Hast du Geld, du kleine Schlampe?

12. Juni 2015

StreetHarrassmentVideos

Youtube Catcaller
Screenshot: Youtube/StreetHarrassmentVideos

Schauplatz Wien 1010, der wunderschöne Wiener Stadtpark.

Ich mache es mir unter einem Baum mit einem Buch gemütlich. In kurzer Hose und Bikinioberteil-genau wie circa 15 andere um mich herum auch, draußen hat es gefühlte hundert Grad. Nach einer Weile mache ich die Augen zu. Wien ist eigentlich so eine coole Stadt, denke ich mir. Man kann sich mitten in der City schnell mal zum Sonnen auf die Wiese legen und entspannen, und das Großstadtgetue um sich herum vergessen. 

Es ist ja eh nix passiert.

Plötzlich taucht über mir ein Schatten auf. Nicht neben mir, wirklich über mir. Leicht verwirrt richte ich mich auf, und sehe einen Mann oder besser gesagt einen Jungen, nicht älter als ich selbst, der sehr nah an mir dran steht und mich mit einem durchbohrenden Blick angafft. „Hast bissi Kleingeld?“, fragt er und zwinkert mir unmissverständlich zweideutig zu. Als ich verneine, schließe ich wieder die Augen und warte, bis er weggeht. Doch er stellt sich noch näher zu mir, beugt sich zu mir nieder und meint „Ajaja du kleine Schlampe hast so kleine Titties, da kannst du gar kein Geld haben. Tz tz tz.“ Bitte was? Diesmal setze ich mich ruckartig auf und bin erst mal baff. Er mustert mich mit so einem ekligen, durchdringenden Blick , spuckt ein paar Zentimeter neben mir her, und verabschiedet sich mit einem „kleine Schlampe.“

Po-Grapsch-Paragraph und so. 

Natürlich will man so etwas nicht über sich ergehen lassen, aber wie soll man sich im ersten Moment wehren? Wie so oft in solchen Situationen hat natürlich niemand von den anderen Menschen auf der Wiese was gesehen oder mitbekommen. Ob absichtlich oder nicht. Einem selbst fallen im Nachhinein dann zehn Sprüche auf, die man hätte kontern können. Körperlich wurde man ja nicht angegriffen, deshalb ist einem ja theoretisch nichts passiert. Wobei das ja nicht mal das größte Problem ist, wenn einem ein fremder Typ beim Fortgehen an den Hintern grapscht, ist ja auch nichts passiert. Po-Grapsch-Paragraph und so.

Das Gefühl, sich selber kurz einfach grindig vorzukommen.

Ich kenne den „kleine Schlampe“-Herren nicht persönlich, ich werde ihn vermutlich nie wieder sehen. Wozu also die Aufregung? Es geht nicht darum, was er gesagt hat. Wenn er mich mit einem „Ey kleine Schlampe, was für ein großer Kopf“,  „Was für fette Oberschenkel“ oder von mir aus „Was für dicke Zehen“ beäugt hätte, es wäre genauso schlimm gewesen. Es geht um die Tatsache, dass ein fremder Mann sich aus dem Nichts das Recht herausnimmt, über meinen Körper zu urteilen.

Das mulmige Gefühl im Nachhinein ist das, was mich aufregt. Dasselbe Gefühl, das man hat, wenn einem auf der Straße nachgepfiffen wird, und man an dem Typ mit gesenktem Blick vorbeigegangen ist. „Schau doch nicht so grimmig, du wärst hübscher wenn du lächelst.“ hört man dann noch oft im Anschluss. Doch was gibt es hier zu Lachen?

Es ist dasselbe Gefühl, das man hat, wenn eine betrunkene Männergruppe einem blöde Bemerkungen nachschreit. Dasselbe Gefühl, das man hat, wenn einem in der U-Bahn im Massengedrängel in den Schritt gefasst wird, und man dazu von dem ekelhaften Mann noch angezwinkert wird. Dasselbe Gefühl, wenn man dem Taxifahrer sagt, man hätte nur noch so und so viel Geld, er solle einen früher rauslassen, er nach hinten zu deiner Hand greift und meint „Wir können auch anders regeln.“ Das ist dieses Gefühl, irgendwas falsch gemacht zu haben. Das Gefühl, nicht gut genug reagiert zu haben. Das Gefühl, sich selber kurz einfach grindig vorzukommen. Obwohl man selbst nichts gemacht hat. Ich bin mir bewusst, dass dieses Schuldgefühl bei Vergewaltigungsopfern sehr ausgeprägt ist, was man sich auch gut vorstellen kann.

