Seid’s ihr alle deppert?

21. Juni 2023

Ein Wiener Polizist, der den Notruf einer Frau nicht ernstnimmt, Causa Rammstein & Co.: Warum debattieren wir wieder einmal über sexualisierte Gewalt? Was steht hier bitte zur Debatte?  Wann hört das endlich auf? Und welche Mitschuld tragen wir Medien?

von Aleksandra Tulej

„Kann es sein, dass ihr zwei ein bissl deppert seid‘s?“ – so reagierte ein Wiener Polizist auf den Anruf einer Frau, die den Notruf gewählt hatte, weil ihr Ex-Ehemann auf sie mit einem Messer losgegangen ist. Als der Beamte versuchte, die Adresse nachzufragen, war nur mehr Schreien und „Geräusche die wie Lachen klangen“ zu hören, danach wurde das Gespräch abgebrochen. Ein Zeuge rief daraufhin nochmals bei der Polizei an und diesmal wurde der Anruf ernst genommen. Die Frau überlebte nur knapp. Die Konsequenz? Der Polizist wurde zu einer Geldstrafe von 8.000 Euro verurteilt, er darf weiter im Dienst bleiben. Ehrlicherweise hat mich diese Meldung nicht schockiert. Es werden sich kurz alle aufregen und bis zum nächsten Femizid dann schweigen, und dann wieder aufschreien. Auch wir Medien.

„Das ist halt Sex, Drugs& Rock’n’Roll“

Bekannterweise sorgte auch die Causa Rammstein in den letzten Wochen überall für Schlagzeilen: Anfang Juni 2023 warfen mehrere Frauen dem Rammstein-Frontsänger Till Lindemann sexuelle Übergriffe, Machtmissbrauch und teilweise die Verabreichung von Betäubungsmitteln im Rahmen von Rammstein-Konzerten vor. Die Konsequenz? Vorerst wurden die Afterpartys nach den Konzerten abgesagt und die „Row Zero“ gibt es nicht mehr. Die Ermittlungen laufen.

Was passiert aber in der Öffentlichkeit? Was tun wir Medien? Es wird – wieder einmal – über sexualisierte Gewalt debattiert. Aber warum, verdammt noch mal, debattieren wir überhaupt darüber? Es ist jedes Mal dasselbe: Eine Person, die in der Öffentlichkeit steht, wird mit Missbrauchsvorwürfen konfrontiert und sofort schreien alteingesessene Fans auf, dass ihr Idol so etwas doch niemals getan haben könnte und, dass die mutmaßlichen Opfer doch nur Aufmerksamkeit und Fame wollen. Egal, ob Sänger, Politiker, Schauspieler, ein Andrew Tate, die Liste ist ewig lang. So auch jetzt: In den letzten Wochen gab es unzählige Talk-Shows, Gesprächsrunden und öffentliche Stellungnahmen zu dem Fall Lindemann: Neben Solidaritätsbekundungen mit den Opfern kamen und kommen auch immer wieder Menschen, vorwiegend ältere Männer zu Wort, die Lindemann verteidigen:  „Der wird das nie getan haben“, „Das ist halt Sex, Drugs& Rock’n’Roll“, „Die Frauen wollen doch nur Aufmerksamkeit“, um nur wenige der verstörenden Aussagen zu nennen. Ich weiß, dass indem wir Medien solchen Menschen eine Plattform bieten, der Hintergedanke hierbei ist, aufzuzeigen, wie sie denken und wie viele Probleme wir in unserer Gesellschaft hinsichtlich diesen Themen noch haben. Aber ich bin gerade nicht ganz sicher, ob wir hier dabei das gewünschte Ziel erreichen. Das Machtverhältnis ist einfach zu unausgewogen, die mit den „kontroversen Meinungen“ schreien ja bekanntlich am lautesten. Ich frage mich an dieser Stelle einfach, wieso es immer und immer wieder genau derselbe Ablauf ist. Wie bringt uns das weiter? Und welche Konsequenzen hat das für Täter? In diesem Zusammenhang von "Cancel Culture" zu sprechen, ist mehr als geschmacklos. Bewährungsstrafen, oder Geldstrafen die vor allem einflussreiche Menschen mit Top-Anwält:innen leicht abschütteln können, sind auch keine ausreichende Maßnahme. Anstatt uns immer weiter im Kreis zu drehen und so zu tun, als wären das alles Einzelfälle und "es ist ja eh nichts passiert" zu murmeln, nehmen wir das bitte endlich ernst. Ich weiß, es ist unangenehm. Genau deshalb sprechen wir jetzt darüber. Das gilt vor allem für jene Männer - aber auch Frauen -, die jetzt defensiv den Kopf schütteln werden und sich fragen, ob es "wirklich so schlimm ist". Ja, ist es. 

