Die Möchtegern-„Sittenwächter” vom Handelskai: Wie die Schlagzeilen negativ auf das Opfer zurückgefallen sind.

18. Oktober 2023

 September, Wien Handelskai: Eine junge Tschetschenin wird von zwei Landsmännern bespuckt und verprügelt, da sie angeblich nicht adäquat gekleidet gewesen sei und keinen Hijab trug. Die Schlagzeilen nach dem Vorfall häuften sich, innerhalb der Community wurden Gerüchte gestreut. Der Haken an der Sache: Die 17-jährige Amina*, das Opfer, wurde bislang in keinem Medium zitiert – um Kleidungsvorschriften oder um das Kopftuch ging es nämlich gar nicht. Schlagzeilen hin oder her: Was zurückbleibt, ist eine verängstigte junge Frau, auf die die Berichterstattung jetzt negativ zurückfällt . Hier kommt sie erstmals selbst zu Wort.

Von Aleksandra Tulej

Mitte September kam es am Wiener Handelskai zu einer Auseinandersetzung: Amina wurde von zwei tschetschenischen Jugendlichen beschimpft und bespuckt, die „Kronen Zeitung” war zufällig vor Ort und wurde Zeuge der Szenen. Die Schlagzeilen ließen nicht lange auf sich warten: „Kein Kopftuch: Sittenwächter attackiert Frau!” las man in der „Krone.” Etliche andere Medien berichteten über den Vorfall, es hieß immer wieder, dass selbsternannte „Sittenwächter” Amina aufgrund der nicht-Einhaltung der in ihren Augen „korrekten” Kleidungsvorschriften angegriffen hätten. „Ihre Freundin, die ein Kopftuch trug, wurde in Ruhe gelassen.” – schrieben der Kurier und die Heute. Das Thema Tschetschenen und Sittenwächter, am besten noch mit der Kombi mit dem Islam, zieht einfach immer, das weiß jedes österreichsiche Medium, das wissen auch wir. Aber was war passiert, nachdem medial mit Aminas Geschichte Klicks generiert wurden? Warum wurde nicht mit dem Opfer direkt gesprochen? Es geht hier immerhin um eine Minderjährige, die in den Schlagzeilen zwar anonym bleibt, in ihrem Umfeld jedoch klarerweise erkannt wird. Wie wirkt sich all das jetzt auf ihr Leben aus?  Sie wird in die Position gedrängt, sich rechtfertigen und erklären zu müssen: In ihrer Community und in der Öffentlichkeit, was sie doppelt belastet. Jetzt will sie aber sprechen, um einerseits ihre Geschichte richtig zu stellen und um zu erzählen, welchen Backlash sie nach dem Vorfall erfahren musste.

Es ging nie um das Kopftuch.

 „Das stimmt so einfach nicht, das Kopftuch war nicht das Thema. Mit mir oder meiner Freundin, die vor Ort war, hat keins dieser Medien gesprochen. Ich weiß nicht, woher man diese Info hatte”, erklärt Amina. Medienberichten zufolge wurde Aminas Freundin „nur in Ruhe gelassen, da sie ein Kopftuch getragen hat.” – Kleidungsvorschrfiten waren nicht der Streitpunkt.

Vielmehr ging es darum, dass ein Jugendlicher aus der Community ein drei altes, kompromitierendes Video von Amina verbreitet hatte. Am 11 September sollte es am Handelskai zu einer Aussprache zwischen den Jugendlichen kommen, Amina nahm eine Freundin mit, der junge Mann zwei seiner Freunde: Schnell entgleiste die Situation verbal, und es kam zu Handgreiflichkeiten. „Einer von ihnen hat mich direkt als Hure beleidigt und mich daraufhin angespuckt, ich bin daraufhin ausgezuckt und habe zurück gespuckt.” Daraufhin wollte der junge Mann mit Aminas Vater telefonieren – sie gab ihm ihr Handy in die Hand, der Vater versuchte am Telefon, die Situation zu deeskalieren - vergeblich. „Einer der anwesenden Jungs hat mir daraufhin mit der Faust ins Gesicht geschlagen, dann bin ich ohnmächtig geworden und erst wieder zu Bewusstsein gekommen, als die Rettung da war. Die Jungs sind zu dem Zeitpunkt schon längst abgehauen.”

