"Warum machst du den Film nicht einfach selber?" Filmemacherin Ana Bilić im Interview

24. April 2023

Wie schafft man es, in Österreich mit wenig Budget einen Kinofilm zu drehen? Was muss man dabei alles beachten? Und vor allem: Wie macht man den ersten Schritt?  Die Filmbranche in Österreich kann für allem für freischaffende Künster/innen und Filmemacher/innen eine Herausforderung sein. Die kroatischstämmige Regisseurin und Filmemacherin Ana Bilić erzählt über ihr Independent-Film-Debut "Wenn die Heidelerche singt" und verrät euch, wie man ein Filmprojekt von A-Z plant. Spoiler: Das Drehbuch ist das A und O. 

Foto: Danilo Wimmer
Foto: Danilo Wimmer

BIBER:Ana, „Wenn die Heidelerche singt“ feiert am 4. Mai seine offizielle Kino-Premiere – wie lange habt ihr an dem Projekt gearbeitet und wie fühlt es sich jetzt an, im Endspurt zu stehen? Gibt es noch viele Vorbereitungen?

Ana Bilić: Unsere Produktion hat vier Jahre gedauert – wir haben eine relativ kurze Zeit mit Dreharbeiten verbracht und waren mit einer längeren Postproduktion befasst. Man muss noch die Arbeit am Drehbuch dazuzählen - das waren weitere zwei Jahre. Eine anspruchsvolle, intensive und erkenntnisreiche Herausforderung – der Film eben. Nach der Kinopremiere im Stadtkino Wien gibt es weitere Vorstellungen in CineCenter im Ersten Bezirk und es sind weitere Kinovorführungen in Österreich geplant.

Der Film hat ja bei mehreren Festivals Preise gewonnen – wie war die Resonanz bisher?

Das Publikum war vorerst sehr überrascht und dann auch völlig begeistert von so einer großen Anzahl internationaler Filmfestivalpreise. In den sozialen Medien waren die Reaktionen lobend, hoch schätzend und äußerst positiv. Andererseits haben die größeren Filmfestivals in Österreich kein Interesse daran, unseren Film zu zeigen. Ebenfalls gab es kein Interesse seitens Stadt Wien unseren Film finanziell zum Kinostart zu unterstützen, was sehr schade ist.

Der Film beginnt damit, dass dein Protagonist im Wald aufwacht und nicht ganz weiß, wie er dahin gekommen ist. Er trifft dann auf eine junge Frau, die ebenfalls Gedächtnisprobleme hat – was passiert danach? Ist dieses abstrakte Gedächtnis-Thema etwas, das dich allgemein beschäftigt hat? Warum?

Für mich ist das Thema Kraft der Erinnerung und das Verhältnis zur Vergangenheit eine Tatsache, die die (Selbst)Bestimmung eines Menschen formt. Die Vergangenheit und die Lebenserfahrung stehen auf dem Weg zum Glücklichsein, um im Jetzt und Hier zu leben – sorgenfrei und erfüllt. Meine Protagonist/innen haben damit ein Problem aus (anscheinend) verschiedenen Gründen – ein Gedächtnisproblem, das ihnen helfen soll, die Realität wegzudenken. Ein großartiges Filmthema.

Wer sollte „Wenn die Heidelerche singt“ unbedingt sehen? An welches Publikum richtet sich der Film?

Unser Film richtet sich an alle Freund/innen, Liebhaber/innen und Filmbesessene des guten Films – von Spannende-Drama-Fans, Schwarz-Weiß-Filme Anhänger/innen, Arthouse-Verehrer/innen, Liebessachen-Verzückten bis David-Lynch-Begeisterten, Mystery-Touch-Film-Publikum und alle, die sich immer an etwas Neuem im Film erfreuen. 

Wie bist du auf die Idee gekommen, diesen Film zu machen? Was hat den Anstoß gegeben?

Als mein Drehbuch 2018 von den Förderstellen Bundeskanzleramt und Literar Mechana als förderunwürdig abgelehnt und damit meine Chance einen Filmproduzenten zu finden drastisch verringert wurde, hat mir ein guter Freund eine Frage gestellt, die für ihn logisch war, für mich aber eine Offenbarung: „Ana, warum machst du dann den Film nicht selber?“ Er hat mir den fehlenden Mut zugesprochen und ich habe es gewagt, ein so großes Projekt anzufangen.

Wie steht es um die Szene in Österreich, was Independent-Filme angeht? Gibt es genug Raum dafür? Genug Platz im öffentlichen Raum, oder findest du, ist es eher ein Nischen-Ding?

Der Begriff Independent-Film ist in den 1970-ern Jahren in den USA entstanden und bezeichnete alle Filme, die nicht als Hollywood-Studio-Filme produziert wurden. Diesen Ausdruck verwendet man noch immer in gleicher Bedeutung – was kein Hollywood-Blockbuster mit einem großen Budget ist, ist ein Independent-Film. Heutzutage sind Independent-Filme generell reichlich staatlich finanziell gefördert. In Österreich ist Independent-Film als Autorenfilm sehr populär – jede/r Filmemacher/in möchte eine künstlerische Spur hinterlassen und die Filmkunst beeinflussen. Unser Film, der aber keine finanzielle Hilfe und gleichzeitig eine so große internationale Beachtung erhalten hat – das ist ein Novum in Österreich und für so ein Projekt muss man erst ein öffentliches und fachliches Verständnis ergattern. 

Wie habt ihr das Budget für den Film finanziert und was waren die schwierigsten Momente während des Projekts?

Das Nötigste haben wir – Danilo Wimmer und ich - selber finanziert, den großen Rest haben wir auch selber gemacht. Alle Cast- und Crewmitglieder haben dafür Verständnis, waren vom Projekt begeistert und haben auch geholfen, wo sie es konnten: mit dem Filmequipment, den Drehlocations und ihrem persönlichen Einsatz. Einen herzlichen großen Dank von mir geht an jede/n einzelnen! - Das Schwierigste während der Produktion war für mich, als ich während der Dreharbeiten im Wald zwei Mal an Borreliose erkrankt bin als Folge eines Zeckenbisses.

Wie viele Menschen waren an dem Projekt beteiligt?

Das ganze Filmteam zählt 24 Mitglieder: 16 Schauspieler/innen und 8 Filmstabmitglieder. Für viele von ihnen war der Film ihr Debüt und sie haben ihre Aufgabe sehr gut gemeistert.

Hast du Tipps für freischaffende Künstler/innen in Österreich, die Filmprojekte starten wollen, aber nicht ganz wissen, wie sie das am besten angehen?

Als Filmemacherin kann ich wärmstens empfehlen, sich vorerst gründlich mit dem Drehbuch auseinanderzusetzen. Oder mit einem berühmten Zitat einfacher zu sagen: „Um einen großartigen Film zu machen, brauchst du drei Dinge - das Drehbuch, das Drehbuch und das Drehbuch."

Planst du in Zukunft auch andere Filmprojekte?

Natürlich, ich arbeite an weiteren Drehbüchern. Denn viele Filmemacher/innen würden sicher meine Meinung teilen: Filmemachen ist wie eine Art Droge – wenn du einmal damit anfängst, ist es schwierig aufzuhören.

 

"Wenn die Heidelerche singt" feiert am 4. Mai im Stadtkino die offizielle Premiere, mehr Infos findet ihr hier:

Wenn die Heidelerche singt
Wenn die Heidelerche singt

 

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