„Pornos in der Gruppe zu schauen ist ein Genuss.“

21. Oktober 2021

Yavuz Kurtulmus
Vom Versicherungskaufmann zum Festivalleiter. Yavuz Kurtulmus weiß, dass das österreichische Publikum anders tickt. Unterschätzt darf es jedoch nicht werden.

Yavuz Kurtulmus hat vor elf Jahren seinen Job als Versicherungskaufmann hingeschmissen und leitet heute unter anderem Österreichs erstes Pornofilmfestival in vierter Auflage. Wieso Migrant und schwul sein nicht immer „Katastrophe“ bedeutet und wie viele Stunden er mit dem Pornoschauen verbringt, erzählt er in einem Porträt.

Von Nada El-Azar, Fotos: Zoe Opratko

„Mir kamen die besten Ideen eigentlich immer im Erotikkino. Manchmal verbrachte ich einen ganzen Tag dort. Ich nahm mir immer etwas zu Schreiben mit, beobachtete die Menschen um mich herum und schaute eben Pornos“, so Yavuz Kurtulmus. Der 41-Jährige ist Kurator, Leiter des Porn Film Festival Vienna und Festivaldirektor des Transition Queer Minorities Film Festival. Er empfängt uns in der Auslage des Schikaneder, es laufen gerade die letzten Vorbereitungen für die Eröffnung der dritten Auflage dieses einzigen Pornofilmfestivals in Österreich. Vor ihm auf dem Tisch stehen Laptop, Handy Notizbuch, ein voller Aschenbecher und ein Glas weißen Spritzers. „Pornos lösten immer etwas in meinem Kopf aus, sie öffnen meinen Geist.“ Eines seiner liebsten Kinos ist das Love Kino in Wien-Meidling. „Es ist ein super altes, super kitschiges Kino. Der Saal ist winzig klein und nur für etwa 20 bis 30 Leute gedacht und an der Bar kann man nette Gespräche mit verschiedenen Menschen führen.“ Wann immer Yavuz Kurtulmus eine Auszeit brauchte, zog es ihn in die Anonymität eines Platzes im abgedunkelten Kinosaal. „Ich bin eben ein Kind der 80er und 90er, ich liebe meine DVDs. Ich habe hunderte davon zuhause.“

Yavuz Kurtulmus
Still sitzen ist nichts für Yavuz. In diesem Jahr muss er gleich zwei Filmfestivals hintereinander über die Bühne bringen.

Positive Narrative von Migranten hervorheben

Trifft man ihn persönlich, versteht man schnell, dass er einen rastlosen Geist hat. Stillsitzen war niemals sein Ding, das gibt er auch offen zu. Nur im Kino scheint er Ruhe zu finden. Viel Grund zum Stillsitzen hat der gebürtige Türke mit mazedonischen Wurzeln momentan aber ohnehin kaum. Da das Porn Film Festival durch den Lockdown von April auf Oktober verschoben wurde, kommt es seinem anderen Projekt, dem Transitions Queer Minorities Film Festival, das im November stattfinden wird, zeitlich sehr nahe. Die Idee für das ein Filmfestival, bei dem sich das Programm um Geflüchtete, Religion, Transpersonen und Migration dreht, kam Yavuz vor fast zehn Jahren. „Ich war bei einem queeren Film Festival und habe mich in den Filmen nicht wiedererkannt. Wann immer es um Minderheiten und Migranten ging, lief alles sehr schnell in Richtung Mord, Zwangsehe, Gewalt, Krisen… die Welt ist aber nicht schwarz und weiß.“ Noch in derselben Nacht fertigte er zuhause gemeinsam mit seinem Partner das Konzept für das Transition-Festival. „Ich wollte Geschichten hervorheben, in denen auch positive Narrative im Vordergrund stehen und realitätsgetreu das Leben von Migranten dargestellt wird, abseits von diesen ewigen Abgründen.“ Das war die Geburtsstunde des Transitions Queer Minorities Film Festival, das seit 2012 stattfindet, und das einzige queere Filmfestival in Europa mit dem Fokus auf Minderheiten ist. „Wenn ich als österreichischer Transmann in einem Tiroler Kaff aufwachse, wird es auch nicht leicht sein. Das Problem der Diskriminierung liegt in der gesamten Gesellschaft.“ Jährlich werden tausende Filme beim Transitions Festival eingereicht, was selbst mit einem großen Team kaum zu bewältigen ist. „Mittlerweile wird sehr viel queerer Film produziert.“ Bei der Zusammenstellung des Programms achten Yavuz Kurtulmus und sein Team aber darauf, gezielt kleinere Produktionsfirmen und weniger bekannte Künstler*innen zu unterstützen.