„Du Lügnerin”

Die Schlagzeilen machten schnell die Runde, was auch bei Jugendlichen in der tschetschenischen Community für Unmut sorgte – ihr wurde vorgehalten, den Medien und der Polizei erzählt zu haben, dass sie wegen des fehlenden Kopftuchs angegriffen wurde, und somit gelogen zu haben. All das fiel negativ auf Amina zurück: „Die Leute in der Community lesen diese Berichte, sprechen alle darüber, das ist mir sehr unangenehm. Aber keiner weiß, was wirklich vorgefallen ist. Ich wollte keine so große Sache daraus machen, wir hätten das einfach untereinander klären können”, so die 17-jährige, die während unseres Gesprächs schüchtern und verängstigt wirkt. Amina wird seitem immer wieder von anderen selbsternannten Sittenwächtern beschimpft, bedroht und  hat laut eigener Aussage Angst, auf die Straße zu gehen. „Ich fühle mich nicht mehr sicher in Wien. Meine Mutter hat sogar Angst um mich, wenn ich den Müll hinuntertragen gehe.”, so die junge Frau.

„Wenn du aussagst, wirst du noch sehen, was passiert”

Nach dem Vorfall am Handelskai tätigte Amina eine Aussage bei der Polizei – obwohl sowohl ihr als auch ihrer Freundin von Seiten der Jugendlichen, die auf sie losgegangen sind, gedroht wurde.  „Wenn du aussagst, werdet ihr noch sehen, was passiert” – bekam ihre Freundin am Telefon zu hören. Davon wollten sich die beiden jungen Frauen aber nicht einschüchtern lassen. Ein paar Tage später kam es laut Amina endlich zu einer Aussprache in einer Wiener Moschee. „Sie haben sich bei mir für den Vorfall entschuldigt. Mir ist eigentlich egal, ob sie eine Strafe bekommen oder nicht. Ich will einfach nur, dass das alles aufhört, und dass sie das niemals wieder bei einer anderen Frau tun.”

 

Was sagt die Polizei?

Es wird gegen einen bekannten und einen bislang unbekannten Täter wegen des Verdachts der Körperverletzung ermittelt. In sozialen Medien werden immer wieder Fotos von meist Jugendlichen oder jungen Erwachsenen geteilt und aus verschiedensten Gründen zu Gewalt aufgerufen. Ob das konkret „Sittenwächter“ waren, kann nach jetzigem Ermittlungsstand nicht bestätigt werden.“ , heißt es auf Nachfrage bei der LPD Wien. „Sowohl das LVT Wien als auch das LKA Wien beobachten die Situation bezüglich der Sittenwächter laufend.“, heißt es weiter. „Derzeit ist die Lage ruhig und es gibt keine auffallende Häufung von Fällen oder Anzeigen.“

 

Zum Begriff der „ Sittenwächter”

Der Begriff der „Sittenwächter” entstammt aus dem „Adat”, dem tschetschenischen Gewohnheitsrecht. Historisch und kulturell gesehen fungierten die Sittenwächter als eine Art Ordnungs- und Schutzorgan. In Tschetschenien gab es lange keine staatlichen Organe wie Polizei oder demokratisch gewählte Politiker:innen – die Sittenwächter kümmerten sich also darum, dass die Regeln und Gesetze vom Volk eingehalten wurden. „Mit diesen Halbstarken hier in Wien, die Frauen verprügeln oder irgendjemanden auf Social Media bloßstellen, hat das aber nichts zu tun. Die interpretieren das einfach ganz falsch und werfen ein negatives Bild auf unsere Community – wir wollen diese Versager selber nicht hier haben”, erklärt ein Community-Insider, der anonym bleiben möchte. „Vorfälle wie dieser sind insofern gefährlich, weil diese Jugendlichen dann glauben, sie hätten irgendwas erreicht. Dabei sind es einfach Männer, die nichts drauf haben, die keine Frau abkriegen, sich nicht benehmen können, und sich deshalb über so ein peinliches Verhalten profilieren. Das hat weder etwas mit dem Islam noch mit den tschetschenischen Sitten zu tun.” Der radikale Rand ist wie immer am Lautesten, die Community wolle sich davon distanzieren.

Der Sittenwächter-Prozess 2021

Aber wer sind „die“ eigentlich? Auf Telegram-Kanälen wie „Tallamhoy“ (Allessehende) oder „BFU-TV“ haben tschetschenische Männer Fotos und Informationen über ihre Landsfrauen verbreitet, um diese „auf ihr fehlerhaftes Verhalten hinzuweisen“- was in der Praxis bedeutet, dass diese Frauen bedroht und bloßgestellt wurden. 2021 kam es zum Prozess. Von den fünf Angeklagten wurden vier Freigesprochen, der Hauptangeklagte wurde zu 15 Monaten Haft, fünf davon unbedingt, verureilt – dabei wurden die 6 Monate U-Haft angerechnet. Die Unterlagen liegen BIBER vor.

 


 

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