„Bruder, Frauen sind gefährlich.“ eine Ode an den Straßenfeminismus

23. April 2021

ola_autorinnenbild_insta.png

Foto: Zoe Opratko
Foto: Zoe Opratko

Die einen Männer meinen, den Feminismus durchgespielt zu haben, weil sie brav mit Sternchen gendern und hochintellektuelle Debatten darüber führen. Und dann gibt es jene, die sich niemals als Feminist bezeichnen würden, aber ihn im Grunde einfach leben, ohne groß darüber zu reden. Auch wenn es dann heißt: „Ich, ein Feminist? Bruder, niemals.“ 

 

 

Er? Ein Feminist? Also bitte, klar doch! Der moderne Mann von heute hat sich gefälligst als Feminist zu bezeichnen, das schickt sich in Bobo-Kreisen heutzutage. Er trägt ein T-Shirt mit „The Future is Female“-Schriftzug, empfiehlt dir feministische Literatur aus 1890, und hat mehr Ahnung von Gleichberechtigungs-Debatten, als es eine Frau je haben wird – er muss sich ja auskennen, immerhin war das Gender-Seminar im ersten Semester nicht umsonst. Er spricht sich lauthals für Quoten aus, hat in seiner Instagram-Bio (he/him) stehen, gendert brav mit Sternchen, Begriffe wie FLINTA* gehören zu seinem selbstverständlichen Vokabular – damit ist die Arbeit doch getan, denkt er. Emanzipation heißt dann nämlich für ihn auch, dass eine Frau auch gern ihre IKEA-Kisten sechs Stockwerke alleine hinauftragen kann und nachts alleine nach Hause zu gehen, sollte doch auch kein Problem sein. „Hier habt ihr eure Gleichberechtigung“, lacht er sich ins Fäustchen. Wenn er von Frauen erzählt bekommt, dass jene im am Heimweg oder im Club von einem fremden Mann belästigt wurden, schüttelt sie den Kopf. „Schlimm sowas. Aber bist du dir sicher, dass du nicht übertreibst? Es kann doch nicht wirklich solche Männer geben? Der hat das sicher nicht so gemeint“. Er muss es wissen. Aber bitte – Er ist ja kein Macho, der nach veralteten Rollenbildern lebt. Die Wahrheit ist: Wir leben in einem Patriarchat. Das wissen wir alle. Und natürlich sind jene hochgestochenen Debatten, die ich hier so zynisch darstelle, wichtig und richtig. Ohne jene wären wir heute nicht da, wo wir sind. Aber bitte beginnt doch nochmal weiter unten. Im Alltag, beim Hausverstand – und nicht da, wo untereinander in einer Bubble diskutiert wird, aber privat etwas ganz Anderes gelebt wird. Die Idealvorstellung wäre natürlich, wenn das eine das andere nicht ausschließen würde. Ihr seid beides? Wunderbar. Aber dann zeigt es auch, anstatt nur darüber zu reden.

„Flinta? Finta? Was soll das schon wieder sein?  Ich kenn nur Fanta.“

Er? Ein Feminist? „Bruder, niemals.“ Er kann mit dem Begriff Feminismus an sich nicht viel anfangen. Er hat Simone de Beauvoirs „Das andere Geschlecht“ nicht in der französischen Originalfassung gelesen, hat keine Feminismus-Seminare besucht und bei gendergerechten Begriffen steigt er aus. „Flinta? Finta? Was soll das schon wieder sein?  Ich kenn nur Fanta.“ Sein Standard-Satz ist eher „Bruder, Frauen sind gefährlich.“ Danke an dieser Stelle für den Respekt. In der Theorie verzieht er das Gesicht, in Wahrheit lebt er den Feminismus oft mehr als die oben beschriebene Image-Spezies. Er weiß, dass er sich weniger dabei abrackert als du, wenn du besagte sechs Stöcke ein Bett hinauftragen musst. Ihm ist bewusst, dass es als Frau nachts nicht unbedingt prickelnd ist, alleine nachhause zu laufen. Er weiß sehr wohl, dass du nicht übertreibst, wenn du ihm grausige Belästigungs-Vorfälle erzählst. Er hat keine Angst davor , hinter dir zu stehen, wenn es hart auf hart kommt. Weil er es aus seinen eigenen Reihen kennt? Mag sein. Manche mögen es Ehrenkodex nennen, ich nenne es Hausverstand. Und damit meine ich nicht diese „Frauen sind wie Diamanten/Perlen/insert beliebigen Edelstein“-Mentalität. Denn das zieht dann wieder am Thema vorbei. Es geht nicht darum, Frauen auf irgendein Podest zu stellen. Wir sind keine Diamanten, wenn dann sind wir gefährlich, gell? Und bitte, das hier ist keine Lobeshymne an den Prototyp des Macho-Migra-Mannes. Die brauchen wir genauso wenig wie die allwissenden Image-Feministen. Bitte ruhig bleiben, biber darf das schreiben. Klar gibt es in beiden Reihen krasse strukturelle Probleme, das will und werde ich niemals verleugnen. Toxische Maskulinität ist und bleibt ein Ding – das hat jeder Mann irgendwo internalisiert. Mit dem Unterschied, dass die einen es verleugnen und die anderen das Beste daraus machen. Jene Männer, die einfach tun, anstatt zu labern. Aber er? Ein Feminist? „Bruder, niemals.“ 

Blogkategorie: 

Das könnte dich auch interessieren

Anmelden & Mitreden

7 + 0 =
Bitte löse die Rechnung