterbinden zu wollen, sondern darum, dass diese Inhalte nun mal auch schädlich oder eben triggernd sein können für Personen, die diese Erfahrungen ebenfalls gemacht haben. Und das ist ein Aspekt, der auf gar keinen Fall ignoriert werden sollte.  ●

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