Doch wieso fühlt man sich so wenn „eigentlich nichts passiert ist“?

Ich bin nicht „selber Schuld“ wenn ich im Bikini auf einer Wiese liege.

Und nein, ich bin nicht „selber Schuld“ wenn ich im Bikini auf einer Wiese liege, ich laufe damit ja nicht durch die Stadt. Sexuelle Provokation ist für mich etwas anderes. Ich möchte nicht die Straßenseite wechseln müssen, wenn ich Abends nachhause gehe und eine größere Männergruppe vor mir steht. Wenn man Glück hat, passiert eh nichts mehr als eine Musterung mit ihren Blicken. Im Englischen gibt es für solche Personen einen Begriff. „Catcallers“ nennt man Männer, die Frauen auf der Straße hinterherpfeifen, - rufen, oder mit Schnalz- oder Tiergeräuschen nach ihnen werfen. Mir ist bewusst, dass solche Catcaller-Situationen wahrscheinlich so alt sind, wie die Menschheit selbst, dass sie passiert sind und passieren werden. Mir ist bewusst, dass Frauen tagtäglich verschleppt und vergewaltigt werden, und dass das die echten Probleme sind.

Aber wieso werden dann die Situationen, die ich oben beschrieben habe, stets so hinuntergespielt? Hier fängt es doch meistens an. Und da kann man mit noch so guten Abwehrsprüchen um sich werfen, noch so tough und gefasst sein- dieses seltsame, ungute Gefühl im Nachhinein bleibt meistens bestehen.  

Bringt dir nix, bringt mir nix.

Und es ist, und bleibt, leider, ein Frauenproblem. Mir ist Folgendes aufgefallen, und das ist keine Unterstellung, sondern nur ein Fakt: Wenn man einem Mann davon erzählt, was einem in so einer, nennen wir es, „eh-nix-passiert“- Situation wiederfahren ist, finden sie es natürlich ungut und haben Mitleid mit einem. Aber so ganz nachvollziehen können sie es glaube ich nicht. Einige Männer die ich gefragt habe, fänden es sogar „geil“, von einer fremden Frau auf egal welche Weise angemacht zu werden. Es ist deshalb keine Unterstellung, weil man sich dieses Grindsgefühl als Mann nicht so gut vorstellen kann, da es umgekehrt viel seltener passiert.

Viele Mädels (und vielleicht auch Männer?), die das lesen, werden sich von den Problemen angesprochen fühlen. Ob unter den männlichen Lesern jemand dabei ist, der Täter und Verursacher solcher Situationen ist, weiß ich nicht.

Ihr wärt hübscher, wenn ihr lächelt. 

Aber falls ja, bleibt nur eines dazu zu sagen. Bitte, tut das nicht mehr. Was erwartet ihr euch dabei? Keine Frau wird sich nach einer aggressiven, abwertenden Anmache zu euch umdrehen und meinen „Hey, du scheinst ja ein toller Typ zu sein. Lass uns mal was machen.“ Keine Frau mag die vermeintlich unauffälligen Grapschversuche von fremden Männern. Wir kriegen das sehr wohl mit. Keine Frau freut sich über Bemerkungen über ihren Körper von Fremden, seien sie positiv oder negativ. Solche Bemerkungen und verbalen Angriffe verursachen nicht nur psychische und körperliche Schäden, sondern auch Ängste und Unsicherheiten. Und wer würde nicht lieber mit einer selbstbewussten Frau ausgehen, als mit einer verunsicherten, die mit gesenkten Augen durch die Welt geht. Und Zweiteres wird oft durch genau so ein Verhalten ausgelöst. Bringt dir nix, bringt mir nix. Und das Grindsgefühl, wie ich es jetzt nenne, kann man auch nicht so schnell abschütteln. Deshalb: Es ist nicht „Eh nix passiert.“

Und verdreht doch nicht die Augen, ihr wäret hübscher, wenn ihr lächelt.  