Welche Frau denkt gerne an sexuelle Übergriffe zurück?

Niemand zwingt euch, eure Songs vom Handy zu löschen, niemand verlangt, dass ihr eure Shirts einer problematischen Band weghaut, oder keine Filme eines Regisseurs mehr schaut. Wer sich aber lieber Sorgen um das Image des mutmaßlichen Täters macht, als sich einzugestehen, dass Machtmissbrauch und sexualisierte Gewalt durchaus alltägliche Probleme sind, die gerne totgeschwiegen werden, dann haben wir echt ein Problem. Und wir sprechen hier ja eben bloß von den Fällen, die an die Öffentlichkeit gelangen. Aber genug zu den Medien, wir müssen über die Fälle reden, die nicht an der Öffentlichkeit sind.

Ganz, ganz viele Fälle werden niemals zur Anzeige gebracht. Weil sie aus Erfahrung nicht ernst genommen werden, oder aus Angst vor dem Täter, oder eben aus Scham. Welche Frau stellt sich freiwillig hin und erzählt öffentlich darüber, dass sie sexualisierte Gewalt erlebt hat? Welche Frau ist jemals dadurch „berühmt“ geworden, weil sie einen Täter angezeigt hat? Welche Frau will dafür „bekannt“ sein, ein Missbrauchsopfer zu sein? Wie viele Situationen habe ich und Frauen in meinem Umfeld in den letzten Jahren kleingeredet, totgeschwiegen und lachend abgetan? Unzählige. Wir sind mit dem Verständnis aufgewachsen, dass es normal ist, wenn dir als Teenagerin ein Typ im Vorbeigehen im Club an den Po grapscht, dass es normal ist, wenn jemand deine Betrunkenheit ausnutzt, dass es normal ist, dass man Männern irgendetwas schuldet, wenn man auch nur kurz ein „zu freundliches“ Signal gesendet hat. Und wenn man einmal für sich oder wen anderen aufgestanden ist und laut gesagt hat, dass eine Situation überhaupt nicht in Ordnung war?  „Stell dich nicht so an“, „Es ist ja nichts passiert“, „Jetzt komm mal runter“, waren die Klassiker. Das sind keine Aussagen von Tätern, sondern von Menschen im Freundeskreis gewesen. Auch von Frauen, auch von mir. Wir dachten lange, dass das alles normal ist. Es widert mich an, wenn ich jetzt darüber nachdenke. „Damals war es halt so, das waren andere Zeiten.“, hört man in Retrospektive. Ja, eh. Vielleicht versuchen wir auch, uns selbst zu schützen und vor uns selbst rechtzufertigen? Welche Frau erinnert sich schon gerne daran zurück, als ein fremder Mann seinen steifen Penis gegen sie in der U-Bahn gerieben hat? Welche Frau erinnert sich gerne daran zurück, als zwei Männer sie vor dem Club in ein Gebüsch zerren wollten? Ich nicht. Ich habe naiverweise geglaubt, dass all das nicht mehr passiert, wenn man älter wird. Bis mir vor einem Monat ein fremder, betrunkener Mann an der Straßenbahn-Haltestelle in den Po gekniffen hat. Wohlgemerkt stand ich im Hoodie und langer Hose da, auf keinste Weise irgendwie aufreizend oder sonstwas, was übrigens auch keine Rolle zu spielen hat. Dieses Gefühl von Ekel, das ich von früher zu gut kannte, hat mich dann tagelang begleitet. Ich habe diese Zeile in diesem Text übrigens gerade zwei mal gelöscht, aus Scham und aus Ekel. Aber damit ist jetzt Schluss. Und dann die Gedanken: Hätte ich nicht so laut Musik gehört, hätte ich ihn ja anschleichen hören, oder? Das sehe ich nicht mehr ein. Wieso muss ich dem entgegenwirken? Wie kommen wir dazu? Ich habe einfach echt keine Lust mehr, das immer und immer wieder zu erklären. Ein letztes Mal: Niemand denkt gerne an sexuelle Übergriffe zurück – allein, dass ich hier das ausschreiben muss, ist ein komplettes Armutszeugnis für unsere Gesellschaft. Aber nochmal: scheinbar gibt es immer noch genug Menschen, die ernsthaft glauben, dass man als Frau, die sexualisierte Gewalt erlebt hat, irgendeine Form von Aufmerksamkeit und Berühmtheit erlangen will. Seid's ihr deppert?

 

 

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