„Plötzlich saß ich in einer Klasse mit 30 blonden Kindern und verstand kein Wort Deutsch.“

Migrant und schwul sein – das ist in den Ohren vieler eine schwierige Mischung, die nur in einer Katastrophe enden kann. „Ich habe schon immer gewusst, dass ich auf Männer stehe, aber ich habe nie ein großes Tamtam darum gemacht“, erinnert sich der Festivalleiter. Geboren wurde er als eines von insgesamt fünf Kindern 1980 in Sakarya, in der Nähe von Istanbul. Seine Urgroßeltern emigrierten aus Mazedonien in die Türkei. Sein Vater ging zum Arbeiten nach Österreich, und Yavuz‘ Mutter pendelte mal nach Österreich, und, wenn sie schwanger war, zurück in die Türkei. Im Oktober 1987 kam der damals 7-jährige Yavuz nachhause, seine Mutter hatte bereits alle Koffer gepackt. „Sie sagte mir: Komm, steig‘ in den Bus, wir fahren jetzt zu Baba.“ Zwei Tage später traf die Familie am Wiener Südbahnhof an. Der turbulente Umzug und die erste Zeit in Wien hat er noch gut in Erinnerung. „Ich wurde komplett ins kalte Wasser geworfen. Meine Mutter hat mich und meine Geschwister nicht wirklich informiert, dass wir nach Österreich zu meinem Vater kommen würden. Es ist eine klassische Gastarbeitergeschichte“, so der Kurator. Schon am Folgetag nach seiner Ankunft kam er in seine Schule Wien-Meidling. „Plötzlich saß ich in einer Klasse mit 30 blonden Kindern und verstand kein Wort Deutsch. Aber ich lernte die Sprache schnell, denn damals gab es noch wenige Migranten an der Schule.“ Diese Erfahrung des Fremdseins hält Yavuz heute sehr hoch.

Der Yavuz ist immer noch derselbe.

Mit 21 Jahren hatte Yavuz sein „Zwangs-Coming-Out“, wie er es nennt. Sein Vater kam überraschend früher nachhause, während er mit einem Mann zusammen war. „Er hat mich aber weder geschlagen, noch zwangsverheiratet, oder ausgestoßen“, erinnert sich Yavuz. Kurz nach diesem Zwischenfall versammelte er seine ganze Familie und verkündete, dass er schwul sei und ausziehen würde, um niemanden damit zu belästigen oder zu kränken. „Meine Mutter wehrte sich aber dagegen und meinte, dass der Auszug gar nicht nötig sei. Ich sei immer noch ihr Sohn und sie würde mich lieben. Aber fragte mich auch, ob ich nun Aids hätte oder in Frauenkleidung herumlaufen würde“, lacht er und zündet sich eine Zigarette an. „Etwa ein Jahr lang dauerte es, bis alle merkten: Der Yavuz ist noch derselbe.“ Yavuz Geschwister waren ebenfalls sehr offen. „Nur mein ältester Bruder brauchte ein wenig länger, aber heute stehen wirklich alle hinter mir und unterstützen alles, was ich mache. Meine Mutter weint mit mir, wenn ich Liebeskummer habe und, sah sich sogar in der Vergangenheit immer wieder einmal nach netten Jungs für mich um“, grinst er.

Als wir das Gespräch mit Yavuz für die Fotos in den Kinosaal des Schikaneder verlagerten, liegt seine Begeisterung für Filme und Kino schnell auf der Hand. „Ich habe wirklich schöne Erinnerungen an diesen Saal“, sagt er, sieht sich um, er scheint die Energie des Raumes in sich aufzunehmen. Die erste Auflage des Porn Film Festivals stieß noch auf großen Widerstand, die FPÖ wollte sogar eine parlamentarische Anfrage stellen, ob das Festival Gelder von der Stadt bekommen hat. Auch von Publikumsseite gab es Gegenstimmen. Wegen einer geplanten Demo gegen das Festival gab es im ersten Jahr Polizeipräsenz um das Kino. „Es ist aber nichts passiert. Viele dachten sich wohl, hier kämen die Leute zusammen, um die ganze Nacht eine Orgie zu feiern“, so Yavuz. Berlin ist der Vorreiter in Sachen Pornofilmfestivals, bereits seit 2006 finden Festivalreihen samt Preisverleihungen jährlich statt. „Wien ist natürlich anders, viel prüder und konservativer.“ Das prägt vor allem die Arbeit mit Sponsoren. „Viele Kinos in Wien dürfen auch gar keine Pornos zeigen, weil das in den Mietverträgen so verankert ist. Es gibt also eine kleine Auswahl an Orten, die für so ein Festival in Frage kommen.“ Das erste Porn Film Festival wurde durch Ersparnisse aus eigenen Taschen und ein Crowdfunding möglich. „Dass die Stadt solche Veranstaltungen fördert, ist natürlich nicht selbstverständlich, aber natürlich gern gesehen.“

Yavuz Kurtulmus
Die Festivalzentrale beim vierten Porn Film Festival Vienna ist das Schikaneder.

