„Wir haben seit 18.3. 2020 jede Schulstunde gestreamt.“

04. Juni 2021

Matthias Roland ist Leiter der Maturaschule Dr. Roland. Der Magister in Rechtswissenschaften über die fehlende Fantasie in der Bildungspolitik, schnelles Internet und Streaming aus dem Klassenzimmer.
Text: Naz Kücüktekin, Foto: Helena Wimmer

BIBER: Wenn Sie sich an den ersten Lockdown im März 2020 zurückerinnern: Wie hat Ihre Schule auf die nie zuvor da gewesene Situation reagiert?
MATTHIAS ROLAND: Wir haben die Auswirkungen der Pandemie natürlich nicht voraussehen können. Wir haben am Wochenende, als die Schulschließungen bekannt gegeben wurden, ein System über Moodle aufgesetzt. Montag und Dienstag wurde das Lehrpersonal – teilweise schon per Videokonferenz – eingeschult. Ab Mittwoch, den 18. März 2020, zwei Tage nach Beginn des ersten Lockdowns, haben wir mit dem Onlineunterricht begonnen. Seither wurde jede einzelne Unterrichtsstunde bei Dr. Roland online gestreamt. Wir haben am Anfang der Pandemie dafür in eine neue Standleitung für ein schnelleres Internet investiert.

Credit: Helena Wimmer
Credit: Helena Wimmer

Wer ist er?
Name: Matthias Roland
Alter: 50
Beruf: Schulleiter
Besonderes: Teilt sich sein Büro mit drei Leopardengeckos namens Picasso, Van Gogh und Monet.

Wie ist das bei den SchülerInnen angekommen?
Bei 95 Prozent der SchülerInnen unglaublich positiv. Natürlich hat nicht alles von Anfang an perfekt funktioniert. Für uns als private Schule gab es nie klare Weisungen, wie wir zu agieren hätten. Ich habe mich mehrfach an das Bildungsministerium gewandt, da kam aber immer nur stilles Schweigen zurück. Ich würde sagen, dass es alles in allem gut funktioniert hat.

Das war nicht in allen Schulen so.
Ich glaube, in Bezug auf öffentliche Schulen lässt sich sagen: Auch da gibt es großartige Institutionen, mit super Mitarbeitern. Und da, wo es vorher schon gut funktioniert hat, hat es während der Pandemie genauso funktioniert. Unser System ist ganz anders aufgebaut. Die Schüler kommen freiwillig zu uns. Wir bereiten uns zusammen auf gemeinsame Ziele vor. „Dr. Roland“ ist ein Dienstleistungsunternehmen, das sich keine Ruhepausen erlauben kann.

Welche Lehren haben Sie aus der Pandemie in Bezug auf Ihre Arbeit gezogen?
Für einen qualitativ hochwertigen Unterricht, egal ob online oder direkt, braucht es Menschen. Das Lernen komplett zu verselbstständigen, wird niemals funktionieren, auch wenn manche Methoden ihre Vorteile haben, weil sie etwa Barrieren aufheben. Wovor ich Angst habe, sind die psychischen Folgen der Pandemie für junge Menschen. Im Bereich der sozialen Einsamkeit vermisse ich von der Politik jeglichen Einsatz, irgendeine Lösung zu finden, damit junge Menschen sich begegnen können. Es hätte bestimmt Möglichkeiten gegeben, leerstehende Sportplätze oder Parks zu nutzen. Auch hätte man sich einen Schichtbetrieb in kleinen Gruppen überlegen können, mit Unterricht am Vormittag, Nachmittag und Abend. Ein Großteil der Lehrer und Eltern hätte sicher dabei mitgemacht. Es hätte nur mehr Fantasie gebraucht.

Credit: Helena Wimmer
Credit: Helena Wimmer

Was waren für Sie die größten Herausforderungen in der Krise?
Man hat in der Krisenzeit viele schwierige Entscheidungen treffen müssen, oft auch proaktiv, weil die Verordnungen erst viel später kamen. Finanziell war es ebenfalls eine Herausforderung, da unsere Anzahl an neuen Schülern gesunken ist. Aber wir leben dennoch und sind sehr privilegiert, den Betrieb auch während der Krise weiterführen zu können.

Seit 26. April ist regulärer Unterricht wieder möglich. Wie läuft es bis jetzt?
Wir haben für die Phase nach dem offiziellen Lockdown ein Programm wieder aufleben lassen, dass sich letztes Jahr schon bewährt hatte. Wir bieten unseren SchülerInnen die Möglichkeit, an allen fünf Wochentagen in den Unterricht zu kommen – natürlich nur, wenn sie wollen. Jene, die Angst haben, am Unterricht teilzunehmen, weil sie vielleicht mit einem Risikopatienten in einem Haushalt leben, können am selben Unterricht online teilnehmen. Wir streamen dafür die Unterrichtstafel aus den Klassen und übertragen die Stimme der Lehrkraft.

Wie viele SchülerInnen nehmen am direkten Unterricht teil?
Im Bereich der AHS-Matura sind es 25 bis 30 Prozent. Im Bereich der Berufsreifeprüfung sind es knapp über 50 Prozent, die am Präsenzunterricht teilnehmen. Dort kann das Schulziel, die Matura, schon nach einem Jahr erreicht werden. Dementsprechend ist jede Unterrichtsstunde wichtig.

Credit: Helena Wimmer
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