Ich will nicht nur queer sein!

08. August 2023

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Mathias Psilinakis ist Stipendiat in der biber Akademie. (C)Zoe Opratko

Ich will mich nicht dauerhaft outen, und schon gar nicht für meine Sexualität bejubelt werden. Denn trotz aller Privilegien, die ich in diesem Prozess genießen konnte, haben mich die Reaktionen meiner Mitmenschen immer wieder aufs Neue gestört. Darüber, wie mein Outing, und nicht meine Sexualität, zum Problem wurde.

Von Mathias Psilinakis

Ich bin bisexuell. Eine Errungenschaft ist das kaum, und Glückwünsche brauche ich erst recht keine. Denn um ehrlich zu sein sind mir die duzenden dramatischen Gespräche und emotionalen Beglückwünschungen im Rahmen meines Outing-Prozesses einfach zu blöd geworden.

Ich weiß, dass ich aus in einer ungeheuer privilegierten Position spreche: Akzeptanz bekam ich so gut wie immer, und bin dafür auch unglaublich dankbar. Tatsächlich waren die Reaktionen auf mein „großes Geheimnis“ fast ausschließlich positiv: In den allerwenigsten Fällen hatte ich die Befürchtung, Menschen in meinem Umfeld deshalb zu verlieren – und musste das auch nie. Ein Privileg, das nicht alle LGBTQIA+-Personen erleben dürfen, was mir natürlich bewusst ist. Mir ist ebenso bewusst, wie bedeutsam so ein Outing für viele Menschen auch sein kann. Und trotzdem fühle ich mich jedes Mal aufs Neue unwohl dabei, meine Sexualität der Öffentlichkeit wie in einem Hollywood-Drama bekanntgeben zu müssen. Muss das denn wirklich sein?

„Mama, wir müssen reden“

Begonnen hat meine Outing-Odyssee (denn so fühlt es sich mittlerweile an) vor einigen Monaten. Anfangs dachte ich mir nicht viel dabei: Eine besonders mühsame U6-Fahrt von Meidling nach Floridsdorf war Motivation genug und schon war mein Bumble-Profil nicht nur für alle Frauen, sondern auch für alle Männer im Radius von 30 Kilometern sichtbar. Yay! Als ich aber am darauffolgenden Tag einer Freundin ganz nebenbei davon erzählte, war es, als hätte ich ihr gerade von meinem Lottogewinn erzählt. „Oh mein Gott Mathias, das ist ja so toll, gratuliere!“ Hä?

Ich bin mir sicher, ihre Reaktion war gut gemeint, irritiert hat sie mich trotzdem. Leider war das jedoch nicht die einzige „interessante“ Reaktion, die mich in den darauffolgenden Tagen und Wochen erwartete. Und so begann auch ich, bei diesem Spielchen mitzumachen und mich den Erwartungen meiner Mitmenschen anzupassen. „Ich muss dir was erzählen“ und „Wir müssen reden“ waren nur zwei von den vielen Floskeln, die mit der Zeit feste Bestandteile meines Sprachgebrauchs wurden. Schon bald wurde aus einer (doch eigentlich recht simplen) Unterhaltung eine dramatisierte und hochkomplexe Inszenierung mit mir in der Hauptrolle.

Ich will hiermit überhaupt nicht in Frage stellen, dass wir als Gesellschaft (dank der LGBTQIA+-Bewegung) schon unglaublich wichtige Fortschritte in Bezug auf sexuelle Minderheiten errungen haben. Dass ich hier als bisexuelle Person über mein First World Problem jammern kann, ist nur einer von vielen Beweisen dafür. Und dass diese Art von Outing einer Unmenge an Menschen geholfen hat, ihre Erfahrungen jahrelanger Selbstzensur und Geheimtuerei aufzuarbeiten und endlich selbstbestimmt handeln zu können, will ich sowieso nicht anzweifeln.

Aber wäre es nicht einmal an der Zeit, Identitäten jenseits der Heteronormativität endlich auch zur Gänze zu normalisieren, sodass ein Outing-Prozess gar nicht mehr zwingend notwendig wäre? Natürlich gibt es all jene, die dies auch freiwillig tun. Aber wenn queere Personen den Druck verspüren, ihre Sexualität immer wieder zu betonen, um gesellschaftlich „anerkannt“ zu werden, dann bringt uns das doch auch nicht weiter.

Ich bin mehr als meine Orientierung!

In den letzten Monaten habe ich zwei Erkenntnisse gemacht: Einerseits, dass ich queer bin, andererseits, dass ich nicht nur queer bin. Ich will nicht, dass meine Sexualität dramatisiert oder sogar romantisiert wird, sondern dass sie schlicht und einfach als Teil von mir akzeptiert wird. Ich weiß ja eh, dass meine Freund:innen ganz toll sind und mich auch mit männlicher Begleitung willkommen heißen würden. Und ich wünsche auch allen anderen (geouteten und nicht-geouteten) Mitgliedern der LGBTQIA+-Community, dass sie nicht auf ihre Partnerwahl reduziert werden.

Ist das eine utopische Vorstellung? Vielleicht. Jammern auf hohem Niveau anlässlich meiner privilegierten Situation? Auf jeden Fall. Aber ich hoffe trotzdem, meine Sexualität nicht tagtäglich an die große Glocke hängen zu müssen, sondern vielleicht einfach mal in einen Nebensatz packen zu können. Oder einfach mal mit Julian statt Julia nach Hause zu kommen, und das ohne Trommelwirbel, Torte und Feuerwerke danach.

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