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Kommentare

 

die typen, die meinen, man übertreibt
oder dass sies geil fänden von einer frau belästigt zu werden
snid meistens dieselben, die schockiert berichten was für lebenslanges trauma sie haben, weil sie EINMAL unangenehm von einem schwulen belästigt wurden.....

 

Im Stadtpark gibt es seit etwa fünf Jahren einen Jungen, der sehr aggressiv bettelt. Er begrapscht Mädchen und beschimpft Typen, wenn sie ihm nichts geben. Er wirkt nicht, als wäre er psychisch gesund. Wie denn auch- als wir ihn zum ersten Mal sahen, war er vielleicht zwölf und musste sich schon "durchschlagen". Deiner Beschreibung nach war er das. Was dir passiert ist, ist schlimm und unangenehm. Aber ich finde, das sollte in einem Artikel nicht als Beispiel für Alltagssexismus verwendet werden. Trotzdem: Dass man als junge Frau nicht zwischen der Anmache eines Mannes und der gestört-aggressiven Reaktion eines Bettlers unterscheiden kann, ist eine traurige Folge von Sexismus, die man sich als Leser vor Augen führen sollte.

 

Du unterstellst der Autorin ziemlich leichtfertig, dass es sich bei dem Angriff um diese gestörte Person handelt, um dann ihren Beitrag ziemlich abzuwerten. Woher willst du fix wissen, dass es diese Person war? Was wenn nicht?
Und mich interessiert es, was rauskommen würde, wenn man in Wien so ein Video machen würde, wie es oben als Bild gezeigt wird. Vorgeschmack aus Belgien: https://www.youtube.com/watch?v=H0uQInTECI4

 

zuerst blöd anlabern und wenn du sagst du hast kein Interesse, dann
"bis eh ur schierch"
da hilft nur eine in die Fresse vorausgesetzt er schlägt nicht zurück und du hast gerade eine karate-ausbildung oder sonstiges hinter dir....

 

Was du über die Reaktionen deiner männlichen Bekannten erzählst, ist aus meiner Sicht ein ganz entscheidender Teil des Problems. Ich finde es eigentlich relativ schade, falls es für deine männlichen Bekannten dieses Bewusstsein, dass da etwas falsch läuft, nicht gibt. Bei mir selbst löst es, wenn ich z.B. beim Fortgehen begrabscht werde (egal von welchen Geschlecht), sehr ambivalente Gefühle aus. Einerseits fühlt ich mich "hot" und begehrt andererseits spüre ich aber auch ganz deutlich, dass das eine Grenzüberschreitung war. Klar Party ist ein anderer Kontext... Aber irgendwie Schade, dass Männern das so viel mehr Bestätigung zu geben scheint, als dass sie es auch abstoßend finden.
In beiden Fällen geht es um Grenzüberschreitungen. Wenn "uns" Männern aber scheinbar das Bewusstsein fehlt, dass dies Grenzüberschreitungen (auch bei uns selbst) sind, dann ist es zu einer Lösung des Problems noch ein weiter Weg.
Ich wollte damit nicht in Frage stellen, dass Frauen viel öfter und auch intensiver von solchen Grenzüberschreitungen betroffen sind. Dennoch sehe ich darin ein an sich "geschlechtsloses" Problem, dass nur durch die patriachalen Strukturen, ein "Frauenproblem" wird. Wenn wir aber etwas daran ändern wollen, wäre es - meiner Meinung nach - sinnvoll ein Problembewusstein und ein Gefühl für Grenzen bei allen Geschlechtern zu etablieren.

Und um das ganze noch spannender zu machen oute ich mich auch noch als Täter...
Ich habe als 14jähriger in Folge einer dummen Mutprobe einer Schulkollegin bei einer "Discparty" an den Hintern gefasst. Inzwischen ist mir das natürlich sehr, sehr unangenehm. Doch illustriert dies relativ gut die Problematik - wo kein Unrechtsbewusstsein da gibt es relativ schnell auch Täter. Wenn sich aber Nationalratsabgeordnete hinstellen können und sich damit brüsten, Pograbscher zu sein, dann zeigt das, wie weit wir von einem solchen Unrechtsbewusstsein entfernt sind.

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