Wien - Sofia- Express

29. Mai 2009

Meine letzte Reise mit dem alten Reisebus endete mit dem Weinen von Viktors Geige. Da, auf dieser nebeligen Straße, bei Sonnenaufgang, befahl der Polizist an der Grenze: „Spielen Sie!“ Und Viktor spielte. Als er aufhörte, schwiegen alle.

Von Todor Ovtcharov

 

 

 

Was geschah, war einfach. Da stand ein klapperiger, alter Reisebus, Marke Mercedes, auf dieser wenig befahrenen Straße. Es war knapp nach Sonnenaufgang, aber gleichzeitig lag flacher Nebel über der Ebene. Ein Bild aus einem Fellini-Film. Oder einem Kusturica-Film. Nur das die Situation, die sich zu entwickeln begann, keine Filmszene war. Dieser Bus war echt und hatte es aus dem fernen Sofia bis hierher, knapp hinter die österreichische Grenze zu Ungarn, geschafft. Und ich saß in diesem Bus als die Grenzpolizei, die es nach wie vor gibt, entschied, den Bus anzuhalten und zu perlustrieren. Alle Passagiere mussten aussteigen, alle Gepäckstücke mussten ausgeladen werden.

Musiker Viktor
Und unter diesen vielen Koffern, Rucksäcken, Plastiksäcken, Kanistern, 30-kg-Käsedosen und zusammengeschnürten Tuchenten – war auch ein Geigenkasten. Der Geigenkasten und die Geige darin gehörten meinem Sitznachbarn im Bus. Viktor war ein junger Musiker auf dem Weg nach Wien, um hier im Konservatorium vorzuspielen. Als die zwei Grenzpolizisten den Geigenkasten fanden, war in ihren Gesichtern deutlich zu lesen, was sie gerade dachten: Ein Zigeuner auf dem Weg zu seinem Arbeitsplatz im Wiener U-Bahn-System.

Also sagte der Polizist: „Wem gehört die Geige?“
Viktor sagte: „Mir ... das ist meine!“
Dann sagte der Polizist: „Spielen Sie!“

Wie gesagt: Alles sehr filmisch. Einsame Straße, Sonnenaufgang, Nebel, Menschen vor einem Bus, Uniformierte, Befehle bellend.

Wien-Sofia-Express
Das kann man eben nur „on the road“ erleben. Im Bus von Wien nach Sofia. Oder in der umgekehrten Richtung.

Ich fahre sehr oft mit diesem Bus und erlebe oft Begegnungen mit Menschen, die, wie ich, aus dem einen oder anderen Grund, diesen Bus zwischen Wien und Sofia benutzen. Hier kommt man, zahlt und steigt ein ...

Roma Maria
Die Sitze in diesen alten (meist) Mercedes- oder (manchmal) Setra-Reisebussen meiner Elterngeneration haben oft erhebliche Abnützungserscheinungen. Das hält wach. Oder Sitznachbarn, die nichts wachhalten kann und die viele Stunden auf meinen Knien liegen. Wie Maria, eine etwas dickliche Roma auf dem Weg nach Wien. Maria ist eine Witwe und kommt aus der Kleinstadt Ihtiman.

Nachdem ihr Mann verstarb, übergab Maria das gemeinsame Lebensmittelgeschäft den beiden Söhnen – und machte sich auf die Suche nach einem neuen Mann. Den fand sie auch bald über eine Partneragentur. Robert arbeitet auf einer Tankstelle in Wien. Maria ließ sich Robert's Briefe übersetzen, sah sein Bild und verliebte sich unsterblich.

Sie sagte zu mir: „Er ist so anders als die Männer in Ihtiman! Er ist ein Gentleman! Und nie zuvor sah ich so schöne Zähne und so eine weiße Haut ...“

Herr Georgiev und Herr Klimt
Eine andere Reise im Wien-Sofia-Express ließ mich auf Herrn Georgiev, den Kunstlehrer, treffen. Herr Georgiev stammte aus einer kleinen bulgarischen Schulstadt und war mit seiner Klasse unterwegs nach Wien. Herr Georgievs Schüler taten was alle losgelassenen Teenager tun, wenn die Eltern erst mal 700 km weit weg sind: sie tobten im Bus und erfreuten sich des Losgelassenseins und der enormen Entfernung von den Eltern.

Herr Georgiev aber, war aufgeregt! Nicht wegen seiner hirnlosen Schülerhorde. Herr Georgiev war aufgeregt, wegen Herrn Klimt! Der kleine Kunstlehrer aus der bulgarischen Provinz erfüllte sich mit dieser klapperigen Reise einen Wunschtraum: Auf Armlänge vor dem Werk des großen Herrn Klimt zu stehen.

Viktors Geige
Meine letzte Reise endete mit dem Weinen von Viktors Geige. Da, auf dieser nebeligen Straße, bei Sonnenaufgang, befahl der Polizist: „Spielen Sie!“

Und Viktor spielte. Ich weiß nicht, was er spielte. Als er aufhörte, schwiegen alle. Die Passagiere, die Fahrer, die Polizisten. Die Straße schwieg, die Vögel schwiegen, die Felder schwiegen. Kein Windhauch. Der Nebel hob sich, ganz langsam, und Aurora die Rosenfingrige griff durch die Schwaden nach unseren Herzen.

Ich bin mir sicher, dass man Viktors Geige nie in einer U-Bahn in Wien hören wird.

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