Femizid: Die Spitze des Patriarchats

10. März 2021

Meine 35-jährige Tabakverkäuferin wurde am Wochenende von ihrem Ex brutal angegriffen. Das war weder ein „Familiendrama“ noch ein Einzelfall, sondern ein gezielter Femizid-Versuch. Wieso Frauenmorde immer noch geschehen.

Triggerwarnung: Der folgende Artikel thematisiert Gewalt an Frauen und kann belastend und retraumatisierend wirken.

 

Die Tür zu meiner Trafik an der Spitalgasse war schwarz verkohlt, als ich am Samstag hin wollte. Davor waren Kerzen aufgestellt und Bilder der Frau, von der ich seit Monaten Briefmarken, Tabak und Zeitschriften hole. Es dauerte ein bisschen, bis ich verstanden habe, was vor sich ging. Sie war erst 35. Mit Benzin überschüttet hat ein Ex-Freund sie und das Geschäft in Flammen gesteckt, jetzt liegt sie in einem Koma. Einer von etwa 40 Femiziden, die pro Jahr in Österreich verübt werden, geschah vor meiner Haustür.

Femizid oder Feminizid: Der Begriff meint den expliziten Mord an Frauen, ausgeübt weil es Frauen sind. Immer wieder lese ich dazu Schlagzeilen wie „Familien-Drama“ oder “Rosenkrieg”, was die Brutalität dahinter vollkommen relativiert. Auch in diesem Fall titelt die Krone “Eifersucht als Motiv?” und rätselt um die Hintergründe. Die korrekte Benennung als „Femizid“ ist in den Medien die Ausnahme und nicht die Regel. Aber wie kommt es überhaupt dazu? Femizide als solche sind nur die Spitze des Eisberges. Die Rate der Gewalt gegen Frauen steigt in Österreich und auf der Welt seit Jahren an. Einer Erhebung der EU zufolge hat jede dritte Frau schon ab dem 15. Lebensjahr sexuelle Belästigung, jede fünfte körperliche Gewalt und jede siebte Stalking erlebt. Zudem war der Anschlag auf meine Trafikantin kein Einzelfall, im Jahr 2017 sind in Europa laut offiziellen Zahlen 3000 Femizide verübt worden.

Es fängt nicht bei Mord an

So etwas geschieht nicht aus dem Nichts, oft ist die Gewalt durch eine toxische Beziehung bereits absehbar. Emina Saric, Vorsitzende vom Verein für Männer- und Geschlechterthemen, zufolge, ist bei „finanzieller und emotionaler Abhängigkeit“ Vorsicht geboten. In einem Interview sagte sie uns: „An der Sprache können Gewaltgrade eingeschätzt werden“. Eine Broschüre des Vereins autonomer Frauenhäuser gibt konkrete Beispiele: Sätze wie “Du musst nicht arbeiten, wir kommen ja schon aus” oder “Deutschkurse brauchst du nicht, ich kann dir übersetzen” schaffen ein konkretes Machtgefälle, aus dem es für Betroffene schwer ist auszubrechen. Die Frauenhäuser Wien beraten auf Deutsch, Englisch, Türkisch und Italienisch und wollen aus der Ohnmacht heraus helfen. Das Angebot umfasst zusätzlich 137 Plätze für Frauen und Kinder, die fliehen müssen.

Pandemie wirft Frauen zurück

Neben der Finanzierung von Frauenhäusern ist die Antwort der Politik auch eine Förderung feministischer Vereine. Hier sind die Gelder jedoch gesunken und reichen nicht aus. Was es wirklich braucht, um Fälle wie den Brandanschlag vom Wochenende in Zukunft zu verhindern, ist ein gesamtgesellschaftliches Bewusstsein. Das heißt: Prävention in der Pädagogik, Weiterbildungen auch in Berufsfeldern und der Wille jedes Einzelnen zu lernen und anders zu handeln. Die Pandemie hat einiges zurückgeworfen. „Die ungleiche Verteilung unbezahlter Arbeit, Lohngefälle, berufliche Aufstiegschancen und Väterkarenz sind sowieso in letzter Zeit in den Hintergrund geraten“, sagt Emina Saric: „In der Pandemie treten sie intensiver zutage.“

Vielleicht hätte sich dieser Mordversuch vorbeugen lassen, hätte der Staat die richtigen Initiativen gefördert. Vielleicht auch nicht. Ich jedenfalls musste am Wochenende auf schmerzliche Art begreifen, dass Femizid kein abstrakter Begriff ist und die Debatte um Gewalt an Frauen überhaupt keine Debatte. Es ist ein großes Problem, dass ständig und immerzu Opfer fordert. Dem ein Ende zu setzen liegt an jedem von uns und kann schon lange nicht mehr warten.

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