Pornos – mehr als Masturbationsvorlage

Wer Leiter eines Filmfestivals ist, muss auch viele Filme sehen. „Ich verbringe natürlich wahnsinnig viel Zeit damit, mir Pornos anzuschauen“, lacht Yavuz. In der Zeit zur Festivalvorbereitung veranstaltet er deshalb gerne im Team Porno-Schauabende. „Wir bekamen dieses Jahr etwa 300 Einreichungen und wir suchen uns zusätzlich noch selber Filme für das Programm aus. Insgesamt kommen wir also auf etwa 450 Filme auf unserer Liste. 40 Langfilme – das allein sind schon etwa 40 Stunden Sehzeit.“ Obwohl es gerade in Österreich eine große Tradition von Sex- und Erotikkinos gibt, ist die Vorstellung, sich gemeinsam mit anderen Leuten Erotikfilme anzusehen für viele ungewöhnlich. „Wir hatten schon im Filmcasino eine Vorstellung mit 300 Zuseher*innen – ich kann es eigentlich nur empfehlen mit so vielen Menschen Pornos zu sehen. Es ist ein Genuss und ein völlig anderes Erlebnis. Wir hatten 65-jährige Damen, die ganz erheitert aus dem Saal gingen, oder auch Paare, die nachhause gegangen sind und etwas Neues ausprobiert haben. Genau das ist es, was wir erreichen wollen.“

Pornos sind viel mehr als Masturbationsvorlagen – sie sind stets ein Spiegel des Weltgeschehens. Narrative aus Filmen und Serien, wie etwa Game of Thrones, lassen sich in Pornografie genauso wiederfinden wie Präsidentenaffären, die Flüchtlingskrise oder nostalgische Artefakte aus unserer Kindheit. Auch die Corona-Pandemie hat ihre Spuren im Kanon hinterlassen. „Quarantäne-Pornos“, in denen die Darsteller Mund-Nasen-Schutz tragen oder sich verbotenerweise Orgien hingeben. „Die Trends gingen seit 2020 auch in Richtung Telefonsex, Cam-Sex und Selbstbefriedigung.“ Masturbationsvideos sind deshalb beim diesjährigen Porn Film Festival in den Fokus gerückt. „Das ist gut, weil die Menschen in der Isolation wohl endlich mal Zeit hatten, sich mit sich selbst und dem eigenen Körper zu beschäftigen“, erklärt Yavuz.

„Als Kind wollte ich auf dem roten Teppich laufen.“

In seinem früheren Leben war Yavuz in der Versicherungs- und Finanzbranche tätig. Bereits bei dieser Arbeit kam er mit den brennenden Themen der LGBTQI-Community in Kontakt. Nach Beschwerden bei seiner Firma öffnete diese als erste überhaupt die Angebote von Unfall-und Lebensversicherungen für Homosexuelle. „Familie heißt ja bei Versicherungen immer: Mann und Frau, Kinder. Homosexuelle Paare wurden lange nicht so gehandhabt. Man stelle sich vor, dein Partner liegt im Krankenhaus und man kann nichts unternehmen, keine Entscheidungen treffen, nur weil man homosexuell ist.“  Zehn Jahre lang trug Yavuz einen Anzug im Büro und verkaufte Versicherungen, führte Beratungen auch auf Türkisch durch. Er war ein Topverkäufer und hörte an der Spitze seiner Karriere auf.“ Eines Tages im Jahr 2009 schmiss der gelernte Versicherungskaufmann seinen Job hin. „Ich konnte einfach nicht mehr. Nach einer Clubnacht ging ich mehr oder weniger direkt zu meinem Chef und kündigte.“ Danach verbrachte er zwei Jahre auf einer Selbstfindungsreise. „Vielleicht lag es an meinem queeren Background, aber mich faszinierte schon als Kind diese Filmwelt mit Preisverleihungen, Glamour und Lichtern. Mein Traum war es immer, auf dem roten Teppich zu laufen“, lacht er. Sein Händchen mit Finanzen, Talent für Organisation und seine Liebe für Filme vereint er nun als Kurator von Filmfestivals. Kritik an seiner Arbeit kommt aber nicht selten aus seiner eigenen Community. „Viele werfen die Frage auf: Warum sollte es ein schwul-lesbisches Migranten-Filmfestival geben, wenn es schon so viele andere gibt. Nein, wir wollen unsere Geschichten erzählen und nicht in einen anderen Topf mit hineingeworfen werden. Mir ist die Möglichkeit wichtig, einen safe space für uns zu schaffen und unsere Geschichten nicht von anderen erzählen zu lassen“, so Yavuz.

Yavuz Kurtulmus
Migrant + schwul = Katastrophe? Yavuz räumt mit solchen Vorurteilen auf.

 

Festival-Tipp:

Das Transitions Queer Minorities Film Festival findet vom 17. - 21. November 2021 im Schikaneder statt. Informationen findet man unter: www.transitionqueerfilmfestival.at

 

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