„AMS? Nur über meine Leiche!“ Warum meine Migra-Eltern zu stolz für den Sozialstaat Österreich sind

04. Oktober 2023

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Tana Badic ist Stipendiatin der biber Akademie. (C) Zoe Opratko

In 20 Jahren Dienst kein einziges Mal in Krankenstand gehen, bloß in keinem AMS-Register auftauchen, lieber hadern als Mindestsicherung beantragen: Viele Migra-Eltern wollen nicht in die „Fauler Sozialschmarotzer“-Schublade gesteckt werden, vor allem nicht in einem Sozialstaat wie Österreich. Sie legen sich somit selbst Steine in Weg.

Von Tana Badić

Und da sind sie schon wieder, die genervten Blicke, die mein Bruder und ich uns jedes Mal zuschieben, wenn unsere Mutter wieder mal einen Monolog hält: „Warum sitzt jeder lieber beim AMS, als arbeiten zu gehen? Warum leben alle von Sozialhilfe? Und wieso lässt jeder sich beim ersten Niesen sofort krankschreiben?“

Alle faul, alles Ausnutzer, jeder mit einem durchdachten Plan, die Angebote an Sozialhilfen des Staates mit möglichst wenig Aufwand zu seinem Vorteil zu nutzen. Laut Mamas Analyse sprechen wir hier, ja, ihr habt es erraten, von uns Ausländern.

Mein Vater geht noch einen Schritt weiter. In seinem gebrochenen Deutsch verkündet er stolz: „Mein Name wird niemals in irgendeinem Register vom AMS zu finden sein, nur über meine Leiche!“

Meine Eltern, beide Migranten aus Ex-Jugoslawien, haben einen starken Drang, sich von den stereotypischen Gruppen der Sozialhilfebezieher und AMS-Gänger zu unterscheiden.

Mit Fieber in die Arbeit und der AMS-Versager

Der Drang ist so stark, dass meine Mutter, die seit 30 Jahren Krankenschwester ist, alles in ihrer Macht Stehende tut, um nicht in diese Schublade gesteckt zu werden. Sie fährt mit 38 Grad Fieber zur Arbeit, denn „man kann sich ja einfach ein Paracetamol reinhauen.“ Und statt eine Kur wegen der gerissenen Sehne in der Schulter zu beantragen, geht sie auch lieber mit messerstechenden Schmerzen und gefühlt einem Kilo Schmerztabletten intus Infusionen aufhängen und kranke Menschen betreuen. Ums Geldverdienen geht es hier gar nicht mehr. Wäre dies der Fall, würde meine Mutter bei den Lohnsteuerausgleichen nicht jedes Jahr die ganzen geldbringenden kleinen Kästchen wie „Alleinverdienerin“ und „Alleinerzieherin“ auslassen. Die hinterfragenden Blicke meines Bruders und mir werden dabei anschließend nur mit einer kleinen, fuchtelnden Handbewegung und einem halblauten Seufzer abgewunken.

Mein Vater hat trotz schwieriger Lebenslage dieselbe Einstellung. Er kämpft und bringt sich lieber allein über die Runden, statt Mindestsicherung zu beantragen. Mit belächelnden und sarkastischen Kommentaren werden schließlich auch unsere Versuche, ihn zum AMS zu schleppen, abgeschmettert. Und auch wir Kinder sind um diese Lebensweise nicht drumherum gekommen. Auch uns wurde sie langsam über die Jahre ins Gehirn gepflanzt. So wollte mein Bruder selbst als geringverdienender, allein lebender Student weder Studienbeihilfe noch eine Mietsenkung beantragen. Und als er dann einmal 3 Monate wirklich beim AMS verbringen musste, fühlte er sich wie der größte Versager.
Aber woher kommt diese verkrampfte Ablehnung von Sozialleistungen, die Abneigung gegenüber dem AMS und der absurde Stolz, wenn man sagt, dass man seit 20 Jahren Dienst nicht ein Mal im Krankenstand gewesen war?

Österreich ist ein Sozialstaat und es sollte normal sein, dass Einkommensschwächere und Betroffene auf die Hilfe des Staates zugreifen können. Somit verstehe ich das große Stigma in meiner Familie gegenüber Menschen, die diese Hilfeleistungen und Grundbedürfnisse annehmen, nicht. In den Augen meiner Eltern stellen aber nicht die Menschen ein Problem dar, die die Hilfeleistung beantragen, wenn sie sie wirklich brauchen. Meine Eltern glauben daran, dass es zu viele Menschen gibt, die den Staat über diese Hilfeleistungen ausnutzen. Es wiederholen sich die ewigen Geschichten von Ausländern, die von Kinderbeihilfen und Sozialleistungen leben würden; Geschichten von Eltern, die sich scheiden ließen, um höhere finanzielle Unterstützungen zu bekommen; und Geschichten von Familien, die sich für fünf verschiedene Gemeindewohnungen anmeldeten und diese dann unbefugt vermieten würden. Solche Geschichten, ob wahr oder frei erfunden, verunsichern sie. Sie verunsichern eine Generation von Menschen, die ihr Heimatland, in dem sie ein erfolgreiches und finanziell sicheres Leben hatten, verlassen mussten, um dann in Österreich von solchen Geschichten gebrandmarkt zu werden, ohne dass sie irgendwas davon selbst gemacht hatten.

„Die Teilzeit-Putzfrau hat ein besseres Leben.“

Als Konsequenz entwickelt sich ein gewisser Frust über die eigene Situation, über Kolleg:innen, Bekannte, damalige und jetzige Landsleute. Denn für meine Eltern würden zu viele dieser Menschen nicht nach ihrer anständigen Überzeugung leben und teilweise mit weniger Aufwand ein besseres und vor allem leichteres Leben führen. Ganz nach dem Motto: Die Teilzeitputzfrau mit fünf Kindern komme mit „ihrer ganzen Kinderbeihilfe, mit Kindergeld, der Unterstützung als Alleinverdienerin und mit Alimenten“ auf ein besseres monatliches Gehalt als meine Mutter, die mit fast 60 Jahren noch immer bis zu sechs Nachtschichten im Monat schiebt und 60 Stundenwochen arbeitet. Ich glaube, das ist der wahre Grund für die Gedankenstrukturen meiner Eltern. Denn ironischerweise sind beide starke Verfechter von Gerechtigkeit, Chancengleichheit und sozialer Hilfe, nur wollen sie selbst diese Hilfe nicht annehmen. Es überwiegt das ständige Gefühl, dass man sich selbst, aber auch der Gesellschaft beweisen muss, dass man nicht der ausländische Sozialschmarotzer ist. Sie versuchen stattdessen in der Öffentlichkeit, sei es bei Freund:innen, der Familie oder beim Elternabend lieber als gute, integrierte und fleißige Bürger, die ihr Leben für die Arbeit, also auch für die neue Heimat Österreich, geben. Auch wenn das bedeutet, dass man damit seine Gesundheit, seinen Wohlstand und seine Lebensweise vernachlässigt. Denn danken tut einem keiner dafür. Nicht der Staat, nicht die Gesellschaft und schon gar nicht dankt man sich am Ende selbst.

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Kommentare

 

Es geht bei nahezu allen Migranten die nach Österreich einreisen nicht um einen Anspruch auf politisches Asyl, sondern um wirtschaftliche Motive. Da allerdings seit Jahren geltendes Recht ignoriert wird, verbleiben wiederum nahezu alle diese Personen im Land. Jedes Jahr wandert so eine mittelgrosse Stadt in die Sozialsysteme ein. Das dies nicht tragfähig ist, dürfte leicht nachvollziehbar sein.

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