Call me by my name

11. Februar 2020

Alma Zadic, Hasan Minhaj, Mai Thi Nguyen-Kim. Namen von Menschen mit Migrationshintergrund werden dauerhaft falsch ausgesprochen. Um es der Mehrheitsgesellschaft einfach zu machen, deutschen manche sogar ihre Namen ein.

Name Identität Menschen mit Migrationshintergrund

Elena Ba… Bava… Ach Lars, mir bricht es glatt das Herz, wie oft du ansetzen musst. Er will, dass ich es ihm abnehme. Er will, dass ich es ihm einfach mache. Aber ich schaue ihm lieber vergnügt dabei zu, wie er Silbe für Silbe über meinen Nachnamen stolpert. „Du schaffst das, Lars. Du hast deinen Abschluss geschafft und das schaffst du jetzt auch“, feuert ihn eine Stimme in meinem Kopf an. Ermutigend nicke ich Lars zu. Ich sehe wie sich Schweißtropfen auf seiner Stirn bilden.

Es tut dann doch jedes Mal etwas weh, wenn eine Person zeigt, dass ihr mein Name besonders fremd ist. Die Konsequenz daraus lautet nämlich, dass ich fremd bin. Denn diese harmlose Situation mit Lars ist verwoben in einem mir bekannten Geflecht von Belustigung und Diskriminierung.

Lars ein wenig schwitzen zu lassen, hat nicht mit Boshaftigkeit zu tun. Es ist allerdings ein minimaler Wandel von Machtverhältnissen, der sich hier ergibt. Nicht mehr bin ich die Person, die sich für ihren Namen und damit ihr Sein schämt, sondern die andere Person schämt sich für ihre Unwissenheit. Ein Wandel, den Menschen mit Migrationshintergrund an solchen Stellen einfordern sollten: Das System ändert sich nur langsam und beschwerlich. Der Wandel fängt repräsentativ bei Lars an, geht weiter zur Vermieterin, die sich weigert, Menschen mit Migrationshintergrund eine Wohnung zu vermieten, und hört (in meinem Fall) beim US-Einreiseverbot wegen meiner iranischen Staatsbürgerschaft auf.

Ein Gruß an Annegret Kramp-Karenbauer

Für diejenigen, die aufgrund ihrer Identität diskriminiert werden, kann eine chronisch falsche Aussprache des Namens schmerzhaft sein. Die Konfrontation mit diesem Schmerz wartet an jeder Ecke: Ob in der Schule, im Wartezimmer der Arztpraxis, am Arbeitsplatz oder, wenn ein Polizist den Ausweis kontrolliert. Angst, Scham, Chancenlosigkeit. Der Name kann viele negative Erinnerungen und Emotionen in Namenstragenden auslösen und Fläche für Verwundbarkeit bieten.

An all meine süßen Almans da draußen, die jetzt nervös werden: Kein Grund zur Verunsicherung. Fragt einfach nach! Und macht bloß keine Witze über den Namen – sonst seid ihr nicht süß, sondern total unsensibel. Es ist nicht schlimm, dass Lars meinen Namen falsch ausspricht. Aber er muss es versuchen. Das ist eine Frage des Respekts. Wenn wir Annegret Kramp-Karenbauer richtig aussprechen können und auch müssen, dann doch wohl auch jeden anderen Namen. Gefasst korrigiere ich ihn. Ich spreche meinen Namen so aus, wie ich will, dass Lars ihn auch ausspricht. Langsam, verständlich und ohne zu viel iranisch-gerolltes R. Nur mein Name. Nichts weiter – keine Entschuldigung, kein „Ist lang und schwierig, ich weiß, sorry, hab’s mir nicht ausgesucht“, kein verschüchtertes Lachen.

Sich nicht verbiegen lassen

Es sind ebendiese Momente, in denen ich tief Luft holen muss. In denen ich entscheiden muss, welche Person ich sein will. Der radikale, undankbare Sturkopf, der auf beidseitige Anpassung beharrt oder die überassimilierte Frau, die sich wünscht keinen Migrationshintergrund zu haben. Nach vielen Jahren habe ich mich für ersteres entschieden. Meinen Namen selbst extra falsch auszusprechen, hieße mich in gewisser Weise selbst zu verraten und mir nicht den nötigen Respekt zu geben, den ich mir von der Mehrheitsgesellschaft wünsche. Also fängt der Wandel vielleicht doch nicht bei Lars an, sondern bei mir. Mit den Jahren werde ich zunehmend radikaler. Aber ich werde auch gefestigter, weil ich mich nicht weiter verbiegen lasse. Und mit meinem unverbogenen Namen fängt es nun mal an.

Lars kann mittlerweile meinen Namen. Dass er darauf besonders stolz ist und mich bei der Aussprache meines Namens jedes Mal mit großen Augen ansieht, ist aber nochmal ein anderes Problem. Ich muss nicht dafür dankbar sein, dass er meinen Namen richtig ausspricht.

Zu diesem Thema findet sich sogar ein alter Radiobeitrag von mir (2016, Hochschulradio Kölncampus):

 

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